Rendezvous in Münster. Ein fiktives Interview mit Henri Matisse

Matisse Ausstellung Picasso Museum Münster

Ich fühle mich dem großen Meister der klassischen Moderne seit den Anfängen meiner beruflichen Laufbahn verbunden. Damals arbeitete ich an der Herstellung von Kunstkalendern und in diesem Zusammenhang auch an einem Posterkalender mit Werken von Henri Matisse. Es musste ein Andruck vom Nachlassverwalter freigegeben werden und so fuhr ich mit einem Kollegen nach Paris, um ihn in einer beeindruckenden Wohnung direkt an der Seine einem Neffen Matisses zu präsentieren. Alles in dieser Wohnung atmete den Geist des Malers und so träume ich mich heute – viele Jahre später – einfach fort und stelle mir eine reelle Begegnung mit Monsieur Matisse vor. Gestern war ich in Münster und besuchte die Ausstellung “Henri Matisse. Die Hand zum Singen bringen“. DIE Gelegenheit für ein Interview!

Monsieur Matisse, gestern konnte ich eine ganze Reihe Ihrer wunderschönen Papierarbeiten im Original sehen. Welch ein Glück, dass sich dieser Schatz erhalten hat. Es sind ja derzeit im Picasso Museum in Münster alle grafischen Techniken zu bewundern, die Sie genutzt haben:  Lithografien, Aquatinten, Holzschnitte und Radierungen … Welche Technik war Ihnen denn die liebste?

Oh ja. Es ist wunderbar, dass die Arbeiten jetzt nach so vielen Jahren den Banksafe verlassen konnten. Aber wissen Sie, ich will mich nicht auf eine Technik festlegen. Was ich vor allem suche, ist der Ausdruck. Dazu muss man einen Gegenstand lange studieren. Und täglich üben. So lange, bis man die Hand zum Singen bringt. 

Wie schön übrigens, dass ich in einem Museum zu Gast sein darf, das nach dem von mir sehr geschätzten Malerfreund benannt wurde. Mit ihm konnte ich über so viele Dinge sprechen, wie mit sonst keinem.

Und? Nachdem Sie also durch meine Werke gewandelt sind, welches hat Ihnen denn besonders gefallen?

Henri Matisse. Tafel XVII "Die Lagune" aus dem Malerbuch Jazz.

Henri Matisse, Jazz, Tafel XVII, Die Lagune, Malerbuch, Tériade Editeur, 1947, Sammlung Classen © Succession H. Matisse, VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Da kann ich spontan antworten. Jazz! Es ist mein absolutes Lieblingswerk. Es wirkt so fröhlich, so lebensbejahend. So bunt. 

Das wirkt vielleicht so. Aber mir ging es um mehr. Diese Bilder sind in einer meiner schwersten Zeiten entstanden. Ich machte sie 1943/44. Der Krieg. Meine Krankheit. Die Umstände waren keine guten.  Zunächst hatte ich einen Zirkus im Sinn. Als Metapher für das künstlerische Ich, wissen Sie. Jazz ist ein Rhythmus und eine Bedeutung. Es sind Erinnerungen an ferne Länder, an Märchen. 

Haben die Farben eine besondere Bedeutung? Ich könnte in dieses unglaubliche Grün versinken. Es ist so schön!

Nein, ich suche eher nach Beziehungen zu den einzelnen Farben. Es muss sich ein lebendiger Akkord von Farben ergeben, eine Harmonie analog der einer musikalischen Komposition. […] Die Wahl der Farben beruht auf keiner wissenschaftlichen Theorie. Die Farben drängen sich mir in ganz instinktiver Weise auf.

Hier bei Jazz haben Sie die Vorlagen mit Scherenschnitten hergestellt. In einem Film am Ausgang der Ausstellung konnte ich sehen, welche Schere Sie dazu verwendet haben. Sie ist riesig!

(lacht)
Die Schere kann mehr Gefühl für die Linie entwickeln als die Kreide, die Feder oder die Kohle. Direkt in die Farbe hineinschneiden erinnert mich an den direkten Meißelschlag des Bildhauers. Es ist schon erstaunlich. Ich war damals durch meine Krankheit eingeschränkt. Aber mit der Entdeckung der Scherenschnitte bin ich zu einer neuen Sichtweise gekommen. Es hat mich auf eine gewisse Weise befreit. 

War es auch eine Art Befreiung, als Sie 1930 nach Tahiti reisten?

Mon dieu, soll ich Ihnen einmal etwas verraten? Ich reise eigentlich furchtbar ungern. Und ich fand es dort – Sie werden es mir kaum glauben – irgendwie auch schrecklich langweilig. Jeden Tag etwas Neues zu sehen, das kann langweilig sein, wissen Sie.

Warum sind Sie hingefahren?

Ich war auf der Suche nach dem Licht. Und erst Jahre später wurde mir klar, was ich dort sah. Und so schuf ich den Himmel und das Meer. Aber nicht als Abklatsch der wahren Natur. Es ist mir nicht möglich, die Natur sklavisch abzubilden; ich bin gezwungen, sie zu interpretieren und dem Geist des Bildes unterzuordnen.

Jahre später … So etwas wäre heute undenkbar. Da zückt man auf Reisen sein Handy, macht ein Foto und ist schon wieder weg. 

Ach, das gibt es aber auch schon zu meiner Zeit. Heute ist es möglich, in wenigen Sekunden ein Bild auf einer photographischen Platte festzuhalten – genauer und wirklichkeitsgetreuer, als es ein Mensch zeichnen kann. Mit dem Aufkommen der Photographie verschwand in der Kunst die Notwendigkeit exakter Reproduktion.

Henri Matisse. Teppich. Polynesien, Der Himmel. Derzeit im Picasso Museum Münster zu sehen.

Henri Matisse, Polynesien, Der Himmel, 1946, Teppich, Musée d’Art moderne de Troyes, ©Succession H. Matisse, VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Monsieur Matisse, vielen Dank für dieses traumhafte Gespräch. Eine letzte Frage noch: Wovon träumen Sie?

Ich träume von einer Kunst des Gleichgewichts, der Reinheit, der Ruhe, ohne beunruhigende und sich aufdrängende Gegenstände, von einer Kunst, die für jeden Geistesarbeiter, für jeden Geschäftsmann so gut wie für den Literaten ein Beruhigungsmittel ist, einen Erholung für das Gehirn, so etwa wie ein guter Lehnstuhl, in dem man sich von physischen Anstrengungen erholen kann.


Vielen Dank Ann-Katrin Hahn für den netten Empfang im Picasso Museum Münster. Die Matisse-Ausstellung dort läuft noch bis zum 12.2. Wenn ihr könnt – unbedingt noch hingehen!! Das Interview habe ich natürlich erfunden (echt jetzt ;-), allerdings haben mich ein paar Zitate des Künstlers inspiriert. Damit ihr das nachvollziehen könnt, sind die farbig gekennzeichnet.

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3 Comments

  1. Liebe Anke,
    ein wunderbares Interview! Ich beneide dich, Monsieur Matisse hätte ich auch gerne mal getroffen 😉 ein paar seiner Werke sind gerade in Stuttgart zu sehen in der neuen Sonderausstellung AUFBRUCH FLORA aus der Winterthurer Sammlung Hahnloser.
    Herzliche Grüße Andrea

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