Wasting the Big Apple

Ich habe am Wochenende eine Sofa-Reise unternommen, die mir äußerstes Vergnügen gemacht hat. Mit dem Buch „Wasting the Big Apple“ hat mich Georg Raab mit nach New York genommen und mir ein paar interessante „Reality Sandwiches“ serviert.
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Auf 222 Seiten schildert der Autor und Künstler insgesamt 87 Tage in der Stadt, die angeblich niemals schläft. Angereist ist er im Jahre 2008 gemeinsam mit seiner Freundin, die als Begleiterin beim Abenteuer New York mit einem dialogischen Du immer wieder in das Geschehen eingebunden wird. Dein Geburtstag beginnt mit einem doppelten Paukenschlag: An diesem Tag bricht die Bank Lehmann Brothers zusammen, wovon wir aber erst Tage später erfahren werden. Am Abend vor deinem großen Tag macht meine Nase mit deinem Knie Bekanntschaft, als ich, im Bett über dich gebeugt, dich kitzele, worauf du reflexartig die Beine anziehst und diesen Volltreffer landest.
Georg Raab hat sich einer skizzenhaften Notation seiner Erlebnisse bedient und präsentiert diese, ohne dem Versuch einer Innenschau oder Selbstreflexion nachzugeben. Was auch immer Raab in und mit New York erlebt – an jedem einzelnen der 87 Tage seines Aufenthaltes gelangen Ausschnitte davon in sein spezielles Tagebuch. Wir erleben aus der Perspektive des Autors – quasi wie durch dessen Augen – den Big Apple mit allem, was dieser zu bieten hat. Auch mit seinen vielen „Würmern“, die dem Künstler bei seinen Streifzügen begegnen. Der Leser kann sich dem Vergnügen hingeben, die Wege durch die Stadt nachzuvollziehen. Er nimmt hier und da Witterung auf und zieht mit Raab am Ende des Tages eine Art Fazit.
gelernt:
Metro – Subway
receipt – Kassenzettel, Beleg
abundant – reichlich
borough – Stadtteil, Viertel
courtesy – Höflichkeit
respect
professionalism
Diese drei Worte zieren jeden Polizeiwagen im County N.Y.
Nicht gelernt:
Z.P.G

Es sind diese Reality-Sandwiches, wie sie der legendäre Allen Ginsberg servierte, die dem Leser hier so munden. Raab zitiert des Beat Poeten „Howl“ an vielen Stellen im Buch und verwebt sein Vorbild in das eigene Textgerüst. Ebenso verfährt er mit Max Frischs „Montauk“. Der ihm dann und wann auch zum literarischen Übervater taugt: Max, what would you have done? Die Gelegenheit beim Schopfe packen und sich von einem Einheimischen was über New York erzählen lassen? Genau so nutzt Raab aber auch Fortsetzungs-Artikel aus der Zeitung, in denen New Yorker Taxifahrern eine Frage gestellt wird. Durch diese textlichen Fundstücke wird die Realität der in der Stadt auf geniale Weise durch die dort lebenden Menschen gefiltert. Und mit den literarischen Vorbildern entsteht eine formidable Messlatte für die eigenen Erfahrungen.
Wiederholung und Reihung ist das künstlerische Medium des Georg Raab. Zum Beispiel greift er das strenge Raster der New Yorker Straßennummern auf. Diese legendären Zeichen der Großstadt sind längst durch Filme und Romane in das kollektive Gedächtnis gewandert. In Raabs Auflistung lesen sie sich wie das Mantra der konkreten Poesie. 1. Von 65th aus durch zur Lexington Av., dabei 2nd and 3rd Av. kreuzen, dann links Richtung Süden bis F-Train-Station >Lexington Av / 63rd St< Man lässt sich mit Begeisterung auf Raabs literarische Wahrnehmung der Realität ein, bei der auch so etwas Banales wie eine Notruf-Nummer zum absurden Theater wird:
NYC 311. Your city. Your needs. Your number. (Eine Auswahl).
311 senior services
311 your noisy neighbor
311 graffitti cleanup
311 a tree request
311 a broken street light
311 a dog license
311 a heat or hot water complaint
311 your towed vehicle

Überhaupt liebt es Georg Raab, sich mit diesen Abläufen eine Struktur zu schaffen, in welche er dann die erlebte Wirklichkeit einschreiben kann. In seiner Kunst verfolgt er dieses Prinzip sowohl bildkünstlerisch als auch literarisch schon seit langem und es scheint, als sei diese Herangehensweise die einzig wahre Sicht auf die Metropole New York. All die Augenfeuer, die vielen kleinen Details, Begegnungen und Beobachtungen, die man in dieser Stadt machen kann – Raab sortiert sie auf seine ganz eigene Art und so entsteht das nach und nach ein Bild vom Big Apple. In seiner Arbeit thematisiert der Künstler immer wieder das Moment Zeit. Dabei geht es ihm nicht nur um die Sichtbarkeit derselben, sondern es scheint, als wolle er in unserer immer schneller funktionierenden Gesellschaft ein Bewusstsein für Zeit schaffen. Dadurch liefert er auch ein Stück weit Entschleunigung im Subtext seiner Kunst mit.
Das Buch „Wasting the Big Apple“ war nicht geplant und ist dennoch eine folgerichtige Arbeit des Künstlers und Autors. Wenn an manchen Stellen dann doch auch die persönlichen Befindlichkeiten des Autors durchscheinen, wirkt das Buch auf unspektakuläre Weise sympathisch. Ich kann mir Zutritt zu einer Wohnung in New York verschaffen. (…) Das ist so cool.(…) Fuck! New York – the city that never sleeps! – Ich weiß, ich weiß, aber ich brauche meinen Schlaf
Indem er den Leser nicht auf seinen literarischen Assoziationen davon trägt, sondern Raum für das eigene Kopfkino lässt, gerät diese Beschreibung der Stadt zu einem absoluten Lesevergnügen, dessen formal-ästhetische Qualität nicht hoch genug zu loben ist.

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