Sonne im Herzen

Begegnungen mit der „Rest&Relax“-Stipendiatin Luzia-Maria Derks bei den artgenossen
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Luzia-Maria Derks in ihrem Auto, welches sie mit blitzenden Schokaladen-Papierchen in ein rollendes Kunstwerk verwandelt.
Badewanne – Sonne – Frauen – das waren spontan die drei Begriffe, mit denen Luzia-Maria Derks ihren Aufenthalt bei den artgenossen in Lindlar beschreiben wollte. Sie hat das Stipendium gewonnen, welches die artgenossen seit 2007 ausschreiben und für das eine fachkundige Jury verantwortlich zeichnet.


Die Künstlerin aus Münster hat das „Rest&Relax“ Angebot wörtlich genommen. „Ich empfinde es als besonders angenehm, dass dieser Aufenthalt hier mit keinerlei Erwartungen an einen künstlerischen Output verbunden ist“ sagt die Künstlerin, die ich an ihrem vorletzten Tag dieser Auszeit im Bergischen Land zu einem leckeren Frühstück in den sonnendurchfluteten Räumen der artgenossen treffe.
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Sofort fällt mir die spontane und herzliche Art der Künstlerin auf und ich lausche fasziniert ihren Worten, mit denen sie beschreibt, was ihr der Aufenthalt in Lindlar gebracht hat.
Fangen wir mal mit dem Stichwort „Frauen“ an. Luzia-Maria Derks ist eine Künstlerin, die sich im Rahmen ihrer künstlerischen Praxis hin und wieder auch mit feministischen Fragestellungen auseinandersetzt. Als ich sie, die Sammlerin von Alltagsgegenständen und -situationen frage, ob sie während ihres Aufenthaltes auch etwas sammeln würde, erzählt sie mir von den feinen Abriss-Streifen der Slipeinlagen. Sie hebt sie in kleinen Schachteln auf und überlegt schon, wie sie sich in ihrer gedrehten Form konservieren und künstlerisch verwerten lassen. Schnell entspinnt sich ein Gespräch über Sinn und Unsinn von Slipeinlagen. Es tangiert die Fragen von Rollen-Erwartungen aber auch die Problematik des Zivilisationsmülls. Themen, mit denen sich Luzia-Maria Derks beschäftigt.
Doch zurück zu den „Frauen“. Luzia-Maria Derks nutzte ihren Aufenthalt auch für Freizeitaktivitäten. So berichtet sie, sich einer Wandergruppe angeschlossen zu haben. Einen Tag zuvor trifft sie im Gemeindehaus zum Weltgebetstag der Frauen Teilnehmerinnen, die sich für die Rechte der Frauen in Malaysia stark machen – eine Begegnung, die die Künstlerin sehr beeindruckt. Aber fast noch beeindruckender war für sie das zufällige Gespräch, das sie mit einer Schlecker-Mitarbeiterin geführt hat. Diese habe plötzlich zu einer leidenschaftlichen Verteidigungsrede für ihren Arbeitgeber angehoben.
Luzia-Maria Derks hat unglaublich feine Antennen für solche zwischenmenschlichen Begegnungen und das erfährt man auch immer wieder in ihren Arbeiten. Diese sind oft ortsbezogen und offenbaren spannende Geschichten, die die Künstlerin durchaus auch mit autobiographischen Ansätzen verarbeitet. So beeindruckte sie z.B. 2006 in Emsdetten mit einer Projektion von Waschungsritualen aus einem Buch mit dem Titel „TEACHING PRAYERS“ in einem ehemaligen Wohnhaus für türkische Gastarbeiter.
Unser Gespräch nimmt eine kleine Wende und sie erzählt mir von einem sehr persönlichen Projekt. Sie hat über ihre Reise nach Marokko geschrieben. Dorthin ging sie mit ihrer kleinen Tochter in den achtziger Jahren und lebte einige Monate in dieser fremden Kultur. Eine Auszeit bei den Schwestern vom guten Hirten von Januar bis April 2010 hat ihr ermöglicht, diese Geschichte aufzuschreiben. Eine sehr persönliche Biografie-Arbeit, für die sie jetzt möglicherweise den Schritt in die Öffentlichkeit wagen möchte. Was ihr damals auf der französischen Atlantikinsel den nötigen Freiraum für eine äußerst kreative Phase gegeben hat, kann sich mit den Impulsen der „Rest&Relax“ Auszeit in Lindlar vielleicht wiederholen. Kreativ war sie hier auf jeden Fall schon direkt nach ihrer Ankunft tätig.
Da ihr die Eingangsseite der alten Winterschule zu wenig Licht und Aufmerksamkeit im Vergleich zur Gartenseite bot, entschloss sie sich spontan, mit einer kleinen Installation den Zaun vor dem Haus zu akzentuieren. Hier sollte die Sonne eingefangen werden, die in den Räumen und den Herzen der artgenossen so hell scheint! Die Sonne, die übrigens pünktlich zum Beginn ihres einwöchigen Aufenthaltes in Lindlar zum Vorschein gekommen war!
2008 hatte Luzia-Maria Derks Furore gemacht mit einer wunderbaren Installation von hunderten von sogenannten Katzenaugen in der Radstation Münster. Sie erzählt mir begeistert von der Bereitschaft der Firma Busch und Müller, sie mit diesen Reflektoren zu unterstützen. Derks sammelt sie in verschiedenen Farben, nimmt sie auseinander und setzt sie als filigranes blinkendes Material für wundervolle schwebende Kunstwerke wieder zusammen. Diese fangen das Licht ein, bewegen sich im Windhauch und sind ein herrliches Beispiel dafür, wie aus vorgefundenen Abfallmaterialien die poetischsten Arbeiten entstehen könnten. Leider blieb die Installation am Zaun der artgenossen nur einen Tag – wahrscheinlich hat das kostbare Glitzern gelangweilte Jugendliche angelockt, die das Kunstwerk zerstörten. Wo Licht ist, da ist auch Schatten!!
Besonders begeistert zeigte sich die Künstlerin von den Ratschlägen und Hinweisen der artgenossen und befreundeter Akteure der bergischen Kunstszene. Einmal mehr hat sich die Kulturinstitution artgenossen als perfektes Netzwerk erwiesen. Derks wurde mitgenommen zu Ausstellungen in der Umgebung und konnte mit Künstlern und Kulturschaffenden sprechen, die bei den artgenossen ausstellten. Während sie mir davon erzählt, kann ich spüren, wie randvoll mit neuen Ideen und Gedanken Luzia-Maria Derks nach Hause zurückkehren wird.
Zum Schluss sei noch der Begriff der Badewanne erklärt, der für die Künstlerin zum Symbol für „Rest&Relax“ geworden ist. Zuhause habe sie keine, sagt sie lachend und sie hat sich extra im Ort nach einem passenden Badezusatz umgesehen. Wie sehr sie sich auf das Angebot der artgenossen einlassen konnte, zeigte auch die Tatsache, dass sie regelmäßig zum Yoga gegangen ist.
„So eine Einstellung ist uns sehr willkommen“, sagt Ursula Neumann von den artgenossen. Denn über entspannte Haltungen entstehe oft viel eher auch ein künstlerischer Austausch. Und ganz sicher wird dies nicht die letzte Begegnung zwischen der bergischen Kunstszene und der Künstlerin aus Münster bleiben.

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