1. August 2006, Texte zur Kunst:
Architektur der 50er - Wilhelm Riphahn
Die Architektur der Nachkriegszeit bewegte sich zwischen zwei wichtigen Tendenzen: Einmal wurde ganz deutlich der Bezug zur innovativen Baukunst vor dem Krieg - dem Bauhausstil - hergestellt, aber auch die organisch weichen, runden Formen als harmonisierender Gegenpol zu den harten Kriegsjahren wurden immer beliebter. Besonderen Wert legte man auf Details und die Zusammenarbeit mit dem Kunsthandwerk. Die Bauten des Kölner Architekten Wilhelm Riphahn sind herausragende Beispiele dieser 50er-Jahre-Architektur und laden zur Entdeckung dieser interessanten Epoche ein.
Der Kölner Architekt Wilhelm Riphahn
Anfänge
Als Sohn einer Kölner Bauunternehmer-Familie wird Wilhelm Riphahn 1889 in Köln geboren. Nach der Ausbildung an der damals am Ubierring gelegenen Baugewerkschule besucht er die Technischen Hochschulen in München, Dresden und Berlin. In Berlin arbeitet er eine Zeit lang als Assistent des berühmten Bruno Taut, der vor allem mit seiner Glasarchitektur Maßstäbe in der Architektur des 20. Jahrhunderts setzen wird.
Mit seiner Niederlassung 1913 als Architekt in Köln erhält er erste Aufträge zu Mehrfamilienhäusern in Lindenthal und Mülheim. Die folgenden Jahrzehnte sind geprägt von einer regen Bautätigkeit, die dazu führen, dass Riphahn einer der gefragtesten Architekten seiner Heimatstadt werden wird. Bis 1920 übernimmt das Bauunternehmen seines Vaters die Ausführung der Projekte. Besonders entscheidend für die frühen Bauten ist die Mitgliedschaft Riphahns im Deutschen Werkbund.
Eines der ersten Wohnhäuser, die Riphahn in dieser Zeit plante, ist das heute noch bestehende Haus Ecke Deutzer Freiheit und Justinianstraße aus dem Jahr 1914. Die städtebaulich interessante Aufgabe einer Eckbebauung hat Riphahn mit einer Mischung aus barocken Formen und auch Elementen mittelalterlicher Baukunst umgesetzt. Im Erdgeschoss schuf er Läden mit großen Fensterfronten und in den geschickt geweiteten Winkel zwischen zwei Fronten stellte er einen eingeschossigen Arkadenbau. Der Bau wirkt nicht überladen wie viele andere Gründerzeit-Architekturen und hat doch mit seiner Arkadenlösung, den schmalen Erkern und den dezent im Dachgeschoss eingesetzten barocken Bewegungen genügend Schmuck vorzuweisen.
Riphahn setzt Maßstäbe im Siedlungsbau
Bereits 1916 folgte der erste Auftrag zu einem Siedlungsbau von der neu gegründeten Gemeinnützigen Aktiengesellschaft für Wohnungsbau. Mit der Gründung einer solchen demokratisch organisierten Gesellschaft wollte man den Bedingungen des Wohnungsbaus in einer modernen Welt entgegentreten. Riphahn war in das Büro des Kollegen Grod aus Essen als Partner eingetreten und mit der Ausführung des von diesem gewonnenen Wettbewerbbeitrags „Lich, Luff und Bäumche“ betraut worden.
In der Nachfolge der sogenannten deutschen Gartenstadtbewegung sollte nun auch im Kölner Norden ein zweckmäßiger Siedlungsbau entstehen. Der erste Weltkrieg unterbrach die Bautätigkeit, dennoch konnten bis 1920 mehrere hundert Einfamilienhäuser für Familien mit geringem Einkommen fertiggestellt werden.
Entscheidend für die Architektur des Siedlungsbaus ist eine standardisierte Bauweise von normierten Haustypen. Die Gestaltung von Plätzen, Klappläden und Torbögen über Straßeneinmündungen sowie dekorativem Bildschmuck in Wandnischen erinnert an mittelalterliche Stadtkerne – ein romantisches Idealbild, das sich nach den Schrecken der Kriegserlebnisse entwickelt hatte. Heute lässt sich das im Ursprung als Einheit geplante Bild der Siedlung Bickendorf nicht mehr nachvollziehen. Auch wenn es kaum Kriegsschäden gab, so hat doch jeder Besitzer sein Haus in den nachfolgenden Generationen nach eigenem Geschmack verändert.

Die bald auf Bickendorf folgende Siedlung „Am Nordfriedhof“ in Mauenheim wurde von Riphahn vor allem mit eingeschossigen Bauten im Schnellverfahren bis 1928 fertiggestellt. Die Rezession nach dem Ersten Weltkrieg hatte nicht nur das Material knapp werden lassen, sondern es wurde immer mehr Wohnraum in immer kürzerer Zeit gebraucht. Um jedoch auch hier einen individuellen Charakter der Häuser zu erreichen, arbeitete Riphahn mit den Künstlern der Rheinischen Progressiven zusammen. Heinrich Hoerle und Franz W. Seiwert entwarfen ein umfassendes Farbkonzept zur Gestaltung der ansonsten im Zeilenbau genormten Häuschen.

In den zwanziger Jahren entstanden dann weitere Siedlungen, in denen Riphahn vor allem mehrgeschossig plante. Die Siedlung „Grüner Hof“ war bis 1924 unter dem Einfluss der neuen Sozialpolitik entstanden, die einen Wohnungsbau mit unbedingter Einbeziehung von Grünzonen als wichtigste Aufgabe ansah. Man hatte für die mehrgeschossigen Bauten vor allem kinderreiche Familien im Blick und entsprechend erfolgte auch die Aufteilung des Wohnraumes. Hierbei achtete man vor allem darauf, dass die Wohnräume zum Garten hin orientiert sind und die Nutzräume zur Straße.
Die zweite Siedlung in Bickendorf entstand zur gleichen Zeit und es wurde bis 1931 hier gebaut. Riphahn legte hier Wert auf ein Betonung unterschiedlicher Achsen und Platzsituationen. Die gesamte Anlage ist symmetrisch angelegt und auf den zentralen „Rosenhof“ ausgerichtet. Häufig zu finden ist ein Haustyp, der sehr repräsentativ mit Loggienfassaden ausgestattet wird. Nach der Sanierung der Anlage im Jahre 2003 erblüht die einstige architektonische Schönheit neu. Auch hier hatten seinerzeit Hoerle und Seiwert ihr Farbkonzept beigetragen.
Zum Vertreter des „Neuen Bauens“ im Geiste auch der Bauhausarchitektur wurde Riphahn mit den Planungen für die Siedlungen in Zollstock (1925 – 1930) und vor allem „Blauer Hof“ (1926 – 1927). Auch hier war die GAG sein Auftraggeber. Für die Idee eines durchgeplanten ökonomischen Wohnungsbaus, der wenig Schmuck bei aller Zweckmäßigkeit aufwies, war die gemeinnützige Gesellschaft eher offen als vielleicht private Bauherren. Und so entstanden die als geschlossene Hofanlagen konzipierten Wohnkomplexe auch nach dem Vorbild der in Holland schon weiter in die Richtung neuer Ideen vorgedrungenen Architekten. Riphahn baut vor allem Flachdach-Häuser, die im obersten Geschoss oft auch mit Dachgärten strukturiert sind. Auch das erste Laubenganghaus entsteht hier in Zollstock, in welchem Kleinwohnungen für ledige Frauen geplant werden.
Auch in diesen Siedlungsbauten kommt ein einheitliches Farbkonzept zum Tragen. Die blau gestrichenen Loggien, Fenstersprossen und Regenrinnen geben der Siedlung am Kalkerfeld ihren Namen und einen unverwechselbaren Wiedererkennungswert.
Nachdem sie am richtungsweisenden Bau der Karlsruher „Dammerstock“-Siedlung beteiligt waren, konnten Riphahn und sein Essener Partner Grod die Planungen für den hohen Typisierungsgrad der Bauten in der „Weißen Stadt“ durchsetzen. Neben Ladenpassagen war auch ein Gemeinschaftshaus in die Planung mit einbezogen, deren Rahmung von Vorgärten und Grünflächen einmal mehr der Forderung nach Durchlichtung der Wohnbebauung Rechnung trug. Mit der St. Petrus Canisius wurde erstmals auch ein Kirchenbau im Gesamtkonzept geplant. Hier bewährte sich die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Hoerle (Wandbild) und Seiwert (Fensterentwürfe).

Besonders die fast plastisch erfahrbare Fassadengestaltung der einzelnen Bauten in der Weißen Stadt macht diese Siedlung zum absoluten Höhepunkt der von Riphahn ausgeführten Siedlungsbauten.
Einfamilienhäuser
Nachdem Riphahn in seinen ersten Häusern für Freunde oder Bekannte vor allem historistische Vorbilder aus der ländlichen Umgebung nachvollzogen hatte, experimentierte er zunehmend mit den Möglichkeiten neuer Formen. In seinem eigenen Wohnhaus, das er 1923/24 in Braunsfeld errichten ließ, tauchen expressionistische Gestaltungselemente vor allem in der prismatischen Zuspitzung der Giebel auf. Nur wenig später plant er im Sinne des kubisch-einfachen Stils der Bauhäusler für den Universitätsprofessor Esch in unmittelbarer Nähe ein Wohnhaus. Beide Bauten sind heute nicht mehr existent.

Nach dem Zweiten Weltkrieg plant Riphahn für sich und auch für befreundete Künstler wie den Bildhauer Gerhard Marcks Einfamilienhäuser, die an die Formen der 20er Jahre anbinden.
Das Haus Marcks in Müngersdorf ist mit der Planung eines Ateliers zudem eine besondere Herausforderung für den Architekten. Besonderen Wert legte der Bauherr auf die Einbindung des Gartens in das Gesamtkonzept. Ähnlich sensibel plante Riphahn auch das Wohnhaus für Josef Haubrich in Müngersdorf.

Die Bastei – 1923–1924
Nachdem ihm Adenauer mit auf den Weg gegeben hatte „Bau dat Ding, Riphahn, aber machen ses schön“, setzte der Architekt sein aus eigenem Antrieb geplantes Projekt um. Die expressionistische Zackenform hatte er schon in einem Modell in Originalgröße getestet, um möglichen Bedenken seitens des Denkmalschutzes entgegenzutreten. Die „Caponiere“, in der Folge der mächtigen Ecktürme der Kölner Stadtmauer unter preußischem Militär gebaut, war bereits seit Jahrzehnten eigentlich funktionslos. Allerdings erkannten die Kölner sofort das Potential als Aussichtsplattform, und auf dieser Idee fußte auch die Planung Riphahns. Ein Luxus-Restaurant entstand, das bei seiner Eröffnung im Jahre 1924 das eleganteste im ganzen Rheinland war und sogar zu literarischen Ehren gekommen ist.
Köln von der Bastei gesehenEs schlägt der Leuchtturm durch die Nacht
Seine unermüdlichen Strahlen
Es schleichen Schiffe überwacht,
Die lassen sich bezahlen.Wie Perlenreihen und Geschmeid
Lichtern die Ufer am Rheine.
Ein Mädchen weint ihr Herzeleid
Am Kauf auf steile Steine.Sie trägt ein helles Wiesenkleid
Und steht sonst ganz im Dunkel
Das Wasser spiegelt kein Herzeleid,
Es spiegelt nur Gefunkel.Ich rufe schmatzend den Ober herbei.
Er will mich nicht verstehen.
Ich wünsche: Es möchte sich die Bastei
Jetzt karussellartig drehen.
(Joachim Ringelnatz)
Die Idee des sich drehenden Hauses ist tatsächlich gar nicht so weit hergeholt. Bei der 1914 in Köln durchgeführten Werkbund-Ausstellung hatte Bruno Taut, der Lehrer Riphahns, sein berühmtes Glashaus präsentiert. Eine utopische Architektur-Idee nach den Dichtungen Paul Scheerbarts, die die nachfolgenden Architektengenerationen nachhaltig beeinflusst hatte. Besonders hinsichtlich der Verwendung von Zackenformen und Glas hat sich Riphahn hier ebenfalls Anregungen geholt. Taut hatte auch ein drehbares Haus entworfen, das an der Kurischen Nehrung gebaut werden sollte.
Nachdem der damals noch junge und unbekannte Riphahn eher skeptischen Stadtvätern entgegentreten musste, kam ihm die Unterstützung durch den damaligen Zoodirektor sehr zupass. Der war ein Bruder des berühmten Kunsthistorikers Wilhelm Worringer, der mit seinen Schriften maßgebliche Einschätzungen zum Expressionismus geliefert hatte. Die Besonderheiten der Architektur, die eine perfekte Akzentuierung der Umgebung lieferte, brachten für Riphahn den Durchbruch. Alle waren begeistert und er hatte mit seinen expressionistischen Elementen einen Beitrag zur Gestaltung modernen urbanen Gesellschaftslebens geliefert. Eine in den frühen zwanziger Jahren durchaus wichtig diskutierte Aufgabe für das Neue Bauen. Umso mehr muss es eigentlich erstaunen, dass die wenigsten Architektur-Geschichten des 20. Jahrhunderts Riphahn erwähnen. Möglicherweise liegt es daran, dass dieser Architekt weniger mit außergewöhnlichen Planungen reüssierte als mit unspektakulär daherkommenden praxisnahen Lösungen für Siedlungsbauten und Geschäftshäuser.
Riphahn hat unmittelbar nach der Fertigstellung der Bastei eine Modifizierung vorgenommen, die den Aussichtsbalkon betraf. Der Wind dort war einfach zu stark und so änderte er die ursprüngliche Brüstung in die geschlossene Fensterfront, die dem expressionistischen Zackenrund noch stärker entgegenkommt.
Durch einen Bombenangriff gegen Kriegsende wurde die Bastei zerstört, jedoch 1958 von Riphahn selbst authentisch wieder aufgebaut.
Die heutige Nutzung als nichtöffentlicher Event-Raum kann auf die geschickte Planung Riphahns zurückgreifen, der die Restauranträume weitestgehend von Lagerräumen und weiteren untergeordneten Räumen befreite. Diese konnte er alle im von ihm ausgehöhlten Brückenkopf unterbringen.

Sartory-Säle und Hahnentorlichtspiele
Erste Planungen eines Theaters mit variabler Nutzung gab es bereits im Sommer 1945. Das „Theater am Ring“ war als ein kubischer Bau in Winkelanlage geplant. Das Gebäude wurde so nicht realisiert. Kurze Zeit später plante Riphahn einen Nachfolgebau für „Groß-Köln“ an der Friesenstraße – ein Varieté, das im Krieg zerstört worden war. Dort traten damals die Größen der Varietészene auf – wie z.B. im Mai 1929 die Comedian Harmonists. 1947/48 plante Riphahn für den Auftraggeber Karl Sartory eine Anlage, bei der das Gebäude in Winkelanlage um eine Terrasse herum gruppiert werden sollte. Einfache kubische Bauformen wirken durch großflächige Fenster unter einem weiteren Fensterband. Die Innenräume, bei denen die Deckenkonstruktion unverkleidet die Stahlskelette darunter präsentierte, waren nach Entwürfen von Riphahn möbliert worden. Dies und die Zusammenarbeit mit Kunsthandwerkern aus den Werkschulen machte immer wieder die Besonderheit der Riphahn'schen Planungen aus.
Bereits 1950 wurden die Sartory-Säle durch Wilhelm Koep erweitert. Ein bereits unter Riphahn geplanter großer Saal in Richtung Klapperhof für bis zu 1200 Besucher kam allerdings erst 1958 zur Ausführung. Von Anfang an standen die Sartory-Säle im Zeichen von Karnevalssitzungen – der Gürzenich war noch nicht wiederaufgebaut worden und man brauchte dringend große Veranstaltungssäle.
So kam es auch zu einer Planung von Kinotheatern wie den Hahnentorlichtspielen, die Riphahn an der Hahnenstraße als klar gegliederten Eckbau in seine neu konzipierte Ladenzeile einplante. Es war bei der Eröffnung 1948 das größte Kino Kölns und konnte 1500 Plätze vorweisen. In der elegant geschwungenen Vorhalle nimmt Riphahn schon die Ideen für die spätere Lösung der Wandelhalle in der Oper vorweg. Der Hunger nach Kultur in den Nachkriegsjahren übertrug den Lichtspielen eine Aufgabe, die über das reine Kinovergnügen hinausging. Repräsentation in gesellschaftlicher Hinsicht auf der einen Seite und Bildungsideen auf der anderen charakterisierten die Bemühungen um den Aufbau einer neuen Kinolandschaft, die unter extrem schwierigen Bedingungen stattfand. Nicht nur, dass fast alle der 56 Innenstadtkinos zerstört worden waren. Die Millowitsch-Lichtspiele an der Aachener Straße waren übrigens die ersten, die wieder mit einem funktionstüchtigen Kino starten konnten. Als sehr schwierig erwies sich nämlich die Tatsache, dass viele der Projektoren in den Kriegszeiten aufs Land ausgelagert worden waren, um sie vor Zerstörung zu retten, und man sie jetzt teilweise nicht mehr komplett zurückbekam. Es gab auch Schwierigkeiten mancher Kinobesitzer, sich eine Unbedenklichkeitsbescheinigung erteilen zu lassen von den Besatzermächten, die einem erlaubten, ein Kino überhaupt zu betreiben.
Unter solchen Bedingungen plante Riphahn sein Kino – das zweite für Köln nach den im Krieg zerstörten Ufa-Lichtspielen am Ring.
Besonders die Materialknappheit in der Zeit kurz vor der Währungsreform setzte den Architekten unter Druck. Praktischerweise konnte er eine Stahlkonstruktion nutzen, die ursprünglich für eine Hallenkonstruktion der Internationalen Verkehrsausstellung geschaffen wurde. Als Bauarbeiter konnte man Häftlinge aus dem Klingelpütz nutzen, die man mit belgischen Bosco-Zigaretten bezahlten. Die Kölner schufen denn auch bald nach der feierlichen Eröffnung den Spitznamen „Bosco-Cinema“.
Der Kinosaal mit seinen fächerartigen Wandschalen galt als technisch perfekte Lösung, die von Ton-Experten und anderen Technikern mitgeplant worden war. Hier zeigte man vor allem deutsche Filme in Erstaufführung. Die Hahnentorlichtspiele waren ein wichtiges Premierentheater und brachten mit den ebenfalls von Riphahn geplanten Leuchtreklamen einen weitreichenden Glanz in die Dunkelheit der Nachkriegszeit.

Ein städtebauliches Projekt – die Hahnenstraße
Bereits unter den Nationalsozialisten hatte die Hahnenstraße als wichtige Nordwestachse in der Stadt eine Erweiterung erfahren, die sie schließlich mit dem riesigen Aufmarschierplatz „Maifeld“ auf dem Gebiet des heutigen Aachener Weihers verbinden sollte.
Im Sommer 1945 erhielt Riphahn den Auftrag, sich Gedanken über die Neuplanung um den Rudolfplatz zu machen. Zunächst kam ein stark auf Begrünung und Durchlüftung ausgerichteter Entwurf aus seinem Büro, der allerdings schon bald durch die Planung einer urbanen Ladenzeile ersetzt wurde. Riphahn hatte sich einer Idee des Neuen Bauens verschrieben, die vor allem vermeiden wollte, dass man hier in der Innenstadt schluchtenartige Bebauungen verfolgte. Mit den flachen kubischen Bauten, die wie an einer Perlenschnur sich links und rechts der Hahnenstraße gruppierten, schien ihm die Forderung nach Auflockerung der Stadt am besten ausgeführt. Zudem galt hier wie im übrigen auch an anderen Stellen der Kölner Innenstadt, die über 80 Prozent kriegszerstört war: neues Bauen auf altem Grund. Riphahn hatte auch zu beachten, dass man die Apostelnkirche wiederaufbauen wollte, und hier sensibel mit der Umgebung zu verfahren. Interessant war die Bestückung der Hahnenstraße, die durch einen sogenannten Branchenmix das großstädtische Leben prägen sollte. Ofenhaus Ferdinand Leisten neben der Wäscherei Klug und der Gaststätte Zieren und anderen wie dem Stoffpavillon Möller oder dem Pelzhändler (heute Adrian) gaben hier eine Gemeinschaft von Geschäften, die Riphahn auch hinsichtlich der Werbung und kleiner Details wie Türgriffe und Fensterrahmungen ausstattete. Für den Stoffpavillon Möller, der mit seinen extravagant nach unten geschwungenen Fensterfronten nicht nur praktisch war (man konnte die Auslagen ohne Spiegelungen betrachten), plante Riphahn auch die Vorlage-Tische.
Erwähnenswert ist auch die Galerie Ferdinand Möller, die an der Eckbebauung zum Mauritiussteinweg ein einfaches und dennoch genial gestaltetes Geschäftshaus bezogen hatte, in welchem auch eine Wohnung nach hinten gelagert mitgeplant worden war. Wohnen und Arbeiten auf ökonomisch gut durchdachtem Raum stehen hier beispielhaft für das Neue Bauen.
Ferdinand Möller, der aus Berlin kam, gehörte zu den fortschrittlichen engagierten Galeristen, die die Kölner mit der Moderne vertraut machten: Zunächst zeigte er die Expressionisten, die in den Jahren zwischen 1933 und 1945 verfemt und aus der Öffentlichkeit verschwunden waren. Josef Haubrich kaufte bei ihm und hatte bereits 1946 seine Sammlung expressionistischer Künstler und anderer Avantgardisten der Stadt Köln vermacht. Später brachte Möller dann die Kölner in Kontakt mit den Abstrakten wie Baumeister und Nay.
Heute noch nachzuvollziehen ist ein Wiedererkennungszeichen Riphahnschen Bauens: Er plante gerne um Bäume herum und so wurde auch für die Galerie das Ineinanderschachteln der einzelnen Baukörper um einen Innenhof und ebenfalls um Bäume herum geplant.
Für den dringend notwendigen Wohnungsbau plante Riphahn, die Bebauung hinter der einfachen Ladenzeile in die Höhe zu ziehen – wie es dann allerdings erst zwischen 1954 und 1960/61 ausgeführt wurde.
Insgesamt stellt das städtebauliche Ensemble an der Hahnenstraße eine innovative Bebauung mit ökonomischer Ausnutzung und individuellen interessanten Gestaltungen dar, das zu Recht unter Denkmalschutz gestellt werden musste.
Herausragend aus dieser Bebauung ist die Planung für das erste Kulturinstitut der Besatzermächte – für die Franzosen baute Riphahn am Sachsenring in den Jahren 1951 bis 1953 und das britische Kulturinstitut „British Council – Die Brücke“ entstand bereits 1948 bis 1950. Heute lässt sich sagen, dass die Nutzung dieses Hauses durch den Kölnischen Kunstverein eine hervorragende Lösung ist, die unter Leitung von sachverständigen Mietern zu einer perfekten Renovierung und teilweise auch Rückbauung der Brücke führt. Gemeinsam mit den Nutzern des Pavillons auf der gegenüberliegenden Straßenseite – Galerie und Hochgastronomie – scheint man heute bemüht, die ursprünglich bewusst gelenkte Eleganz der Hahnenstraße wieder aufleben zu lassen. Wenn sich die Stadt irgendwann einmal zur Verlegung der Straßenbahn und der Änderung der Barrieren in der Mitte der Hahnenstraße entschließen könnte – welches Juwel könnte dann erst entstehen!!
Doch zurück zur „Brücke“. Hier galt es für den Architekten eine interessante Vorgabe zu erfüllen: ein kulturell genutztes Haus, in welchem eine Bibliothek, ein Kino- bzw. Vortragssaal und auch Büroräume sinnvoll gruppiert werden sollten.
Auch hier fällt der sparsame Einsatz von Materialien (einfacher Muschelkalk) auf, der den einfachen Baukörper ausmacht. Doch entfaltet diese Einfachheit eine sympathisch unaufdringliche Wirkung, wie man sie beispielsweise in der Kette kleiner Lichter im Foyer findet. Bloße Glühbirnen vor einer Messingschale strahlen in der Reihung eine edle Linie an, die perfekt zu dem interessant geschwungenen Treppenhaus passt. Auch die halbrunden Konchen der Fenster für den Theaterraum, die man in Richtung der romanischen Kirche zeigen sieht, glänzen durch schlichte und doch konsequente Eleganz.
Eine Arkade akzentuiert den Eingangsbereich. Sie ruht auf simplen Eisenträgern und drängt sich nicht in den Straßenraum. Auch für die Einbettung des Kulturinstituts in grüne Flächen hatte Riphahn gesorgt und die Hahnenplastik des Künstlers Toni Stockheim sowie der plastische Bauschmuck von Ludwig Gies gehörten ebenfalls zu seinem Gesamtkonzept.

Die neue Oper Köln
Obwohl schon bald nach der Eröffnung 1957 von den Kölnern als „Grabmal des unbekannten Dirigenten“ verhöhnt, war man doch gewiss stolz auf diesen modernsten Theaterbau der Nachkriegszeit. Riphahn hatte vom Generalplaner des Wiederaufbaus den Auftrag erhalten, die Oper neu zu planen – zunächst im Doppelpack mit dem Schauspielhaus. Nicht nur die Ablehnung der historistischen Architektur spielte hierbei eine Rolle, sondern auch die Idee, mit einem Opern-Neubau an zentral gelegener Stelle die Innenstadt neu zu beleben. Die alte Oper am Rudolfplatz war stark beschädigt und man entschloss sich zum Abbruch und machte somit den Weg frei für die Planung Riphahns.
In einer Präsentation vor den Stadtverordneten im September 1953 erläuterte Riphahn seinen Entwurf:
(...) Die vielleicht etwas eigenwillig anmutende Form der Hochhaustürme, man sprach von den babylonischen Türmen, einer der Herren Stadtverordneten hat, ich glaube begeistert, AIDA ausgerufen, ist sehr wohl begründet. Sie ist aus konstruktiven Erwägungen und Zweckmäßigkeitsgründen entstanden. (...) Hier die Hauptfassade zum Theaterplatz.Sie sehen die abgewogenen Verhältnisse - die breiten Pfeiler – die hohen schlanken Foyerfenster mit den Eingängen unter den Balkonen – den Gegensatz zwischen dem festlichen Vorderhaus und den aufsteigenden Massen des Bühnenhauses – und links den geplanten leichten Verbindungsbau zwischen großem und kleinem Theaterplatz. (...) Sie werden vielleicht fragen, warum ich auf diese ausgefallene Idee gekommen bin.
Ich verweise da auf den ersten Satz meiner Ausführungen, worin ich sagte, dass es nicht einfach sei, ein großes Haus mit 1400 Plätzen auch „intim“ zu gestalten. Dies glaube ich jedoch mit meinem Vorschlag erreicht zu haben. Die Logen sind fächerförmig, ganz auf Sicht zur Bühne gerichtet, gegeneinander versetzt angeordnet.

Die Lösung bringt vor allem den Vorteil, dass der rückwärtigste Platz mit 29 m noch sehr nahe zur Bühne liegt und auch die Höhe des Raumes dank des angewandten Systems der versetzten Balkone bei bester Sicht geringer ist als bei den gewohnten Rang-Theatern. (...) Als Schlussbild zeige ich Ihnen einen Ausschnitt aus dem Zuschauerraum. Aus dieser Farbstudie geht die Atmosphäre des Raumes ganz besonders hervor. Die Wände sollen ganz in Holz verkleidet werden. Lediglich die Logenbrüstungen und Untersichten, die aus der Statik heraus die Form eines Schlittens haben, zufällig aber auch einer Barockbrüstung verwandt erscheinen, werden in Stuck ausgeführt. So steigert sich bewusst das Raumerlebnis, beginnend mit der kühl und streng gehaltenen Eingangshalle über die hellen hohen Foyerräume bis zu diesem in den Formen, den Farbwerten und Materialien reichsten und wichtigsten Raum des ganzen Hauses. (zitiert nach: Britta Funck (Hrsg.): Wilhelm Riphahn. Architekt in Köln. Eine Bestandsaufnahme. Ausstellungskatalog. Köln 2004)
Riphahn hatte mit seiner modernen Oper ebenfalls ein städtebauliches Konzept verfolgt, das neben dem mit Brunnen akzentuierten Vorplatz auch die Häuserzeilen und die Straßenflucht der heutigen Nord-Süd-Fahrt mit einbezog. Auch die Planung eines Cafés für die Bedürfnisse der Opernbesucher gehörte zum Gesamtbild, ebenso wie ausreichend vorhandener Parkraum. Wenn wir heute vom Tosen der als massiver Einschnitt in die Innenstadt empfundenen Nord-Süd-Fahrt stehen, müssen wir uns vor Augen halten, dass man in den fünfziger Jahren noch nicht mit einer so massiven Verkehrsexplosion gerechnet hatte. Und zum planerischen Umgang mit der modernen Stadt gehörte auch die Konzeption vom Verkehrsfluss dazu. Rudolf Schwarz war ganz fasziniert von den „Blechkäfern“, und auch Riphahn hatte ganz genaue Vorstellungen von der Wahrnehmung des elegant erleuchteten Opernhauses aus dem Straßenkreuzer heraus.

Die heute dringend notwendige Renovierung der Oper hat nicht nur einen besonderen Fokus auf die Architektur des Architekten Wilhelm Riphahns geworfen, sondern grundsätzlich zu Diskussionen um den Denkmalschutz der 50er-Jahre-Architektur geführt. Erst langsam setzt sich das Bewusstsein für die Besonderheiten dieser Bauten durch, das zugegebenermaßen auch durch so manche Bausünde getrübt wird. Man hat im Nachkriegs-Köln nicht nur wohldurchdachte Planungen à la Riphahn gehabt und so manches Hässliche wurde provisorisch hochgezogen.
Dennoch gilt es den Blick wieder zu schärfen für die unaufdringliche Eleganz der Architektur des Neuen Bauens, die der Kölner Riphahn in so meisterhafter Weise ausgeführt hat.
Der letzte Stand der Dinge um das Vorhaben, die Riphahn'sche Oper möglicherweise abreißen zu lassen, ist doch erfreulicherweise der, dass man die Gelder zur Renovierung bereitstellen will. Es gilt zu hoffen, dass dies auch in die Tat umgesetzt werden wird.
Literatur zu Wilhelm Riphahn bei Amazon:
Neue Werkkunst: Wilhelm Riphahn Köln
Britta Funck: Wilhelm Riphahn. Architekt in Köln
Posted by Kulturtussi in Texte zur Kunst at 01.08.06 16:31| Comments (0)
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Updated at 31.08.06 00:20
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