Visionen zur Interaktion mit dem Museumsbesucher

Stellt euch mal folgendes Szenario vor. Ihr schlendert an einem warmen Sommerabend durch die langsam leerer werdende City. Plötzlich bleibt euer Blick an einem Kaufhaus hängen, vor dem sich eine kleine Menschentraube gebildet hat. Ein Mädchen hüpft aufgeregt hin und her. Sie möchte unbedingt auch freie Sicht auf das, was sich da anscheinend im Schaufenster abspielt. Schließlich hebt sie ihr Vater auf die Schultern, damit sie besser sehen kann.  Beim Näherkommen würdet ihr etwas Außergewöhnliches entdecken. Etwas, das euch anregen könnte, noch länger stehen zu bleiben. So lange, bis ihr endlich an der Reihe sein würdet. Und das, was ihr dann erleben würdet, könnte euch so sehr begeistern, dass ihr sofort eure Freunde anrufen würdet. Um mit ihnen für das kommende Wochenende ein Date im Museum auszumachen.

Die Geschichte habe ich mir ausgedacht (manchmal muss man einfach mal das “so könnte es sein” bunter ausmalen). Aber sie ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern die Folge eines Ausflugs nach Mannheim, zu dem mich Andy Artmann von den Publisher News überredet hat. Er wollte mir dort den digitalen Promoter der Firma i42 zeigen, weil er glaubte, dass mich das interessieren könnte. Normalerweise bin ich ja so gar nicht an  irgendwelche Gadgets interessiert. Mir geht die Freude an rein technischer Spielerei ab. Aber das Teil hat meine Phantasie angeregt und ich berichte hier darüber, weil ich da eine interessante neue Anwendung entdeckt habe, die im Bereich Museumsmarketing spannend sein könnte.

Was ist der digitale Promoter und was kann er?

Es klingt ziemlich unsexy (bei Promoter habe ich immer so aufdringliche Menschen im Kopf, die einem bedrucktes Papier aufnötigen wollen) und ich bin sicher nicht Expertin genug, um alle Details zu berichten. Im Wesentlichen besteht das Ding aus einer Milchglasfolie, die auf alle Glasflächen aufgebracht werden kann und auf die von hinten mit zwei Industriebeamern projeziert wird. Kombiniert wird das Ganze mit einem Apparat, wie ihn auch eine handelsübliche Wii-Konsole hat, mit der man z.B. durch Handsteuerung Tennis oder so spielen kann.

Man kann also eine Figur “auftreten” lassen, die einem ein Menü erklärt, aus dem man verschiedene Info-Bereiche auswählen kann. Per Geste klickt man sich da dann durch und kann immer tiefere Ebenen aufrufen. Es lassen sich zum Beispiel auch Objekte drehen oder näher heranzoomen. Musik kann abgespielt werden. Die Auflösung der Projektion auf dieser Milchglasfolie ist sehr toll.

Ich finde allerdings der eigentliche “Spaß” an diesem Ding liegt nicht etwa in einer schicken Info-Funktion. Sondern die Möglichkeit zur Interaktion ist das, was es richtig spannend macht. Wie bei den Spielen der Konsole, lassen sich hier auch Geschicklichkeits- oder Quizlösungen umsetzen, die mit dem richtigen Gamification-Konzept sicher eine spannende Sache sein können. Man kann sich auch mittels Blutooth-Verbindung in die Projektion hineinbeamen.

Es gibt verschiedene Schnittstellen, die mit anderen Tools zusammengehen. Auch die Beacon-Technologie und eine Verbindung mit einer App zum Personalisieren spielen hier eine Rolle. Aber die technischen Details habe ich jetzt nicht alle im Kopf. Mir geht es auch eher um den inhaltlichen Ansatz für die Besucherkommunikation.

Visitor Journey

Christian Gries hat kürzlich im Zusammenhang mit Strategien für die Digitalisierung etwas Interessantes geschrieben:

“Im musealen Kontext mache ich daraus (aus der “Customer Journey” Anm. v. Anke) eine “Vistor Journey” und frage nach den Berührungspunkten (“Touchpoints”) eines Besuchers mit der Marke und dem Ecosystem einer Kultureinrichtung. Klassischerweise unterscheiden wir da direkte (Plakate, Flyer, Website, Ansatzpunkte im Rundgang wie QR-Codes und Sendebaken) und indirekte Kontaktpunkte (über Bewertungsportale, Blogs, Soziale Medien, etc.).”

Das Spannende an so einer Visitor Journey sind ja die Berührungspunkte vor dem eigentlichen Museumsbesuch. Meist erschöpft sich dies in der Bereitstellung von Infos über das Angebot. Da hat man in der Regel kaum Chancen zur Interaktion. Und erreicht meist nur die, die schon ein gewisses Interesse mitbringen. Über ein Plakat jemanden zu begeistern, der nicht schon im Dunstkreis des Themas steckt? Schwierig! Mit einem gezielten Angebot zur Interaktion dort, wo sich die Menschen sowieso aufhalten? Könnte funktionieren, oder?

Interaktion außerhalb der Öffnungszeiten

Mit der Installation einer Station, die auch außerhalb der üblichen Öffnungszeiten von potentiellen Besuchern genutzt werden könnte, wäre das schon spannender. Was, wenn man so einen digitalen Promoter mit einer guten Geschichte zum Museum programmieren würde, vielleicht sogar ein Spiel zur Kunst mit einbaute?

Verbindung zum Sponsoring

Letztens sprach Max Hollein  in Wien unter anderem auch über seine Strategie, mit Sponsoren umzugehen. Da habe ich sehr genau hingehört, weil es für mich eine neue Perspektive brachte. Seine Idee, die Kunst zu den Sponsoren zu bringen, statt das Museum mit dessen Werbebannern zu pflastern, finde ich genial. So haben alle Beteiligten mehr von der Sache. Wenn es sich beim Sponsor um ein Unternehmen handelt, dass viel Publikumsverkehr hat, ist das ein gelungener Coup!

Und jetzt stelle man sich vor, wie es wäre, so einen digitalen Promoter (dafür muss unbedingt eine andere Bezeichnung her)  in den Schaufenstern eines potentiellen Sponsors zu präsentieren. An einem zentralen Platz in der Stadt, wo man dann jede Menge Publikum generiert, das fröhlich mit dem Promoter interagiert. Das wäre mal eine richtige Pull-Aktion, die ja immer als höchste Kunst des Marketings gilt.

Wie gesagt: die technologische Möglichkeit des digitalen Promoters hat meine Phantasie als Kunstvermittlerin angeregt 🙂

löwe

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