Wandern mit Nairs

Eine Woche Urlaub im Unterengadin hat mal wieder sämtliche Batterien aufgeladen. Schön war es – trotz des etwas durchwachsenen Wetters. Und wir haben am Tag vor unserer Abreise auch noch einen absoluten Höhepunkt erleben dürfen: die wunderbare Architekturwanderung, die vom Nairs – Zentrum für Gegenwartskunst angeboten wurde. Über diese Einrichtung habe ich schon im letzten Jahr geschrieben. Immer einer der ersten Gänge nach der Ankunft in Scuol, unserer Schweizer Heimat, führt uns zu dieser spannenden Kulturinstitution. Dort wird in diesem Jahr noch fieberhaft renoviert und es gibt keine Artists in Residence. Das hindert das Team um Christof Rösch aber nicht daran, ein Spitzenprogramm aufzulegen. Und hurra: Es passte zeitlich perfekt, so dass wir an der genialen Wanderung mit Köbi Gantenbein, Magda Vogel und John Wolf Brennan teilnehmen konnten. Wandern mit Nairs: ein Hochgenuss, über den ich euch gerne berichten will!

Wandern mit Nairs

Treffpunkt für das Wandern mit Nairs: Bahnhof in Ardez. Man beachte die Bahnhofsuhr!!!

Ardez

Schon die Ausschreibung hatte mich gepackt: Unter dem Stichwort Himmelsleiter 4 hieß es dort “Kirchen, Klänge, Worte”. Und nachdem mir auch Köbi Gantenbein und sein Hochparterre ein Begriff waren, wollte ich unbedingt mit von der Partie sein. Zumal ich die Kombination von Naturerlebnis, Bewegung und kulturellem Genuss einfach perfekt finde. Was mir auch noch gefallen hat: mit diesem Konzept zeigt die Fundazion Nairs, wie perfekte Freundes- und Förderkreis-Pflege geht!

Wandern mit Nairs

Kirche in Ardez

Unsere erste Station war eine Kirche etwas außerhalb des Örtchens Ardez. Dort erwarteten uns auch die beiden Musiker. Doch zunächst erzählte uns Köbi Gantenbein eine Geschichte aus seiner Jugend. Mit herrlich humorvollen Schilderungen thematisierte er die Reformation in Graubünden, die ich ehrlicherweise gar nicht so präsent hatte. Plötzlich wurde mir diese Landschaft, in der wir seit Jahren Urlaub machen, von einer ganz neuen Perspektive nähergebracht. Und dieser Schweizer Zungenschlag! Ich mag das ja. Wenn Gantenbein vom Italienerbüblein und vom Pater Alois erzählt zum Beispiel. Das klingt lustig und liebevoll zugleich. Und zeigt: Hier ist einer wirklich verwurzelt!

Dann kam die Musik! Ich hatte mich vorher schon mit kunsthistorischen Einordnungsversuchen an der Kirche abgearbeitet. Romanisch die Rundbögen. Aber sehr hohe Fenster und ein nach oben strebender Raum wie in der Gotik. Aha, sie stammt aus dem 17. Jahrhundert. Perfekt also für die Soundexperimente von Wolf Brennan und Vogel. Der irisch-schweizerische Musiker erstaunte mich mit der Art, wie er die Orgel einsetzte: Er ließ sie seufzen, wispern und klingen. Magda Vogel stieg mit ihrer Stimme ein und nahm die verschiedenen Klänge auf, spannte sie weiter in den Raum und so entstand eine Collage von Tönen, die den gesamten Raum erfüllte. Als ich auf der Wanderung Magda kurz meine Begeisterung für dieses Raumerlebnis ausdrückte, sagte sie: Warten Sie bis zur nächsten Kirche. Da sollte das noch getoppt werden. Vorfreude begleitete mich auf den folgenden ca. 1,5 Stunden Wanderung.

Sur En

Wandern mit Nairs

Inmitten der schönen Unterengadiner Häuser mit ihren tollen Sgraffiti: die Kirche von Sur En

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Ein klein bisschen Regen zwischendurch machte uns nichts aus. Aber es ist dann umso netter, sich in einer kleinen romanischen Kirche geschützt und geborgen aufzuhalten. Ein beeindruckender Raum erwartete uns mit ganz ungewöhnlichen Sitzbänken. Es sah ein bisschen aus wie für das liebe Vieh gezimmert :-). Als uns dann Köbi Gantenbein aufforderte: Frauen links und Männer rechts – da war die Verwunderung komplett. Und wie ich es schon vermutet hatte, ging es in dem darauffolgenden Text auch tatsächlich um die Sitzverteilung in der Kirche. Von alters her eine sehr ernst zu nehmende Angelegenheit! Und die baulichen Eigenheiten vieler Kirchen zeugen noch heute von diversen Aufteilungen. Adel und gemeines Volk, Stiftsfrauen und Gemeinde, Frauen und Männer – alles musste deutlich voneinander zu trennen sein. Auch hier lieferte uns der Autor Gantenbein wieder eine mit persönlichen Erlebnissen gespickte Geschichte. Sehr gefallen hat mir auch die kleine Seitenbemerkung des Architekturkritikers Gantenbein über die dick gemauerte Kanzel!

Das Sounderlebnis war tatsächlich phänomenal. John Wolf Brennan holte eine Melodica hervor und erkundete mit den Klängen den Raum. Fasziniert beobachtete ich Magda Vogel dabei, wie sie durch die Kirche schritt und quasi austestete, wohin ihre Stimme gelangen könnte. Richtig magisch wurde es aber, als sie uns alle aufforderte, bei einem von ihr vorgegebenen Ton mitzusummen. Da wurde einem plötzlich diese Idee des gemeinsamen Gesanges deutlich, bei der die gesamte Gemeinde gemeinsam spirituell in eine Einheit eingesponnen wird. Ja, und das Trennen von Männern und Frauen machte da plötzlich auch einen anderen Sinn. So schön!

Giarsun

Wandern mit Nairs

Kirche in Giarsun

Unser nächster Halt nach einem Gang durch das Inn-Tal war die Kirche in Giarsun, deren Glöcklein zum Thema des Textbeitrages wurde. Im 17. Jahrhundert, so Gantenbein, hatte man aus irgendeinem Grund die erste Version einer Glocke verschmäht und erst die Nachfolgerin durfte die Gläubigen im Tal rufen. Wie der Autor das Klingen der Glocken beschreibt und den Rhythmus, den er als typisch in der Gegend wahrnimmt, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Wohl auch, weil wir nicht immer dort sind, thematisieren wir jedes Mal das besondere Läuten in Scuol. Es gab zuletzt sogar eine heftige Diskussion um die Glockenschläge – ob sie nur zur vollen Stunde auch zweistimmig seien. Ich hab gewonnen 😉

Lavin

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An unserer letzten Station in Lavin noch einmal wunderbare Orgelimpressionen mit der immer wieder überraschenden Stimme von Magda Vogel. Wegen der leichten Erschöpfung nach der immerhin über drei Stunden dauernden Wanderung ließ man sich fast meditativ davontragen. Ein herrliches Gefühl.

Auch architektonisch gesehen gab es noch einmal ein richtiges Schmankerl! Das Kunsthistorikerinnenherz juchzte. Im spätgotischen Kirchenbau erleuchtete eine fantastische Wand- und Deckenmalerei die Gesichter der Teilnehmer. Köbi Gantenbein lenkte die Blicke auf so manch außergewöhnliches Detail und sprach noch einmal eines der wohl drängendsten Themen der Reformation an: den Verzicht auf Bilder.

Statt der Bilderpracht hallte nun Galets Wort im weissen, leeren Raum. Es wird
manchem Laviner schwer gefallen sein, dreimal wöchentlich auf der harten Bank zu
sitzen und nur zuhören zu müssen, wie der Prädikant die Worte des Herrn verkündete.
Die Kirchgängerinnen konnten nicht mehr über des Herrgotts drei Köpfe meditieren und
schielend versuchen, die vier Augen auf dem Herrgottsbild in zwei zu bringen. Die
Kinder hatten immer noch keine Antwort auf die grossen Füsse und die Männer
konnten sich nicht der Wollust hingeben, auf die lasziv leidende Maria blickend und den
zehn Jungfrauen nachspürend.”

Wandern mit Nairs

Christus von Deckengemälde im Chor der Kirche von Lavin

Was ich übrigens noch herauskriegen möchte: Was bedeutet der Vierpass auf der Brust Christi? Die drei Gesichter sind ja klar, oder? Das ist ein Hinweis auf die Trinität. Aber so ein Architekturelement mitten auf der Brust? Das habe ich noch nie gesehen. Vielleicht kriege ich das noch raus. (Nachtrag: Hab das Rätsel gelöst: Der Vierpaß steht für die vier Evangelien. Macht ja bei der Darstellung Sinn, da die Evangelisten im Deckenfresko um Christus herum dargestellt werden!)

Schweizer Küche

Wer mich kennt, der weiß, dass mir Kunstgenuss mit einem kulinarischen Erlebnis vereint der liebste ist. Außerdem ist ein geselliges Beieinander nach einer Wanderung und nach den gemeinsam genossenen Aufführungen einfach der perfekte Abschluss. Und so kehrten wir im Hotel Crusch Alba ein, wo uns eine typische Polenta erwartete. Das Geheimnis einer guten Polenta: Rühren! Rühren! Rühren! Und da das schon mal ordentlich in die Arme gehen kann, hatte man kurzerhand eine Art Betonmischer gebastelt, der in einem großen Kupferkessel in Bewegung hielt. Eine Gasflamme erhitzte das Ganze.

Wandern mit Nairs

Polenta-Rühr-Maschine

Kombiniert mit einem frischen Salat und ein, zwei Gläschen Wein wurde es ein unglaublich schöner Abschluss unseres Urlaubs. Und der Liebste war dann auch noch begeistert, weil wir einige Stationen mit der Rhätischen (Kult!) zurückfahren durften!

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 Nachlese

Da es sich bei unserer Tour um eine Wiederaufnahme eines früheren Programmes handelte, habe ich hier eine tolle Aufnahme der Premiere für euch.

Und für alle, die ich jetzt neugierig gemacht habe: die Texte der Architekturwanderung!

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2 Comments

  1. Liebe Anke,

    eine wunderschöne Beschreibung samt Himmels(ton)Leitern, Klangsgraffiti und Polentarührwerk – endlich weiss ich, warum im Schweizer Zungenschlag bei “Anke” alles in Butter ist!

    • Lieber John,
      ach, wie schön, dass es dir gefällt! Da winke ich mal ganz herzlich rüber in die schöne Schweiz und hoffe, dass wir uns mal wieder treffen. Im Nairs oder überhaupt. Danke noch einmal für die schöne Erfahrung, die ihr uns beschert habt.
      Herzliche Grüße von Anke

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