Was tun bei Schreibblockaden?

„Die rhythmische Aktivität des Körpers, namentlich das Gehen, sein natürliches Schrittmaß und der offene Kontakt mit der Umgebung, die man durchwandert, helfen dabei, mentale Knoten zu lösen. Wie das lateinische Sprichwort so treffend sagt: solvitur ambulando (Du kannst es durch Gehen behandeln). Paul Devereux, Die Seele der Erde entdecken

Hach, was für eine schöne Steilvorlage, die Kerstin Hoffmann da mit dem Aufruf zur Blogparade gegeben hat. Da will ich gerne mittun, ist doch das Kreative Schreiben eines meiner beruflichen Lieblingsthemen. Ich nutze es schon seit Jahren bei der Kunstvermittlung, aber einige der Rezepte helfen mir auch beim Schreiben eigener Texte. Nicht nur als Bloggerin, auch als Buchautorin trifft mich beinahe täglich die Frage: wie fange ich einen neuen Text an. Dafür hab ich so einige Methoden, die ich sehr gerne mit euch teilen möchte.

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Aller Anfang ist schwer

Meist ist es doch der Einstieg, der eine Hürde darstellt, die genommen werden will. Ist der erst einmal geschafft, fließen die Worte gleich viel leichter. Auch für diesen Blogbeitrag überlegte ich, mit welchem Impuls ich meinen Einstieg gestalten könnte. Und da fiel mir eine Möglichkeit ein, die mir schon in vielen Fällen geholfen hat, meine Gedanken in Fahrt zu bringen. Ich suche mir Zitate zu dem Thema, über das ich schreiben möchte. Die sind dann wie ein sanfter Schubser. Literarisch wertvoller Rückenwind sozusagen. Das heute gewählte Zitat stammt von einem Wissenschaftler, der sich mit der heilenden Kraft der Natur beschäftigt hat. Auch wenn er stellenweise sehr esoterisch daherkommt, sind einige seiner Gedanken unglaublich gut. Ich denke, viele von euch haben die von ihm beschriebene Erfahrung schon einmal gemacht: nach einem Gang an der frischen Luft schreibt es sich nochmal so gut! Es gibt tatsächlich auch eine eigene Wissenschaft, die sich mit den Möglichkeiten des Spazierengehens auseinandersetzt. Ein herrliches Mittel gegen Schreibblockaden!

Bausteine für das Content-Gebäude

Gehen wir aber noch einmal einen Schritt zurück. Vor dem legendären ersten Satz braucht es ja zunächst auch einmal jede Menge Inhalt, den man im Text verarbeiten will. Das möglichst schön hinzukriegen, ist ein weiterer Schritt. Jetzt geht es erst einmal darum, Ideen zu sammeln. Und da kenne ich eine Methode, mit der man auf hervorragende und unkomplizierte Art und Weise Material für ein Thema sammeln kann. Die ABC-Liste!!

Ich vergleiche diese Methode gerne mit dem Spiel “Stadt, Land, Fluss”. Mit der ABC-Liste kann man nämlich auch fantastisch seine Kreativität trainieren. So, wie mit dem Spiel seine geografischen Kenntnisse. Besonders gut funktioniert sie übrigens, wenn man sie auf Zeit erstellt. Also folgendermaßen: Man schreibt das ABC senkrecht auf ein Blatt. Und setzt oben drüber ein Thema, zu dem die Liste assoziiert werden soll! Dann nimmt man sich einen Timer … auf die Plätze … fertig … los! Nun hat man eine Minute, um passende Begriffe entlang der Buchstaben des Alphabetes zu finden. Ich gebe meist den Tipp, dass man sich nicht von A nach B hangeln sollte, sondern einfach die Liste immer wieder rauf und runter lesen … und dann plötzlich … Zack … kommt einem bei einem Buchstaben ein Gedanke, ein Einfall. Der Zeitdruck verhindert übrigens, dass man sich an einem Buchstaben die Zähne ausbeißt und in eine Gedankenschleife gerät, aus der man nicht mehr hinausfindet. Und man erreicht auch – am Filter des Bewusstseins vorbei – tiefere Wissensschichten, die meist im Unterbewusstsein vergraben sind.

Die ABC-Liste ist eine Erfindung der großartigen Vera F. Birkenbihl. ich habe diese kluge Kreativitätspäpstin schon immer sehr bewundert. Und bei ihr findet man noch viele andere Techniken … auch und vor allem gegen Schreibblockaden!

Mit den Begriffen aus der ABC-Liste lässt sich nun wunderbar weiterarbeiten. Man kann sich z.B. die fünf wichtigsten Begriffe heraussuchen und damit einen Text beginnen. Man kann aber auch zu einem verwandten Thema eine zweite Liste machen und beide miteinander kombinieren, indem man Querverbindungen sucht. Das ist dann schon die hohe Kunst des lateralen Denkens. Eines der besten Kreativitätstrainings, das ich kenne. Ich bin immer wieder überrascht über so manches unerwartete Ergebnis!!

Wortgraffiti

Zauberschlüssel für verborgene Ideen

Immer wieder gerne genommen: die Mind Maps oder Cluster-Techniken. Damit lässt es sich auch ganz wunderbar gegen Schreibblockaden angehen. Mir kommt ein möglichst freies Assoziieren sehr entgegen. Und jegliche kreative Schnörkeleien setzen bei mir massenhaft Einfallsblitze in Gang. Das ist sicherlich eine Typfrage. Manch einen macht es vielleicht verrückt, wenn es zu bunt zugeht. Doch mir kann es nicht bunt genug sein. Und so präsentiere ich euch als letzten Tipp noch das Wortgraffiti … auch eine Methode von Vera F. Birkenbihl. Je mehr man das Wort, welches man als Ausgangspunkt für die Gedankenreise ausgewählt hat, mit kleinen Zeichnungen und bunten Farben verziert, umso mehr reichert sich das Thema an. Nicht unähnlich den Telefonkritzeleien, die jeder schon mal ausprobiert hat.

Das soll es für heute mit den Tipps gewesen sein. Ich bin äußerst gespannt, was im Laufe der Blogparade noch zusammengetragen wird. Tolles Crowdsourcing! Als Bonbon habe ich noch dieses hier: eine Liste von Empfehlungen, wie man gute Prosa schreibt! Von Jack Kerouac. Einige seiner Hilfsmittel lassen sich wunderbar auch für andere Zwecke adaptieren.

In seiner Liste der unentbehrlichen Hilfsmittel gefällt mir direkt der erste Vorschlag besonders gut: man solle nämlich Notizbücher vollkritzeln, nur für sich selbst.  An anderer Stelle empfiehlt er, man solle literarische, grammatische und syntaktische Hindernisse beseitigen. Da hat er aber wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen. Oftmals ist das Streben nach Perfektion eines der größten Hemmschuhe kreativen Denkens und auch Schreibens. „Finde dich mit Verlusten ab, und zwar für immer!“ – setzt er dann noch hinzu! Und gibt dem Schreibanfänger mit auf den Weg, dass er „weder Angst noch Scham“ empfinden solle, “ wenn es um die Würde deiner Erfahrungen, deiner Sprache und deines Wissens geht.“

Mehr in: Chr. Loidl, I. Hintze, W. Gindl (Hrsg.): Die Jack Kerouac School Of Disembodied Poetics. Interviews, Porträts, Texte, Gespräche. Klagenfurt/Wien 1992

4 Comments

  1. Liebe Frau von Heyl,

    während ich seit vielen Jahren beim Texten gerne analytisch z. B. mit MindMapping vorgehe, wollte ich dies zukünftig etwas bunter angehen. Ihr Beitrag liefert mir dafür zwei wunderbare Ansätze. Die ACB-Liste war mir aus dem Gedächtnis entschwunden und das Wortgraffiti kannte ich bisher nicht.

    Vielen Dank für diese Kreativitäts-Inspiration!

    Manuela Seubert

    • Liebe Frau Seubert,
      das freut mich, wenn es eine Anregung für die eigene Arbeit sein kann.
      Herzliche Grüße
      Anke von Heyl

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