Der Schatten der Avantgarde

Henri Rousseau (1844-1910) Le lion, ayant faim, se jette sur l’antilope, 1898/1905
Der hungrige Löwe wirft sich auf die Antilope
Öl auf Leinwand /Oil on Canvas, 201 x 301,5 cm
© Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler Foto: Robert Bayer, Basel

 

Jüngst war ich im Essener Folkwang Museum. Das stand schon längst auf meiner To-Do Liste. Und klammheimlich führe ich mit diesem Besuch meine 10×10 Geschichte weiter. Als großer Fan der Klassischen Moderne (irgendwie ist das durch mein Studium sehr tief bei mir hängen geblieben) musste ich natürlich die Ausstellung “Der Schatten der Avantgarde. Rousseau und die vergessenen Meister” ansehen. Da trifft man alte Bekannte (klar, wenn Kaspar König der Kurator ist) und lernt sie unter völlig neuen Vorzeichen kennen. Man staunt über die Kraft der Outsider und fängt an, über den Kunstbetrieb nachzudenken. Ich schätze es sehr, wenn Ausstellungen solche Impulse liefern und man den ein oder anderen Gedanken mit nach Hause nimmt.

Der Zöllner

Henri Rousseau spielt in der Ausstellung eine zentrale Rolle. Seine Bedeutung für die Avantgarde-Künstler führt exemplarisch vor Augen, was mit dem Schatten gemeint ist. Er schaffte den Sprung aus dem Schatten auf die große Bühne. Aber seine Geschichte ist aus vielen Gründen sehr besonders.  Sein Status changierte zwischen Faktotum der Bohemien am Montmartre (über den man sich gerne lustig machte) und Muse für die nach frischen Impulsen suchenden Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dazu zählte auch eine gewisse Art der Legendenbildung. So erzählte man erfürchtig von den Abenteuern im fernen Mexiko, die seinen Malstil beeinflusst hätten. In Wahrheit hat Rousseau Paris aber nie verlassen. Und seine Fantasien über den geheimnisvollen Dschungel entstammten einem Katalog der Galerie Lafayette. Aber die Moderne brauchte das. Genauso, wie sie die Berichte aus dem Paradies brauchten, die ihnen von Gauguin aus der fernen Südsee zugespielt wurden. Dass dieser gerne wieder zurückgekehrt wäre, durften sie nicht erfahren.

Picasso, Gauguin und die Stars der Moderne

Man findet in der Ausstellung auch die Avantgarde, die den großen Schatten geworfen hat. Diejenigen, die heute verehrt werden als Begründer der klassischen Moderne. Picasso, Gauguin, Mondrian, Brancusi, Nolde, Ernst … Heute garantieren sie Besucherströme. Damals, nach der Jahrhundertwende waren sie um eine Kunst bemüht, die mit den gesellschaftlichen Veränderungen Schritt halten konnte. Akademien, das war ihnen klar, waren nicht die Orte, an denen der Fortschritt in eine neue Zeit gelehrt werden konnte. So machten sie sich auf, neue Quellen der Inspiration zu finden. Unverfälscht, unberührt, ursprünglich … an solchen Begrifflichkeiten orientierte man sich. Außereuropäische Kunst und eben auch die nicht-akademischen “Naiven” oder “Outsider” schienen diese Kriteren zu erfüllen.

Wandert man nun durch die Ausstellung, so bemerkt man “verdichtete Energiefelder”. Mit einer “nicht-hierarischen” Architektur wollen die Macher die Besucher durch die kleinen Retrospektiven derjenigen leiten, die im Schatten der Avantgarde standen. Ich finde die Idee gut. Ich für mich musste aber auch  feststellen, dass mich die Blogbuster magisch angezogen haben. Es war immer dieses: “Ach schau. DAS hängt hier!” Die Aura eines Kunstwerkes hat eben auch mit seiner Rezeption zu tun, oder?

Gem„lde / Leinwand (um 1930) von S‚raphine Louis [1864 - 1942]Bildmaá 146 x 114 cmInventar-Nr.: 5004Person: S‚raphine Louis [1864 - 1942], Franz”sische MalerinSystematik: Personen / Knstler / Louis / Werke

Séraphine Louis (1864-1942) La Séraphine bleue, um 1930, Die blaue Séraphine
Ripolin auf Leinwand, 146,2 x 114 cm; © Hamburger Kunsthalle / bpk
Foto: Elke Walford

 

Die im Schatten sieht man nicht

Das ist natürlich das Verdienst dieser Präsentation, die von Kaspar König und Falk Wolf eingerichtet wurde. Man entdeckt die Outsider, die Vergessenen, die nicht im üblichen Kanon der Kunstgeschichte auftauchenden (einzige Ausnahme ist Henri Rousseau, der deswegen auch so eine Art Mittler zwischen den Welten sein soll). Man ist erstaunt über die Kraft ihrer Bilder und entziffert in ihnen so Vieles, was man der klassischen Moderne zuschreibt. Die Einfachheit der Formen, das Eintauchen in mystische Welten, das bewusst Unvollkommene.

Mich haben vor allem die ehemalige Putzfrau Séraphine Louis und der Sklave Bill Traylor besonders in ihren Bann gezogen. Letzterer ist mir übrigens noch sehr vertraut aus der Einzelausstellung im Museum Ludwig 1999. Traylors Bilder berühren, weil sie einem die Welt aus der Sicht eines lebenslang unterdrückten Menschen zeigen. Und zwar so, dass sie ungefiltert direkt ins Herz gehen. Bei Séraphine Louis spürt man ebenso, dass einem durch die Bilder eine sonst verschlossene Welt geöffnet wird. Das Paradies, das man vielleicht hinter den üppigen Planzenstillleben entdeckten könnte, bekommt jedoch ein paar Risse (ganz so, wie die Oberfläche der mit Ripolin gemalten Bilder). Man spürt etwas Dunkles aus den Tiefen des Unterbewusstseins strömen.

Kanon – oder nicht

Jeder, der 13 ausgestellten Schatten-Künstler ist eine Entdeckung für sich. Die Skulpturen von Erich Bödeker beispielsweise oder auch die von William Edmondson. Man fragt sich unwillkürlich: warum sind die nicht in den Kanon aufgenommen? Warum sieht man sie nicht in den großen Sammlungen? Die Ausstellung will auch zum Diskurs beitragen – und tut dies vor allem in den klugen Katalogtexten. Es geht um die Frage der Bewertung. Nicht so sehr der Kunst. Ob die nun bedeutend oder weniger bedeutend sei. Sondern es geht darum, den Ursprung der Moderne genauer in den Blick zu nehmen. Es geht um Differenzierung zwischen Moderne und Modernismus. Das ist für mich ein sehr spannender – und zugegebener Maßen auch neuer – Gedanke.

Warum aber – und dies ist die entscheidende Frage, die unsere Ausstellung stellt – ist es ein Erfordernis, im eng verstandenen Sinne modernistisch zu sein, um mit Selbstverständlichkeit zum Kanon der Moderne zu gehören? (…) Die Ausstellung wird keinen Ausweg aus dem Dilemma weisen können. Aber sie stellt die Frage, ob und inwieweit unsere Kategoriemuster jene künstlerische Realität adäquat abbilden, die wir als Moderne bezeichnen.”

Ein ausgezeichneter Appell, seine eigenen Bewertungskriterien zu hinterfragen. Sich ohne vorgefertigte Meinungen Kunst anzunähern. Es ist durchaus legitim, wenn einem Kunst auch mal nichts sagt. Aber das sollte nicht an der Frage festgemacht sein, wie bekannt ein Künstler ist, oder? Die Ausstellung hat mich in dieser Hinsicht wacher gemacht. Und ich kann euch ein Besuch auf jeden Fall wärmstens empfehlen.

 

 

4 Comments

  1. Hallo Anke, ein ganz wunderbarer Text!
    Mir ist es in Essen ebenso ergangen, und ich war schon auf die “Putzfrau” gespannt, nachdem Kasper König die Ausstellung in einer Talkshow beworben hatte. Nach dem Durchgang habe ich im Museumsshop – der muss immer sein 😉 – den dokumentarischen Spielfilm über Séraphine mitgenommen — ebenfalls ein Genuss!
    Herzlich,
    Sabine

    • Hallo Sabine,
      das war bei Anke Engelke, nicht wahr? Hab ich auch gesehen. Der Film ist bestimmt interessant. Solche Biografien voller unentdeckter Geheimnisse sind immer wieder spannend. Viel Spaß beim Gucken.
      Lieben Gruß
      Anke

  2. … mit dem Film hab’ ich keinen Tag gewartet; klasse gespielt! Hallo Anke,

    ja, bei Anke Engelke war König auch; hab’ ich auch gesehen (so schade, dass sie 2016 “keine Zeit” mehr hat…); jetzt hatte ich den “Kölner Treff” gemeint; ich erlaub’ mir einfach mal, hier zu hinterlassen, was ich Anfang Oktober in meinem Blog dazu geschrieben habe:

    “Im gestrigen „Kölner Treff“, der für mich in Gänze interessant war, beginnt Bettina Böttinger das Gespräch mit dem Kurator Kasper König in Minute 43. Wenn Jürgen Domian – nachdem König von seiner aktuellen Ausstellung im Essener Folkwang Museum erzählt hat, in der er wenig bekannte bis unbekannte Maler neben die Schlüsselwerke der Moderne hängt und das als seinen „Traum“ bezeichnet – in Minute 48 fragt: „Lassen Sie mich da zwischenfragen: das sind nicht-akademische Künstler (Ja.), die aber alle schon verstorben sind. Oder? (Jaja… die sind alle gestorben…) Ich überlege gerade: wie viele nicht-akademische Künstler mag es im Verborgenen geben… (Ganz wenige.) Wie findet man die? (Nix ist verborgen…)“

    In meinen Ohren spricht der Kurator da gegen sein eigenes Ausstellungskonzept – warum? Seine weiteren Sätze entlarven einmal mehr, dass künstlerische Arbeiten durchaus neben dem Kunstbetrieb entstehen, die bestehen können. Indem Kuratoren sie einmal kurz „hochheben“, aber trotzdem am bestehenden Ausschluss-System festhalten… was sagt das aus? Was zeigt es?

    König sagt weiter, es ginge nicht um „Wichtigkeit“, sondern es bereichere „enorm und macht die Sache sehr viel komplexer.“ Ja, das finde ich auch! Die „Wichtigkeit“ bestimmt das System durch seine Machthaber, durch alle Epochen. Wie ernst zu nehmen ist ein System, das sich zum Selbsterhalt dauernd gegen bereichernde Bandbreite und Komplexität stellen muss?

    Ich hoffe, dass viele Besucher den Eindruck bekommen, dass es nicht die Arbeiten sind, diese es nicht sein können, aufgrund derer ein Mensch bekannt wird oder nicht. Ich hoffe, dass viele Besucher hinterfragen, was die Mechanismen sind, die jemanden bekannt werden lassen, und dass die Auseinandersetzung für weitere und größere Offenheit sorgt.

    Denn Kunst ereignet sich nur in Offenheit.”

    Liebe Grüße,
    Sabine

  3. Hallo Sabine,

    ja, das System ist schon ein geschlossenes. Erlebe ich auch so. Und mir erschließen sich bisweilen auch die Kriterien nicht, wer da mitspielen darf und wer nicht. Wenn es dann Geschichte ist, die betrachtet wird, dann erlaubt man sich da schon mal links und rechts zu schauen.

    Lieben Gruß
    Anke

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