Skulptur Projekte in Münster 2017

“Entschuldigung, wo sind denn hier die Toiletten?” “Da gehen Sie am besten zum Domplatz zu der Arbeit von Hans Peter Feldmann.” Das sind Dialoge, wie man sie wohl nur in Münster führen kann. Eine Stadt, bei der mir normalerweise Beschaulichkeit und fahrradelnde Studis in den Sinn kommen. Jetzt war ich doch tatsächlich zum ersten Mal dort, um mir die Skulptur Projekte anzuschauen. Irgendwie habe ich das bislang nicht geschafft. Aber nun weiß ich, was mir seit 1977 entgangen ist. Vor allem ein ganz besonderes Feeling in der Stadt, wenn die Kunst zum Tagesthema wird. Ein erster Rundgang zur 5. Skulptur Projekte Münster hat in mir den Wunsch nach mehr geweckt.

Wen es interessiert: auf der Toilette war ich dann in der Stadtbücherei. Und dort habe ich dann gleich noch Kunst entdeckt. Vorher war ich auf einer geführten Tour. Aber man kann sich prima auf die in der Stadt verteilten Zeichen verlassen und entdeckt die Kunst im Vorbeigehen. Das gefällt mir sehr. Einfach rumlaufen und sich treiben lassen. Um dann dem Kaninchen ins Baumloch folgen. So lernt man nebenbei auch noch besondere Orte in der Stadt kennen. Wie eben die architektonisch reizvolle Stadtbücherei.

Geleitet von freundlichen Blicken und nettem Lächeln, wenn man nachfragte, öffnete ich endlich eine dicke Stahltür im Untergeschoss. Dahinter erst einmal Dunkelheit, in der ich mich zurechtfinden musste. Spannend, aber die eigentliche Arbeit ist ein Video. Eine Weile beobachtete ich auf der Leinwand einen Radiomoderator, der in einem Studio agiert. Our Times heißt die Arbeit vom irländischen Künstler Gerard Byrne. Wenn ich ehrlich bin, tat ich mich etwas schwer, da reinzukommen.

Die Umgebung hat mich abgelenkt. Der Raum gehörte nicht zur Kunst – nehme ich jedenfalls an. Aber irgendwie ist es super spannend, hier unten im hintersten Eckchen der Bibliothek im Dunkeln zu stehen. Langsam zeichnen sich rote Verkleidungen an den Wänden ab. Ich komme mir vor, wie in einer Bar. Okay, darum geht es hier natürlich nicht. Ich wende mich wieder dem Video zu und frage mich, ob das historische Aufnahmen sind? Der Moderator wirkt irgendwie aus der Zeit gefallen. Für mich könnte das Geschehen auch in den Sechzigern stattgefunden haben. Ich versuche, mich zu konzentrieren. Wahrscheinlich müsste man länger zuschauen. Aber ich kam nicht richtig rein und mit einem Blick auf die Uhr (mein Zug!!!)  verließ ich den Raum.

Das Performative

Wer sich jetzt fragt: Hä, ein Video? Was hat das bei den Skulptur Projekten zu suchen? Dem würde Kasper König antworten, dass es bei der diesjährigen Ausgabe der auf einen zehnjährigen Rhythmus ausgelegten Schau um den Körper geht. Den kann man in performativen Situationen im Sinne eines erweiterten Skulpturenbegriffs verstehen. Die Fragen nach einem besonderen Stichwort, das alle 10 Jahre die Skulptur Projekte umschreibt, scheint den Journalisten wichtig. Sie folgen damit den Ansprüchen der Kuratoren (in diesem Jahr wird König von zwei Kuratorinnen gerahmt: Britta Peters und Marianne Wagner), eine Bilanz darüber zu ziehen, in welche Richtung sich in der zeitgenössischen Skulptur entwickelt hat. Wer allerdings beim Performativen an eine Art Theater-Festival denkt, den pfeift König entschieden zurück. Für ihn muss das Performative vor allem für eine Ausstellung über einen längeren Zeitraum funktionieren. Deswegen sind es auch nicht Aufführungen, sondern man nimmt einzelne Performances als geschlossenes Kunstwerk wahr.

So wie die beeindruckende Arbeit von Alexandra Perici. Leaking Territories ist eine mehrteilige Arbeit, in welcher sechs PerformerInnen immer wieder einen kollektiven Körper formen, der in einem ganz besonderen Raum auftritt. Der Friedenssaal im Historischen Rathaus war einst der Ort des Westfälischen Friedens, ein historisches Ereignis, das für Münster identitätsstiftend scheint. Und hier vollzieht sich das, wofür die Skulptur Projekte so besonders geschätzt werden. Die Künstler durchlaufen in der Vorbereitung auf die Ausstellung einen besonderen Annäherungsprozess, indem sie die Stadt in ihrer besonderen Gegebenheit untersuchen und idealerweise mit ihren Skulpturen auch darauf Bezug nehmen.

Pirici lässt die PerformerInnen immer wieder mittels laut aufgesagter Daten und Fakten eine Verortung vornehmen. Es werden im Geiste des Westfälischen Friedens vor allem territoriale Konflikte angesprochen oder Grenzen infrage gestellt. Der Beginn der Performance hat mich besonders mitgenommen. Wir warteten in einem Vorraum des Friedenssaals und wussten nicht so recht, wann wir diesen betreten dürften. Plötzlich fing eine der Umstehenden an, zu singen. Nach und nach gesellten sich die anderen Performer dazu und wir folgten ihnen dann schließlich in den Friedenssaal. Der ist natürlich ein Prunkstück! Immer wieder fanden sich die Akteure zu neuen kollektiven Figuren zusammen. Mich erinnerten manche Gesten an nachgestellte Kunstwerke, es hatte aber auch viel von modernem Tanz! Einen kleinen Bruch in der Performance gab es, als die Darsteller plötzlich zu einer Art menschlichem Google mutierten. Sie gaben vor, die Anwesenden kurz hinsichtlich Alter, Geschlecht und anderer Merkmale zu scannen und ihnen ad hoc auf sie zugeschnittene Suchergebnisse zu präsentieren. Ich habe nicht ganz mitbekommen, ob das Publikum tatsächlich irgendwelche Suchbegriffe vorgegeben hat. Es stellte sich – wie immer in solchen Interaktionen – eine gewisse Lähmung ein. Denn es ist nicht so leicht, aus der Rolle des passiven Rezipienten mal eben schnell in die Interaktion zu wechseln.

Nicht nur für Münster, auch für die anderen Großausstellungen (dieses Jahr kann ich vielleicht das Triple schaffen) steht ja schon seit Längerem die Frage nach der Positionierung der Kunst angesichts immer schwieriger werdenden politischen Situationen auf dem Plan. Arbeiten wie Leaking Territories lösen das auf beeindruckende Weise ein.

Foto: Henning Rogge

Wirkung zeigen

An dieser Stelle muss ich eine kleine Diskussion erwähnen, die bei unserem Rundgang entfacht wurde. Sie ging spontan los, als wir – in Vorbereitung auf die Arbeit von Lara Favaretto vor einem sogenannten Train-Monument standen. Ein umgedrehter Obelisk mit mehr als befremdlich anmutenden Inschriften (Sie gaben ihr Alles, ihr Leben, ihr Blut, sie gaben es hin mit heiligen Mut, für uns) erinnert an ein Bataillon, welches in Kolonialisierungsfeldzügen in Afrika und China zu Beginn des 20. Jahrhunderts Verluste erlitten hat. Favaretto hatte sich dafür entschieden, in “sicherer” Entfernung auf der anderen Seite des Ludgeriplatzes Bezug auf dieses Monument zu nehmen. Sie antwortete sozusagen mit einem formal ähnlichen Monolith, der sich allerdings bei näherem Ansehen als eine riesige Spardose entpuppte. Durch einen Schlitz kann man Geld einwerfen, das am Ende durch Zerstörung der Skulptur geborgen werden und zur Unterstützung von Flüchtlingen in Abschiebehaft verwendet werden soll. Einer der Teilnehmerinnen am Rundgang war dies zu oberflächlich. Es entstand eine lebhafte Diskussion darüber, wie direkt Kunst politisch wirken solle. Beziehungsweise, wie weit man in der “Belehrung” des Publikums zu gehen habe.

Genau solche Diskussionen werden sicherlich von den Machern der Skulptur Projekte erwünscht. Besser kann es eigentlich nicht laufen. Niemand will sich an Kunst delektieren, alle wollen, dass sie wirkt in dieser Zeit, in der so viele Fragen offen scheinen und man morgens bange fragt, was der Tag einem noch bringen wird an schlechten Nachrichten. Die Kunstvermittlung für die Skulptur Projekte Münster setzt dezidiert auf den Dialog und ich bin mir sicher, da werden noch jede Menge spannender Diskussionen folgen.

Programm machen

Ich will euch jetzt nicht noch jedes Kunstwerk beschreiben, das ich auf meinem Rundgang gesehen habe. Wenn ihr hinfahrt, werdet ihr eh eure eigenen Lieblinge entdecken. Aber es ist angebracht, einen Blick auf die begleitenden Programme der Skulptur Projekte zu werfen. Da gibt es so viele spannende Formate, dass es unbedingt lohnt, einen Besuch um diverse Veranstaltungen herum zu planen. Mich hat besonders die Idee der Künstlergespräche in einer Bar fasziniert, die im Inneren der Arbeit von Peles Empire installiert ist. Das Künstlerinnen-Duo hat sich mit einer speziellen Installation förmlich in die Stadt eingeschrieben. Und die typischen Terrassengiebel der Altstadt zitiert. Allerdings weist die Oberfläche des Objektes auch auf das Hauptwerk der beiden hin, das sich um das außergewöhnliche Schloss Peles in Rumänien dreht. Verkürzt könnte man sagen, es geht den beiden um die Fassade beziehungsweise um das, was dahinter steckt. Überraschungen inklusive. Barbara Wolff und Katharina Stöver sind Anhängerinnen der Salon-Idee und übertragen diese nunmehr nach Münster. Termine für die Künstlergespräche in ihrer begehbaren Skulptur findet ihr hier.

Foto: Henning Rogge

The Hot Wire

Die Documenta hat Athen. Münster hat Marl. Diese in den 6oer Jahren mit nahezu visionärer Sicht gebaute Stadt verkörpert den demokratischen Geist des Wiederaufbaus, wie kaum eine andere. Schon lange steht für mich als bekennende Brutalistin ein Besuch dort an! Und die Verbindung nach Marl über die Gattung Skulptur macht Sinn, ist doch das dortige Museum dafür bekannt, mit Kunst der Strukturschwäche der Stadt tapfer entgegenzutreten. Und so wandern für Marl geschaffene Skulpturen nach Münster und umgekehrt. Ein spannender Austausch! Lara Favaretto hat ein Pendant ihres Monolithen für Marl geschaffen. Thomas Schütte spendiert Melonen als Ergänzung zu seinen Kirschen in Münster. Und die kongeniale Arbeit Angst von Ludger Gerdes muss sich für die Zeit der Skulptur Projekte an einer Mall in Münster beweisen. Der Diskussionsradius wird erweitert und es kommen neue Perspektiven hinzu.

Kur und Kür

Und dann gibt es noch dies: Ein literarisch wertvolles Programm, das ich besonders schön finde. Ein Team von Autoren in Residence wird zwei Wochen vor Ort in Münster (mit einer Exkursion nach Marl) arbeiten/schreiben. Die Texte, die dabei zur Kunst entstehen, werden in einem 14-tägigen Turnus abends im Freihaus Münster gelesen.

Es gibt noch so viel, was ich sehen will. Also plane ich schon mal den nächsten Ausflug nach Münster. Zum Publikumsmagnet scheint sich ja die Arbeit von Ayse Erkmen zu entwickeln (über das Wasser laufen – ein Menschheitstraum!!). Was mich aber besonders reizt, ist das Tattoo-Studio von Michael Smith, der das Körper-Konzept, von dem hier öfter gesprochen wurde, sehr wörtlich genommen hat. Vielleicht sollte ich über eine Tätowierung nachdenken. Wobei ich leider noch nicht in den Genuss eines Rabattes kommen werde. Der gilt nämlich erst ab 65+

Kauft euch auch unbedingt den Katalog, der mit 18 Euro ungewöhnlich wohlfeil und richtig toll gemacht ist. Eine Navigations-App gibt es auch noch (IOS, Android), bei der sehr viel Wert auf barrierefreie Angebote gelegt worden ist. Hier geht es nochmal zu einer Übersicht der ausgestellten Skulpturen inklusive der in Münster verbliebenen Arbeiten vergangener Skulptur Projekte.

Insgesamt sind 35 Künstler am Werk gewesen, von denen ich erst 9 gesehen habe! Es gibt also noch viel Stoff für weitere Besuche.

 

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3 Comments

  1. Vielen Dank für den Einblick – ich beabsichtige, im Sommer auch nach Münaterczu fahren. Da passt das gut 🙂

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