Unerwartet. Die Kunst des Zufalls

Kunstmuseum Stuttgart

Unsere Blogger-Reise nach Stuttgart war so voll, dass ich jetzt noch wochenlang Stoff für mein Blog habe. Und ich muss euch unbedingt von der spannenden Ausstellung im Kunstmuseum erzählen. (un)erwartet. Die Kunst des Zufalls ist eine Schau, die den Bogen vom frühen 20. Jahrhundert bis heute spannt und sich mit unterschiedlichen Erscheinungen des Zufalls beschäftigt. Neben künstlerischen Aspekten finden sich in der Ausstellung auch Auseinandersetzungen mit der konkreten Poesie, die in Stuttgart eine besondere Tradition hat. Man trifft auf mathematische und biologische Ansätze und es wird philosophisch. Insgesamt eine spannende Entdeckung nicht nur der Kunst, sondern auch der eigenen Wahrnehmung. Michelle hat auf Museumslifestyle ja schon über ein besonderes Erlebnis in der Ausstellung berichtet. Ich gebe euch gerne einen kurzen Einblick, was euch dort noch erwartet.

Zufall – was verbinden wir eigentlich mit diesem Begriff. Jeder weiß, was gemeint ist, aber im einleitenden Katalog-Essay des Wissenschaftsjournalisten Stefan Klein habe ich noch einmal ein paar entscheidende Impulse bekommen, die mir geholfen haben, das Thema einzusortieren. Der Zufall ist wichtig für die Entstehung von Leben. Ohne dieses Phänomen in der Natur, gebe es uns wahrscheinlich gar nicht! Was ist aber mit dem Zufall, hinter dem wir gerne eine wie auch immer geartete Bestimmung sehen möchten. (Mir ist übrigens selber gerade eine wirklich beängstigtende Koinzidenz begegnet. Ich bleibe aber dennoch hart dabei, dass dies ein Zufall war!). Klein zieht die Brüder Grimm heran, deren Definition des Zufalls vor allem auch im Hinblick der Kunstproduktion interessant scheint: “Der Zufall bezeichnet das unberechenbare Geschenen, das sich unserer Vernunft und unserer Absicht entzieht.”

dominguez_cadavre_exquis_1937_b_0d5c26

Zufall in der Kunst

Wie Eva-Marina Froitzheim im Katalog schreibt, gibt es eigentlich keinen objektiven Zufall in der Kunst. Allerdings gibt es eine lange künstlerische Praxis, sich des Zufalls zu bedienen. Meine persönlichen Favoriten in diesem Zusammenhang waren immer schon die Surrealisten, die den Zufall zum Prinzip erhoben haben. Das Cadavre exquis ist eine der zahlreichen Techniken, mit denen die Protagonisten dieser Kunstrichtung in neue geistige Dimensionen vorzustoßen gedachten. Immer im Hinterkopf: der Intellekt verhindert den Zugang zu den wirklich spannenden Dingen, zu unseren Gefühlen, zum Unbewussten und zu den Träumen. In der Ausstellung sind erstmals auch Cadavre exquis zu sehen, die Willi Baumester mit seinen Freunden als beliebtes Spiel zu Sylvester erstellte (ist doch eine super Idee für den kommenden Jahreswechsel!). Die machen besonderen Spaß. Zu meinem absoluten Lieblingsobjekt avancierte jedoch eine reizende kleine Klecksographie von Victor Hugo. Ja, der Schriftsteller. Er hat einige wirklich erstaunliche Kunstwerke hinterlassen. In diesem Falle kleckste er mit Tusche herum und wie durch Zauberhand ensteht durch sein lenkendes Eingreifen eine Zeichnung. Der lyrische Titel “Degradierter Vogel, dessen Geschwätz die Hexe bloßstellt” tut sein Übriges, um die Phantasie des Betrachters zu beflügeln.

Ordnung und Zufall

Was sich in der Ausstellung nicht finden lässt, ist der Zufall, der über eine bestimmte Materialästhetik entsteht. Bei dem der Künstler sozusagen nur das Material auswählt und dieses dann Veränderungsprozessen überlässt, die ohne sein Zutun ablaufen. Dafür können wir in der Ausstellung aber in vielen Varianten beobachten, wie die Vorgabe einer bestimmten Struktur dem Zufall ein Spielfeld bietet. Besonders gefallen hat mir in diesem Zusammenhang eine Arbeit von Dieter Hacker. Bei seinem Essbild steht man vor einem ordentlichen Raster, in welches weiße Schokolinsen eingesetzt wurden, die der Betrachter nehmen und essen darf. Das Kunstwerk verändert sich also durch das Eingreifen des Museumsbesuchers. Er kann ordnen, umsortieren und natürlich auch wegnehmen. Die Idee des sich Einverleibens der Bestandteile des Kunstwerks scheint mir eine Reminiszenz an die Eat Art der 60er Jahre zu sein.

Foto von der Arbeit "Esskultur" von Dieter Hacke in der Ausstellung "unerwartet. Die Kunst des Zufalls"

Spannend fand ich auch die Arbeit von Vera Molnár, die sich mit dem magischen Quadrat auseinandergesetzt hat, das auf dem berühmten Dürer-Stich “Melencolia” zu sehen ist. Wie bei magischen Quadraten üblich, ergeben die Summen der dort aufgeführten Zahlen immer die gleiche Summe. Bei Dürer ergeben die 16 Felder des Quadrates in der Quersumme immer 34. Die Medienkünstlerin Molnár hat sich nun dieses Dürer-Quadrat angeeignet und in eigene Gebilde überführt. Indem sie besipielsweise Zahlen erwürfelt und zu neuen Rastern verbindet oder mit Fäden die Beziehungen zwischen den einzelnen Zahlen verdeutlicht und zu einer großartigen Wandarbeit interpretiert.

Albrecht Dürers magisches Quadrat auf dem Stich Melencholia aus dem Jahr 1514

Albrecht Dürer, Melencolia I, 1514, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=752363

Die Ausstellung zeigt eine unglaubliche Bandbreite von Arbeiten, die ganz unterschiedliche Aspekte des Zufalls in der Kunst aufgreifen. Auch der Gedanke der generativen Gestaltung spielt eine wichtige Rolle. Und das sicher nicht von ungefähr. Denn dieser Begriff geht  auf Max Bense zurück, der als Professor für Wissenschaftstheorie auch in Stuttgart an der Technischen Hochschule lehrte. Der Einsatz von Maschinen und dem Computer in der Bilderstellung hat hier ihren Ursprung. Auch die Entwicklung der konkreten Poesie nahm in Stuttgart von diesem Ansatz her ihre Entwicklung und es werden in der Ausstellung spannende Beispiele gezeigt. Natürlich darf auch der Aspekt der Musik nicht fehlen, wo Künstler wie John Cage in einem Zwischenreich von Musik und Performance wichtige Meilensteine der Kunst schufen. All dies ist in der Ausstellung noch bis zum 19.2.2017  zu sehen und man erhält einen wirklich umfassenden Überblick über die vielen unterschiedlichen Konzepte des Zufalls in der Kunst. Meine Empfehlung für einen schönen Start ins neue Jahr!

Das Kunstmuseum Stuttgart

Natürlich bin ich nach dem Besuch der Ausstellung noch voller Neugier in die ständige Sammlung gegangen und habe mich besonders über ein Wiedersehen mit Otto Dix gefreut. Sein monumentales Großstadt-Triptychon zählt zu den bedeutendsten Kunstwerken der Weimarer Zeit. Ein Bild, das den Betrachter in die Goldenen Zwanziger entführt und einen regelrechten Tanz auf dem Vulkan präsentiert. Es zählt zu meinen Lieblingswerken der Klassischen Moderne.

Die Stuttgarter können sich glücklich schätzen, denn das Kunstmuseum im Herzen der Stadt ist ein wirkliches Kleinod. Mit seiner Sammlung bildet das Haus die Kunst seit dem 20. Jahrhundert ab und mit dem Baumeister-Archiv und dem Museum Haus Dix gehören zwei Trabanten zum Museum, die eine spannende Erweiterung der Sammlung darstellen.

Und ein ganz besonderes Schmankerl erwartet einen dann nach dem Kunstgenuss: Das Restaurant mit einem sensationellen Ausblick auf die Stadt!

 

Der Beitrag entstand im Rahmen der Bloggerreise #kulturherbststuttgart, die von der Stuttgart-Marketing GmbH und ausgewählten Partnern initiiert und finanziert wurde.

Zur Ausstellung und zum Kunstmuseum Stuttgart bloggte auch Angelika bei Musermeku.

4 Comments

    • Liebe Sabine, es macht ja immer Spaß, einen besonderen Aspekt herauszunehmen und zu verfolgen, wie unterschiedlich die Künstler ihn behandelt haben.
      Liebe Grüße
      Anke

Kommentar verfassen