5. Oktober 2006, Texte zur Kunst:
Van Gogh und die Sache mit dem Ohr
Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Vincent van Gogh denken? Dass er sich sein Ohr abgeschnitten hat? Damit sind Sie nicht alleine - anscheinend hat sich dieses ungeheuerliche Vorgehen bei einer Großzahl Kunstinteressierter eingeprägt! Van Gogh war ein Genie, denn er revolutionierte die Kunst durch seine leidenschaftliche und expressive Art. Aber wie so oft liegt Genie und Wahnsinn eben doch auch beieinander. Dennoch ist Van Gogh oft missverstanden worden. So wollte er sich zum Beispiel gar nicht umbringen, als er giftige schwefelgelbe Farbe aß! Nein, er war so im Farbrausch, dass er sie sich im wahrsten Sinne des Wortes "einverleiben" wollte!!
Wie aber kam es eigentlich zu dieser doch recht blutigen Tat mit dem Ohr? Was geschah am Vorabend der Ereignisse und wie erging es dem Maler danach??
Folgen Sie mir über Tagebuch- und Briefzitate zu einem kleinen fiktiven Dialog zwischen Paul Gauguin und Van Gogh und erleben Sie die "Chronologie eines frühen Todes".

Paul Gauguin, Selbstbildnis
Auftritt Gauguin:
Lieber Vincent,
Ich wollte Ihrem Bruder schreiben, aber Sie sehen ihn ja jeden Tag. Ich zögere ein wenig, ihn zu stören, denn er ist ja vom Morgen bis zum Abend mit seinem Geschäft sehr beschäftigt. Ich bin jetzt in die Bretagne gegangen, um zu arbeiten (bin immer noch gefangen in den Quälereien der Malerei) und hatte gehofft, genug Geld dafür auf die Seite gelegt zu haben. Einige wenige Bilder habe ich verkauft und so konnte ich das Notwendigste davon bestreiten – aber in einem Monat werde ich ohne einen Sou sein.
Zero ist eine negative Kraft!! Ich möchte Ihren Bruder nicht unter Druck setzen, aber ein kleiner Hinweis auf meine Situation von Ihrer Seite würde mich unterstützen oder mir helfen, weiter zu warten. Wie schrecklich ist es doch für einen Künstler, sich mit Geldgeschäften zu sorgen.
Bitte keine Scheu, Nachlässe zu gewähren. Ich muss einfach etwas verkaufen. Ich war zwei Wochen vom Fieber ans Bett gefesselt und beginne langsam wieder zu malen. Wenn ich 5 oder 6 Monate durchhalte, werde ich sicher einige gute Bilder zustande bringen.
Wenn möglich, senden Sie mir ein Wort der Ermunterung.
Es grüßt Sie Ihr Paul Gauguin
Sehr verehrter Herr van Gogh,
Ich wollte Ihnen schon seit einer Weile schreiben, aber ich wollte nicht aufdringlich sein. Aber meine Angelegenheiten bereiten mir weiterhin große Sorgen. Seit 3 Monaten habe ich die Miete nicht bezahlen können. Die Situation wird immer peinlicher. Als ich von Paris hierher kam, war ich sehr zuversichtlich. Ich habe nicht erwartet, auf eine Goldmine zu stoßen, aber ich glaubte, genug Arbeit zu haben um zu überleben. Wenn Sie die leiseste Hoffnung für mich hegen, dann bitte ich Sie um eine Aufmunterung. Ist Ihr Bruder immer noch im Süden unter der heißen Sonne? Er scheint einige interessante Arbeiten geschaffen zu haben. Er hat ein inquisitorisches Auge und ich hoffe, das wird sich nie ändern. Ich weiß, dass Sie aus Belgien zurück sind; dieses Land öffnet manche Türen für junge Künstler, aber die Geschäfte laufen wohl auch eher langsam an. Ich freue mich, bald von Ihnen zu hören und sende Ihnen die herzlichsten Grüße. Bitte grüßen Sie auch Vincent, wenn er in Paris ist.
Paul Gauguin
"Vincent und ich können aufgrund von Unvereinbarkeit der Temperamente absolut nicht zusammenleben und er wie ich haben für unsere Arbeit Ruhe nötig ... Unsere Diskussionen sind von geradezu elektrischer Spannung und wir beenden sie mit müden Gehirnen."
"Er bestellte einen leichten Absinth. Plötzlich schleuderte er mir das Glas samt Inhalt ins Gesicht. Ich duckte mich und bekam ihn zu fassen ... ein paar Minuten später lag Vincent in seinem Bett .. und war bis zum Morgen nicht wachzukriegen. Als er aufwachte, war er völlig ruhig und sagte zu mir: Mein lieber Gauguin, ich kann mich dunkel erinnern, dass ich dich vergangene Nacht beleidigt habe."
Lieber Herr van Gogh,
vor einer Weile schrieb ich Ihnen eine kategorische und affirmative Antwort auf Ihren Vorschlag, dass ich nach Arles gehen sollte. Haben Sie Ihre Pläne geändert? Ich bin erstaunt, dass Sie mir keine Bestätigung geschickt haben. Ich habe einen Brief von der Dame erhalten, die meine Schwarzen Frauen kaufen wollte, in welchem sie mir mitteilte, dass sie leider vor Januar den Kauf nicht tätigen könnte. Schon wieder eine Enttäuschung. Bitte senden Sie mir eine Bestätigung.
Ihr Paul Gauguin

Paul Gauguin, Van Gogh malt Sonnenblumen, 1888, Amsterdam
„Vincent und ich vertragen uns im allgemeinen sehr gut, vor allem in der Malerei. Er bewundert Daumier, Daubigny, Ziem und den großen Rousseau, die ich alle nicht ausstehen kann. Dagegen hasst er Inges, Raffael, Degas, die ich wiederum bewundere; ich sage dann 'Brigadier, Sie haben recht!', um Ruhe zu haben. Meine Bilder hat er wirklich gern, doch wenn ich male, findet er immer etwas auszusetzen. Er ist romantisch veranlagt, wogegen ich eher zur Ursprünglichkeit neige. Was die Farben betrifft, so sieht er die Zufälligkeiten der Farbe, wie bei Monticelli, ich aber verabscheue es, bei der Arbeit herumzumischen ...“

Vincent van Gogh, Selbstporträt mit abgeschnittenem Ohr, 1889, Chicago
In der letzten Zeit meines Aufenthaltes wurde Vincent außerordentlich aufbrausend und laut, dann still. Ich überraschte Vincent an einigen Abenden, als er aufstand und an mein Bett kam. Welchem Umstand soll ich mein Erwachen in diesem Augenblick zuschreiben? Immer genügte es, ihm sehr fest zu sagen: „Was fehlt Ihnen, Vincent?“, und er ging wieder wortlos zu Bett und fiel in bleiernen Schlaf. Während ich ein Stillleben malte, das er so sehr liebte – Sonnenblumen –, kam mir der Gedanke, ihn zu porträtieren. Als das Porträt fertig war, sagte er mir: „Ja, das bin ich, aber als Wahnsinniger.“ Wir gingen an demselben Abend ins Café. Er trank einen leichten Absinth. Plötzlich warf er mir Glas und Inhalt an den Kopf. Ich wich dem Wurfe aus, packte ihn unter den Arm, verließ das Café, kreuzte den Victor-Hugo-Platz, und wenige Minuten später lag Vincent in seinem Bett, wo er nach einigen Sekunden einschlief und erst am nächsten Morgen erwachte. Beim Aufwachen sagte er sehr ruhig: „Lieber Gauguin, ich erinnere mich dunkel, Sie gestern beleidigt zu haben.“ – „Ich verzeihe Ihnen gern und von Herzen, aber die Szene von gestern könnte sich wiederholen und wenn ich getroffen würde, könnte ich die Herrschaft über mich verlieren und Ihnen an die Kehle gehen. Darum gestatten Sie mir, dass ich an Ihren Bruder schreibe, um ihm meine Rückkehr anzuzeigen.“
Mein Gott, welch ein Tag! Gegen Abend hatte ich mein Essen gerichtet und spürte das Bedürfnis, mich allein ein wenig im Duft der blühenden Lorbeerbäume zu ergehen. Schon hatte ich fast den Victor-Hugo-Platz ganz überquert, als ich hinter mir einen wohlbekannten leichten, schnellen und hastigen Schritt hörte. Ich wandte mich just in dem Augenblick um, als Vincent sich mit einem offenen Rasiermesser in der Hand auf mich stürzte. Die Macht meines Blickes muss in diesem Augenblick sehr stark gewesen sein, denn er hielt inne, und gesenkten Hauptes lief er in der Richtung nach Hause fort. War ich damals feige, hätte ich ihn nicht entwaffnen und zu beruhigen suchen sollen? Häufig habe ich mein Gewissen befragt und habe mir keinen Vorwurf gemacht. Werfe, wer will, den ersten Stein auf mich. Kurz entschlossen ging ich in ein gutes Arler Gasthaus, frage nach der Zeit, nahm ein Zimmer und legte mich zu Bett. Aufgeregt wie ich war, schlief ich erst gegen drei Uhr morgens ein und erwachte ziemlich spät gegen halb acht Uhr.
Als ich auf den Platz kam, sah ich einen großen Menschenauflauf. Gendarmen standen vor unserem Haus und ein kleiner Herr in steifem Hut, der Polizeikommissar. Folgendes war geschehen: Van Gogh war nach Hause zurückgegangen und hatte sich augenblicklich das Ohr unmittelbar am Kopfe abgeschnitten. Er muss etliche Zeit gebraucht haben, die starke Blutung zu stillen, denn am anderen Morgen lagen auf den Fliesen der beiden unteren Räume eine Menge von feuchten Tüchern. Das Blut hatte die beiden Zimmer und die kleine Treppe, die zu unserem Schlafzimmer führte, besudelt. Als er wieder fähig war auszugehen, begab er sich, den Kopf tief in eine baskische Mütze gehüllt, geradewegs in ein Haus, wo man mangels einer Liebsten Bekanntschaften schließen kann, und gab dem Wächter sein Ohr, das er fein gesäubert und in einen Briefumschlag verschlossen hatte. „Hier zu meinem Gedächtnis“, sagte er, eilte dann fort, ging nach Haus, legte sich zu Bett und schlief ein. Indessen war er achtsam genug, die Läden zu schließen und eine brennende Lampe nahe dem Fenster auf den Tisch zu stellen.
Zehn Minuten später war die ganze den Freudenmädchen eingeräumte Straße auf den Beinen und betratschte das Ereignis. Ich hatte keinerlei Ahnung von alledem, als ich die Schwelle unseres Hauses betrat und der Herr im steifen Hut mir in mehr als strengem Ton sagte: „Was haben Sie, Herr, aus Ihrem Freunde gemacht?“ – „Ich weiß nicht.“ – „Doch ... Sie wissen es sehr wohl ... Er ist tot.“ Ich wünsche keinem Menschen solchen Augenblick, und ich brauchte Minuten, um wieder denken und mein Herzklopfen unterdrücken zu können. Wut, Empörung, Schmerz und die Schande auch all dieser Blicke, die mich auffraßen, zerrissen mich und nur stammelnd sagte ich: „Gut mein Herr. Gehen wir nach oben und reden wir dort weiter.“ Vincent lag ganz in Decken verkrochen wie zusammengerollt im Bett. Er schien ohne Leben. Leise, ganz leise tastete ich seinen Körper ab, dessen Wärme zuverlässig sein Leben bewies. Dies bedeutete für mich das Wiedererwachen meines Verstandes und meiner Energie.
Vincent van Gogh, Das gelbe Haus, September 1888
Auftritt Vincent:
„Die Zeit, in der wir leben, ist eine wahre und große Wiedergeburt der Kunst. Die faule und offizielle Tradition ist zwar noch obenauf, im Grund ist sie aber ohnmächtig und nichtig. Die neuen Maler, einsam, arm, werden wie die Irren behandelt, und zum Schluss werden sie es noch wirklich von dieser Behandlung, zum wenigsten was ihr soziales Leben angeht. Zum Teufel, eine Leinwand, die ich anpinsle, ist mehr wert als ein weißes Stück Leinen. Zum Teufel, meine Ansprüche gehen nicht weiter, aber Herr Gott, das Recht zu malen, einen Grund zu malen habe ich doch.“
Mein lieber Theo,
ich schreibe dir in großer Eile, doch um Dir zu sagen, dass ich gerade ein paar Zeilen von Gauguin erhalten habe, der sagt, dass er nicht geschrieben habe, weil er viel gearbeitet hätte, aber immer noch bereit sei, in den Süden zu kommen, sobald sich eine Gelegenheit ergibt.
Sie vergnügen sich sehr damit, zu malen, zu diskutieren und sich mit den tugendhaften Engländern zu schlagen; er sagt viel Gutes über die Arbeit von Bernard, und Bernard sagt viel Gutes über die Arbeit von Gauguin. Mit der Begeisterung, mit der ein Marseiller eine Bouillabaisse isst, bin ich gerade dabei zu malen, was Dich nicht wundern wird, denn ich male große Sonnenblumen. In der Hoffnung, mit Gauguin in unserem eigenen Atelier zu leben, möchte ich gern einen Bilderschmuck für das Atelier machen. Nichts als große Sonnenblumen. Es war richtig, dass Du Tasset gesagt hast, dass er uns einige Tuben Farbe für die 15 Francs Porto der zwei nicht frankierten Sendungen geben muss. Wenn ich die Sonnenblumen fertig habe, wird mir vielleicht Gelb & Blau fehlen, aus diesem Grund werde ich eine kleine Bestellung machen. Die normale Leinwand von Tasset, die um 50 Centimes teurer war als die von Bourgeois, gefällt mir sehr und sie ist sehr gut grundiert. Ich bin sehr froh, dass es Gauguin gut geht. Ich fange an, den Süden mehr und mehr zu lieben.
Vincent
Mein lieber Theo,
vielen Dank für Deinen Brief und den 50-Francs-Schein, den er enthielt. Es ist wirklich nicht schön, dass Du wieder Scherzen in Deinem Bein hast – mein Gott – Du müsstest ebenfalls im Süden leben können, denn ich denke immer, dass wir Sonne und gutes Wetter und blauen Himmel als bestes Heilmittel brauchen. Beiliegend eine kleine Skizze von einem Bild zu 30 – endlich der Sternenhimmel, während der Nacht selbst unter einer Gaslaterne gemalt. Der Himmel ist grünblau, das Wasser ist königsblau, das Gelände mauve. Die Stadt ist blau und violett, das Gaslicht ist gelb, und die Reflexe sind rotgolden und gehen bis ins Bronzegrün. Auf der grünblauen Fläche des Himmels bekommt der Große Bär ein grünrosa Funkeln, dessen sanfte Blässe gegen das harte Gold des Gaslichts absticht. Jetzt habe ich einen Brief von Gauguin, der sehr traurig zu sein scheint und sagt, dass er bestimmt kommen wird, sobald er etwas verkauft hat, aber er äußert sich noch immer nicht eindeutig dazu, ob er ganz einfach bereit wäre, sich dort loszumachen, wenn er seine Reise bezahlt bekäme. Er sagt, dass die Leute, bei denen er wohnt, für ihn großartig sind und sehr gut zu ihm waren und es gemein wäre, so von ihnen wegzugehen. Aber ich stieße ihm einen Dolche ins Herz, wenn ich glaubte, dass er nicht sofort käme, wenn er könnte. Er wäre es übrigens auch zufrieden, wenn Du seine Bilder zu niedrigerem Preis verkaufen könntest. Sein Kommen würde die Bedeutung dieses Unternehmens, im Süden zu malen, um 100 Prozent erhöhen. Und wenn er erst einmal hier ist, sehe ich ihn nicht wieder fortgehen, weil ich glaube, dass er hier Wurzeln schlagen wird. Und ich sage mir, dass das, was Du privat tust, durch seine Mitarbeit endlich eine ernsthaftere Sache wäre als durch meine Arbeit allein; ohne Erhöhung der Ausgaben würdest Du tiefere Befriedigung darin finden.
t.à.t. Vincent

Mein lieber Gauguin
Heute morgen habe ich Ihren vortrefflichen Brief erhalten, den ich wiederum meinem Bruder geschickt habe; Ihre Auffassung des Impressionisten im Allgemeinen, dessen Symbol Ihr Portrait ist, bewegt mich sehr. Ich bin überaus neugierig, es zu sehen – aber es will mir scheinen, da ich im voraus sicher, dass dieses Werk zu bedeutend ist, als dass ich es im Tausch haben wollte. Aber wenn Sie es für uns reservieren wollen, wird mein Bruder, wenn Sie wollen, es Ihnen bei der ersten Gelegenheit abnehmen, worum ich sofort gebeten habe, und wir wollen hoffen, dass das schon bald sein wird. Denn wir werden immer wieder versuchen, Ihr Kommen möglichst zu beschleunigen. Ich muss Ihnen sagen, dass ich selbst während der Arbeit unaufhörlich an das Vorhaben denke, mit Ihnen und mir als festen Bewohnern ein Atelier zu gründen, aus dem wir beide aber ein Obdach und einen Zufluchtsort für die Freunde machen, wenn sie in ihrem Kampf nicht mehr ein noch aus wissen. Für das Zimmer, in dem sie wohnen werden, habe ich eine besondere Dekoration gemacht, den Garten eines Dichters (unter Skizzen, die Bernard hat, befindet sich eine erste, später vereinfachte Konzeption). In jedem gewöhnlichen öffentlichen Park gibt es Pflanzen und Sträucher, die einen von Landschaften träumen lassen, in denen man sich gern Botticelli, Giotto, Petrarca, Danke und Boccaccio vorstellt. Ich habe in der Dekoration versucht, dem Form zu geben, was den unabänderlichen Charakter der Gegend hier ausmacht.
Kräftiger Händedruck und immer
Tous à vous, Vincent.
Nur fürchte ich, dass Sie die Bretagne schöner finden werden ...
Mein lieber Theo,
hab Dank für Deinen Brief und den 50-Francs-Schein. Wie Du aus meinem Telegramm erfahren hast, ist Gauguin bei guter Gesundheit eingetroffen. Ich habe sogar den Eindruck, dass es ihm besser geht als mir. Er ist natürlich sehr zufrieden mit dem Verkauf, den Du zuwege gebracht hast, und ich bin es nicht weniger, weil nur einige Ausgaben, die für die Einrichtung unbedingt nötig sind, nicht warten müssen und nicht Dir allein zur Last fallen. G. wird Dir sicher heute schreiben. Er ist als Mensch sehr, sehr interessant und ich bin voller Zuversicht, dass wir mit ihm zusammen eine Menge Dinge machen werden. Er wird hier wahrscheinlich viel produzieren und ich hoffe, ich vielleicht auch. Einen Moment lang hatte ich das Gefühl, krank zu werden, aber Gauguins Ankunft hat mich so sehr abgelenkt, dass ich sicher bin, dass es vorübergeht. Ich muss nur eine Zeitlang aufpassen, dass ich das Essen nicht vernachlässige, das ist alles, wirklich alles. Ich weiß natürlich nicht im Voraus, was Gauguin zu der Gegend hier und unserem Leben sagen wird, aber auf jeden Fall ist er sehr zufrieden mit dem guten Verkauf, den Du für ihn getätigt hast.
Bis bald und drücke Dir fest die Hand
t.à.t.
Vincent
Mein lieber Theo,
ich danke Dir vielmals für Deinen Brief, den beigelegten 100-Francs-Schein und auch für die Anweisung von 50 Francs. Ich glaube, dass Gauguin die gute Stadt Arles, das kleine gelbe Haus, in dem wir arbeiten, und vor allem mich, ein wenig leid ist.
Tatsächlich gibt es für ihn wie für mich hier noch ernste Schwierigkeiten zu überwinden. Aber diese Schwierigkeiten liegen eher in uns selbst als anderswo. Insgesamt glaube ich, dass er entweder schlichtweg abreisen oder schlichtweg bleiben wird. Ich habe ihm geraten, nachzudenken und noch einmal genau zu rechnen, bevor er handelt. Gauguin ist sehr stark, sehr kreativ, aber gerade deshalb braucht er Frieden. Wird er ihn jemals anderswo finden, wenn er ihn nicht hier findet? Ich warte in aller Ruhe ab, dass er eine Entscheidung trifft – Herzlicher Händedruck
Vincent
(etwa 12. Dezember 1888)

Auftritt Vincent und Paul
Selbst wenn sie über Dinge sprachen, über die sie dieselbe Meinung hatten, waren sie wie elektrisiert. Nachher waren sie dann vollkommen erschöpft. Wie entleerte Batterien.
P.G.: „Du wirst erst ein Künstler werden, Vincent, wenn du die Natur ansehen, zu deinem Atelier zurückgehen und sie kalten Blutes malen kannst.“
V.V.G.: „Ich will nicht kaltblütig malen, du Dummkopf. Ich will begeistert malen! Deswegen bin ich in Arles.“
P.G.:„Die ganze Arbeit, die du geleistet hast, ist sklavische Nachahmung der Natur. Du musst lernen, aus dem Stegreif zu malen.“
V.V.G.:„Aus dem Stegreif! Guter Gott!“
P.G.: „Und noch etwas; du hättest gut getan, auf Seurat zu hören. Die Malerei ist abstrakt. Da ist kein Platz für die Geschichten, die du erzählst, und die Moral, die du lehrst.“
V.V.G.:„Ich lehre Moral? Du bist irrsinnig.“
P.G.: „Wenn du predigen willst, Vincent, kehre zur Kirche zurück. Die Malerei ist Farbe, Linie und Form, nicht mehr. Der Künstler kann das Dekorative in der Natur wiedergeben, aber das ist alles.“
V.V.G.:„Die dekorative Kunst. Wenn das alles ist, was du aus der Natur herausholen kannst, gehst du am besten wieder zur Börse.“
P.G.: „Wenn ich das mache, werde ich auch deine Predigt am Sonntagmorgen hören. Was holst du aus der Natur, Brigadier?"
V.V.G.:„Bewegung, Gauguin, den Rhythmus des Lebens.“
P.G.: „Nun geht es los!“
V.V.G.:„Wenn ich die Sonne male, will ich, dass die Menschen fühlen, wie sie sich unbeschreiblich schnell dreht und Licht- und Hitzewellen von enormer Kraft ausstrahlt. Wenn ich ein Kornfeld male, will ich, dass die Menschen fühlen, wie die Atome in dem Korn drängen und drücken, bis sie vollgewachsen sind und bersten. Wenn ich einen Apfel male, will ich, dass die Menschen fühlen, wie der Saft des Apfels gegen die Schale drückt, wie die Samen im Kerngehäuse nach außen drängen, eine neue Frucht werden wollen!“
Auftritt Paul Gauguin:
"Ich sitze vor meiner Tür, rauche eine Zigarette und schlürfe meinen Absinth, ich genieße jeden Tag und bin ohne Sorgen."
„Wie sehr ich Vincents Ableben einerseits auch bedauere, so betrübt es mich andererseits doch nur wenig, denn ich sah es voraus und wusste über die Qualen dieses im Wahnsinn gefangenen armen Mannes. Jetzt zu sterben, bedeutet für ihn Glück und Erlösung von seinen Leiden; wenn er in einem anderen Leben wiederkehrt, wird sein gutes Leben in dieser Welt (nach Buddhas Gesetz) Frucht tragen. Er hat den Trost mitgenommen, von seinem Bruder nie im Stich gelassen und auch von einigen Künstlern verstanden worden zu sein ...“
Chronologie eines frühen Todes
Dez. 1888
Theo verlobt sich mit Johanna Gesina Bonger
7. Januar 1889
Entlassung aus dem Krankenhaus
21. Jan. 1889
Roulin wird nach Marseille versetzt
4. Februar 1889
erneuter Anfall
7. Februar 1889
abermals im Krankenhaus. V. leidet an Schlaflosigkeit und Halluzinationen (er glaubt, dass man ihn vergiften wolle)
März 1889
Aufgebrachte Bürger erwirken eine Internierung im Krankenhaus für den „foux roux“. Sein Haus mit allen Bildern wird kurzfristig von der Polizei geschlossen. Lies und Will schicken einen Wechsel über 678,23 Francs (der von V. einstmals abgetretene Erbteil seines väterlichen Erbes)
April 1889
V. räumt das gelbe Haus. Durch feuchte Wände aufgrund von Hochwasser haben die dort zurückgelassenen Bilder Schaden genommen.
8. Mai 1889
V. geht wegen wiederholten schweren Krisen auf eigenen Wunsch in das Asyl für Geisteskranke (Hospital, ehemaliges Kloster Saint-Paul-de-Mausole) bei Saint-Remy-de-Provence. Der leitende Arzt. Dr. Peyron „diagnostiziert“ Epilepsie – nach entsprechenden Hinweisen auf angebliche Epilepsiefälle in der Familie der Mutter.
Juni 1889
Vincent darf jetzt auch – in Begleitung – außerhalb des Asylbereichs arbeiten
August 1889
Erneuter Anfall beim Malen im Freien (Verschlucken giftiger Farben oder Terpentin)
September 1889
Im Salon des Indépendants in Paris werden 2 Bilder van Goghs ausgestellt
Ende Dez. 1889
Plötzliche Geistesverwirrung. V. versucht abermals Farben zu verschlucken
18. Januar 1890
Ausstellungseröffnung der Gruppe „Les Vingt“ mit 6 Bildern von V. Toulouse-Lautrec fordert einen anderen Maler, der sich abfällig über V. Bilder äußert, zum Duell.
31. Januar 1890
Theos Frau Jo bekommt einen Sohn, der den Namen seines Onkels und Paten Vincent Willem erhält
Februar 1890
Anne Boch, Tochter aus der Keramik-Dynastie und Schwester des Dichters Eugène, kauft in Brüssel das Gemälde „Der rote Weinberg“ für 400 Francs. Neben einer schon früher für einige Francs an einen Kunsthändler veräußerten Zeichnung wird dies das einzige Bild sein, das V. zu Lebzeiten verkauft
Ende Februar 1890
Erneuter Anfall nach einem Besuch in Arles mit fast zweimonatiger Auswirkung
März 1890
V. ist beim Salon des Independantes mit 10 Gemälden vertreten und hat einen großartigen Erfolg.
16. Mai 1890
V. verlässt Saint-Paul. Ankunft in Paris am 17.5.1890
20. Mai 1890
V. reist weiter nach Auers-sur-Oise, wohnt dort in dem kleinen Café des Ehepaars Ravoux und wird von Dr. Gachet betreut. Er wird bis zu seinem frühen Tod noch über 80 Gemälde malen.
Juni 1890
Bisher lange vertuschte Liebesbeziehung zwischen dem 37-jährigen Vincent und der 21-jährigen Marguerite Gachet. Dr. Gachet erteilt ihm Hausverbot.
6. Juli 1890
Offensichtlich gab es Differenzen bei einem Sonntagsbesuch V. bei Theo
24. Juli 1890
letzter Brief an Theo
27. Juli 1890
V. kommt erst spät am Abend von einem Spaziergang nach Hause. Das Ehepaar Ravoux bemerkt, dass er an Schmerzen leidet und holt den Ortsarzt Dr. Mazery und Dr. Gachet. Vincent gesteht, dass er sich eine Kugel in die Brust geschossen hat, die aber nicht entfernt werden kann.
29. Juli 1890
Gegen 1 Uhr 30 in der Frühe erliegt V. im Beisein von Theo seinen Verletzungen. Da der katholische Pfarrer von Auvers den Leichenwagen der Gemeinde für einen Selbstmörder nicht zur Verfügung stellt, wird einer aus der Nachbargemeinde besorgt.
30. Juli 1890
gegen 15 Uhr wird V. beigesetzt auf dem am Rande der Felder liegenden Friedhof von Auvers. Gachet sagt in seiner Grabrede u.a.: „Er kannte nur zwei Ziele: die Menschlichkeit und die Kunst.“

Vincent van Gogh, Bildnis Dr. Gachet, 1890
1990
Der japanische Industrielle Ryoei Saito ersteigert bei Christie's in London in nur drei Minuten für 82,5 Millionen Dollar das Gemälde „Bildnis des Dr. Gachet“. Als er das Bild erworben hatte, sagte er „Legt das Bild in meinen Sarg, wenn ich sterbe.“ Seit jener Aufsehen erregenden Versteigerung wurde das Gemälde nie mehr in der Öffentlichkeit gesehen. Saito verstarb 1996.
Posted by Kulturtussi in Texte zur Kunst at 05.10.06 16:30| Comments (4)
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Updated at 05.10.06 18:36
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Kommentare
1 |
Horst-Willhelm: |
Der Malstiöl von vincent faszieniert einen einfach mein sohn muss nun in der schule ein bild von vincent malen und er kann sich nicht entscheidn was könntet ihr meinem sohn vorschlagen?
Vincent war ein verrückter denn wer schneidet sich ein Ohr ab nur vor der drohenden einsamkeit ?
Danke für eure antworten
LG Horst
Posted by Horst-Willhelm at 10.04.08 10:24
2 |
dilara: |
hihi ziemlich interessant aba ich zweifle dran dass das alles stimmt ich meine es wurde ja nicht nachgeforscht tja schon aba es gibt noch keine wirkliche bestätigung
Posted by dilara at 03.04.09 14:10
3 |
dilara: |
ICH HAB NOCH MAL RECHERCHIERT UND ES HAT SICH HERAUSGESTELLT DASS PAUL GAUGUIN VINCENT VAN GOGHS OHR ABGESCHNITTEN HATTE!
Posted by dilara at 03.04.09 14:17
4 |
Wolfgang Potthast: |
Hallo Herr Janssen
ich bin ganz gewiss kein Mensch den man als Kunstkenner bezeichnen könnte.Die ersten Bilder die von van Gogh gesehen habe,waren in der Volksschule.Doch schon damals haben sie faziniert.Jedoch Maler wie Monet und Degas waren mir von ihrer Hormonie in ihren Gemälden einfach einfühlsamer.Das Problem was Gaugin mit van Gohg hatte,sehe ich eigentlich mehr als ein finazielles Problem und Sie haben ja auch selbst angeführt,das van Gogh ein Problem mit dem Abssinth hatte.
Ich bitte meine Grammatik zu entschuldigen, doch das einzige was mir verbleibt, sind die Ipressionsten.Was ich abschließend noch sagen möchte, der Mensch ,egal welchen Bildungstandes,findet seine Seele in jedem Bild wieder, weil er alles das wieder erkennt was er selbst schon einmal erlebt hat.
Es würde mich freuen wenn ich von Ihnen hören würde.
Wolfgang Potthast
ps.wenn ich die finaziellen Mittel hätte,wäre es Gaugin (Haiti) oder ein Turner
Posted by Wolfgang Potthast at 21.11.09 00:52
