Stippvisite bei Herrn Miró

Ich bin mittlerweile richtig froh, dass ich mir selber diesen Plan auferlegt habe. Eigentlich habe ich gerade gar keine Zeit, mal links und rechts zu gucken. Denke ich. Aber da gibt mir 10×10 einen kleinen Schubs. Und hey, mal eben nach Düsseldorf fahren, ist gar nicht so schwer. Wie praktisch, dass die in der Kunstsammlung diesen freien Abend haben. Da konnte ich dann einfach ganz spontan ohne Anmeldung und Gedöns mal bei Herrn Miró vorsprechen. Stippvisite bei Joan Miró. Wie es war? Ich berichte gerne.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 27. September. Geht da unbedingt hin, denn man entdeckt eine andere Seite des Malers, der ein bisschen unter dem Schicksal des Poster-Overkill zu leiden hat.

Die Verschränkungen von Schrift und Literatur mit der bildenden Kunst ziehen mich magisch an. Im Museum Ludwig habe ich schon viel Zeit vor dem Bild “Amour” verbracht, das jetzt auch mit nach Düsseldorf gereist ist. Wie auf einer Bühne, agieren hier die Formen, Farben und eben auch Buchstaben in einem wunderbaren Schauspiel. Was mir gut gefallen hat: Die Düsseldorfer Ausstellung gibt den einzelnen Exponaten sehr viel Raum, wo sie dann dieses Potenzial voll entfalten können.

Ich fand es spannend, dass die Ausstellung in der Kunstsammlung NRW sich den Aspekt der Poesie aus dem Werk Mirós herausgepickt hat und durch alle Schaffensperioden hindurch präsentiert. Man kann der Entwicklung des spanischen Künstlers folgen. Und gleichzeitig eintauchen in die Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Denn die ist von einer besonders engen Zusammenarbeit zwischen Kunst und Literatur geprägt.

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Paul Éluard und Joan Miró, À toute épreuve (Allem widerstehend), Genf: Gérald Cramer, 1958, Holzschnitte, 33,5 x 26 cm, Privatsammlung, Für Joan Miró: © Successió Miró / VG Bild-Kunst 2015

Künstlerbücher

Weit über 200 Künstlerbücher hat Miró gemeinsam mit befreundeten Dichtern geschaffen. Wie Text und Bild darin miteinander in Beziehung gestellt werden, diese Gleichwertigkeit von Beidem – das hat schon eine ganz besondere Qualität. Mein Liebling unter den ausgestellten Büchern ist die Arbeit, die er mit Paul Éluard geschaffen hat. Holzdrucke in reinen Farben gehen eine Beziehung mit dem Gedicht ein, in welchem der surrealistische Dichter in den 20er Jahren uner anderem die Trennung von Gala verarbeitet hatte. Rund 20 Jahre nach diesen Ereignissen kam es dann zu dem Projekt mit Miró. In A Toute Épreuve gerät auch Katalonien mit dem Schicksalsort Cadaqués (dort verliebte sich Gala in Dalí) in den assoziativen Text. Vielleicht gab dies den Impuls für Miró, mit Fundstücken aus der Landschaft Holzstempel herzustellen. An manchen Stellen kombiniert er sie mit Metalldrähten, die ebenfalls abgedruckt werden. So entstanden ganz besondere Bilderfindungen. Das Künstlerbuch, an dem auch der Drucker Gérald Cramer einen wichtigen Anteil hat, ist erst nach dem Tode Éluards fertig. Miró wollte es perfekt machen!

Bibliothek

Ein Highlight in der Ausstellung ist Mirós Bibliothek, die man hier auferstehen ließ. Es gibt einen Bereich, der mit Objekten aus dem Hause Mirós die Atmosphäre herstellt, mit der sich der lesende Künstler umgeben hat. Ha, er hatte sogar genau den gleichen mexikanischen Lebensbaum wie ich!! Die Kuratoren genau rekonstruiert, welche Bücher Miró besaß. Und sie nachgekauft. So kann man dort sitzen und in Mirós Welt eintauchen. Das zieht sich als Idee durch die Ausstellung. Dieser Hauch von Authentizität! Was für eine Entdeckerfreude. Macht großen Spaß, wenn man das originale Buchobjekt sieht, das genau so auch im Bild auftaucht.

“Hahn und Harlekin” – das 1918 von Jean Coquteau geschriebene Buch auf dem Bild unten – zeigt deutlich, welchen Einfluss die Pariser Zeit auf Miró hatte. In dem Buch stehen übrigens sehr interessante “Anleitungen”: “Befasse dich, auch wo du tadelst, nur mit Erstrangigem.””Ein Künstler, der zurückweicht, verrät keine Sache. Er verrät sich selbst.”

Suchaufgabe für dieses Wimmelbild: Wer entdeckt die Hommage an Picasso?

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Joan Miró (1893-1983), Le Cheval, la pipe et la fleur rouge (Das Pferd, die Pfeife und die rote Blume), 1920, Öl auf Leinwand, 82,5 x 75 cm, Philadelphia Museum of Art, Philadelphia, Geschenk von Herrn und Frau C. Earle Miller 1986, © Successió Miró / VG Bild-Kunst 2015

Wild

Das ist sicher nicht ganz gerecht, aber ich habe Miró immer als ein bisschen “harmlos” empfunden. In der Ausstellung bin ich als erstes nach links in den Saal gesteuert und stand vor den späten Arbeiten des Künstlers. Wow, die entwickeln eine ungeheure Wucht. Und auch Wut! Das ist zum Teil sehr düster. Miró, der während der Franco-Diktatur auf Mallorca lebte, hat sich auch sehr von der Power der Studentenrevolte anstecken lassen.
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Joan Miró (1893-1983), Poème (III) (Gedicht. III), 1968, Acryl auf Leinwand, 205 x 174 cm, Fundació Joan Miró, Barcelona, © Successió Miró / VG Bild-Kunst 2015. Foto: Jaume Blassi© Kunstsammlung NRW

Vielleicht gar nicht schlecht, das Ganze mal von hinten aufzurollen. In den späten Arbeiten sind die Buchstaben die Hauptdarsteller und gewinnen an Eigenleben. Wie bei den Lautgedichten der konkreten Poesie setzen sie die Assoziationsketten beim Betrachter in Gang. Mao, Mallorca, Mai – es tanzen viele Bezugsquellen durch den Kopf. Dazu Sonne, Mond und Sterne – das kenne ich doch aus den mittelalterlichen Gemälden. Das Universelle, die Natur. Man schwingt sich ein auf die Macht der Bilder.
Richtig klasse, sind die kleinen Lautsprecher-Inseln in der Ausstellung. Wenn man sich unter so eine Plexiglas-Glocke stellt, rieselt von oben ein rezitiertes Gedicht auf einen herab.
Eigentlich würde ich gerne nochmal hingehen. Beim zweiten Mal entdeckt man bestimmt noch mehr. Die Filme habe ich mir gar nicht angesehen. Und ein bisschen in der Bibliothek des Herrn Miró rumgammeln – das hat doch was. Aber immerhin hat mich die Stippvisite bei Herrn Miró sehr angeregt. Wenn ich dann demnächst wieder vor “Amour” im Museum Ludwig stehe, werde ich mich gerne erinnern.

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