Walpurgisnacht

Seit alten Zeiten beherrscht die mythologische Vorstellung von wild tanzenden Hexen in der Vollmondnacht die Gemüter. Vor allem Künstler und Dichter haben sich hier inspirieren lassen und Bilder vom Treiben in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai geschaffen. Die erwachende Natur ließ angeblich auch beim Menschen einige Gefühle erwachen. Am bekanntesten ist sicher unser lieber Goethe, der auch mit einer Federzeichnung aus der Zeit um 1776 zu diesem Thema beiträgt.
Goethe_hexen.jpg


Walpurgisnacht
(Harzgebirg Gegend von Schierke und Elend.)
Faust. Mephistopheles.
Mephistopheles.
Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?
Ich wünschte mir den allerderbsten Bock.
Auf diesem Weg sind wir noch weit vom Ziele.
Faust.
Solang ich mich noch frisch auf meinen Beinen fühle,
Genügt mir dieser Knotenstock.
(…)
Das ist die Lust, die solche Pfade würzt!
Der Frühling webt schon in den Birken,
Und selbst die Fichte fühlt ihn schon;
Sollt’ er nicht auch auf unsre Glieder wirken?
(…)
Hexen (im Chor).
Die Hexen zu dem Brocken ziehn,
Die Stoppel ist gelb, die Saat ist grün.
Dort sammelt sich der große Hauf,
Herr Urian sitzt oben auf.
So geht es über Stein und Stock,
Es f–t die Hexe, es st–t der Bock.
(…)
Chor der Hexen.
Die Salbe gibt den Hexen Mut,
Ein Lumpen ist zum Segel gut,
Ein gutes Schiff ist jeder Trog;
Der flieget nie, der heut nicht flog.
(…)
Faust.
Du Geist des Widerspruchs! Nur zu! Du magst mich führen.
Ich denke doch, das war recht klug gemacht:
Zum Brocken wandeln wir in der Walpurgisnacht,
Um uns beliebig nun hieselbst zu isolieren.
Mephistopheles.
Da sieh nur, welche bunten Flammen!
Es ist ein muntrer Klub beisammen.
Im Kleinen ist man nicht allein.
Faust.
Doch droben möcht’ ich lieber sein!
Schon seh’ ich Glut und Wirbelrauch.
Dort strömt die Menge zu dem Bösen;
Da muss sich manches Rätsel lösen.
Mephistopheles.
Doch manches Rätsel knüpft sich auch.
Lass du die große Welt nur sausen,
Wir wollen hier im Stillen hausen.
Es ist doch lange hergebracht,
Dass in der großen Welt man kleine Welten macht.
Da seh’ ich junge Hexchen nackt und bloß,
Und alte, die sich klug verhüllen.
Seid freundlich, nur um meinetwillen;
Die Müh’ ist klein, der Spaß ist groß.
Ich höre was von Instrumenten tönen!
Verflucht Geschnarr! Man muss sich dran gewohnen.
Komm mit! Komm mit! Es kann nicht anders sein,
Ich tret’ heran und führe dich herein,
Und ich verbinde dich aufs Neue.
Was sagst du, Freund? Das ist kein kleiner Raum.
Da sieh nur hin! Du siehst das Ende kaum.
Ein Hundert Feuer brennen in der Reihe;
Man tanzt, man schwatzt, man kocht, man trinkt, man liebt;
Nun sage mir, wo es was Bessers gibt?
(…)
Mephistopheles (der auf einmal sehr alt erscheint).
Zum jüngsten Tag fühl’ ich das Volk gereift,
Da ich zum letzten Mal den Hexenberg ersteige,
Und weil mein Fäßchen trübe läuft,
So ist die Welt auch auf der Neige.
(…)
Faust.
Wer ist denn das?
Mephistopheles.
Betrachte sie genau!
Lilith ist das.
Faust.
Wer?
Mephistopheles.
Adams erste Frau.
Nimm dich in acht vor ihren schönen Haaren,
Vor diesem Schmuck, mit dem sie einzig prangt.
Wenn sie damit den jungen Mann erlangt,
So lässt sie ihn so bald nicht wieder fahren.
Faust.
Da sitzen zwei, die Alte mit der Jungen;
Die haben schon was Rechts gesprungen!
Mephistopheles.
Das hat nun heute keine Ruh’.
Es geht zum neuen Tanz; nun komm! Wir greifen zu.
Faust (mit der Jungen tanzend).
Einst hatt’ ich einen schönen Traum;
Da sah ich einen Apfelbaum,
Zwei schöne Äpfel glänzten dran,
Sie reizten mich, ich stieg hinan.
Die Schöne.
Der Äpfelchen begehrt ihr sehr,
Und schon vom Paradiese her.
Von Freuden fühl’ ich mich bewegt,
Dass auch mein Garten solche trägt.
Mephistopheles (mit der Alten).
Einst hatt’ ich einen wüsten Traum;
Da sah ich einen gespaltnen Baum,
Der hatt’ ein – – –;
So – es war, gefiel mir’s doch.
Die Alte.
Ich biete meinen besten Gruß
Dem Ritter mit dem Pferdefuß!
Halt’ Er einen – –bereit,
Wenn Er – – – nicht scheut.
(…)
Faust.
Ach! Mitten im Gesange sprang
Ein rotes Mäuschen ihr aus dem Munde.
Mephistopheles.
Das ist was Rechts! Das nimmt man nicht genau;
Genug, die Maus war doch nicht grau.
Wer fragt darnach in einer Schäferstunde?
Faust.
Dann sah ich –
Mephistopheles.
Was?
Faust.
Mephisto, siehst du dort
Ein blasses, schönes Kind allein und ferne stehen?
Sie schiebt sich langsam nur vom Ort,
Sie scheint mit geschlossnen Füßen zu gehen.
Ich muss bekennen, dass mir deucht,
Dass sie dem guten Gretchen gleicht.
Mephistopheles.
Lass das nur stehn! Dabei wird’s niemand wohl.
Es ist ein Zauberbild, ist leblos, ein Idol.
Ihm zu begegnen, ist nicht gut:
Vom starren Blick erstarrt des Menschen Blut,
Und er wird fast in Stein verkehrt;
Von der Meduse hast du ja gehört.
Faust.
Fürwahr, es sind die Augen einer Toten,
Die eine liebende Hand nicht schloss.
Das ist die Brust, die Gretchen mir geboten,
Das ist der süße Leib, den ich genoss.
Mephistopheles.
Das ist die Zauberei, du leicht verführter Tor!
Denn jedem kommt sie wie sein Liebchen vor.
Faust.
Welch eine Wonne! Welch ein Leiden!
Ich kann von diesem Blick nicht scheiden.
Wie sonderbar muss diesen schönen Hals
Ein einzig rotes Schnürchen schmücken,
Nicht breiter als ein Messerrücken!
Mephistopheles.
Ganz recht! Ich seh’ es ebenfalls.
Sie kann das Haupt auch unterm Arme tragen;
Denn Perseus hat’s ihr abgeschlagen. –
Nur immer diese Lust zum Wahn!
Komm doch das Hügelchen heran,
Hier ist’s so lustig wie im Prater;
Und hat man mir’s nicht angetan,
So seh’ ich wahrlich ein Theater.
Was gibt’s denn da?
(…)

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