Meine Heinrich-Böll-Momente

1983 wohnte ich in der Alteburger Straße 47. Und bin beim Spazierengehen immer am Geburtshaus von Heinrich Böll vorbeigelaufen. Das wusste ich aber damals nicht. Denn da lebte er noch und es gab auch keine Plakette am Eingang. Erst später hat man eine Glastür eingebaut, in die ein Zitat von Lew Kopelew eingeätzt wurde. Der gute Mensch von Köln, so hatte der russische Germanist Böll einmal genannt. Denn mit dessen Hilfe konnte der Verfolgte in Deutschland Asyl erhalten. Uns Kölnern ist davon das Lew Kopelew Forum geblieben. Auch eine der eher unbekannten Kultureinrichtungen Kölns, die eigentlich mehr Öffentlichkeit haben sollten. Genauso wie die Tatsache, dass in der Zentralbibliothek am Neumarkt das Arbeitszimmer von Böll rekonstruiert wurde. Jetzt wisst ihr Bescheid! Und könnt anlässlich des 100. Geburtstags von Böll einmal dort hingehen. Oder zu vielen anderen Orten in Köln, an denen man in Gedanken an „unseren Heinrich“ (ich weiß, das wollte er nie sein) verweilen könnte. Ich möchte heute über meine ganz persönlichen Böll-Momente berichten. 

Einmal schrieb ich über die Häuser der Intellektuellen nach dem 2. Weltkrieg. In Müngersdorf war eine kleine Kolonie entstanden. Riphahn baute für Gerhard Marcks oder Josef Haubrich. Und auch für Böll. Da ich in relativer Nähe in Braunsfeld aufwuchs, hat mich das Viertel immer schon interessiert und ich bin dort gezielt hingefahren, um mir das anzuschauen. Von Böll weiß man ja, dass er dort nicht so gerne gelebt hat. Ihn nervten wohl nicht nur die Rasenmäher. Es war damals einfach zu weit draußen. Jot weh deh. Und wie schmerzhaft das für einen echten Kölschen ist, konnte ich nachvollziehen, als ich nach Frechen zog. Auch wenn ich eigentlich eine Immi bin und erst als Schulkind nach Köln zog, bedeutete es doch auch für mich etwas, vor die Tore der Stadt verbannt zu sein. Aber immerhin kann ich den Dom von meiner Terrasse aus sehen.

Ach ja, der Dom. Zu dem hatte Heinrich Böll auch eine besondere Meinung. Er wollte zum Beispiel die beiden Türme weghaben. Wollte den Weiterbau aus dem 19. Jahrhundert ungeschehen machen und hätte den Dom lieber im unfertigen Zustand belassen. Ich glaube, das schien ihm vor allem für das Bild des vom Krieg gebeutelten Landes passender. In meiner Vergangenheit als Stadtführerin habe ich das oft erwähnt, wenn ich Gruppen den Dom erklärte. Die waren dann meist bass erstaunt. Wie, der ist nicht komplett original aus dem Mittelalter?

Böll hat meinem besonderen Köln-Gefühl Worte verliehen. Er beschrieb zum Beispiel den Geruch des Rheins, lobte das sanfte Grau der romanischen Kirchen und sang das Loblied des kölschen Straßenbahnschaffner. Den gibt es heute nicht mehr. Auch das Köln, das Böll kannte, gibt es so nicht mehr. Aber immer, wenn ich zum Beispiel um den Ebertplatz unterwegs bin, gar Unter Krahnenbäumen entlang, dann muss ich an ihn denken. Erinnere mich an 5.30 Uhr von Chargesheimer und werde ein bisschen nostalgisch.

Vor vier Wochen bin ich auf den Spuren Heins durch die Südstadt gelaufen und da war er dann ganz präsent. Was einem Videowalk zu verdanken ist, in dem Wolfgang Niedecken einen an die Hand nimmt und seine persönliche Sicht auf Böll mit den Straßen und Ecken verknüpft. Die beiden Südstadt-Gewächse haben wirklich viel gemein. Bölls Vater, der Kirchenbänke schnitzte, Niedeckens Opa, der Kirchendecken bemalte. Plötzlich legt sich eine besondere Schicht auf den Stadtplan, in der sich Ereignisse und Menschen ansammeln, deren Schicksal ein Teil von Köln ist.

Heimat ist für mich verbunden mit bestimmten Orten, an denen sich Biographisches ereignet hat. Ich spüre die Besonderheiten so mancher Ecke in Köln, die ich mit meinem Leben verbinde. Insgesamt siebenmal bin ich in Köln umgezogen. Meine Schule, mein Stadtwald, meine Uni. Da bin ich Hand in Hand mit der ersten Liebe gelaufen, hier wurde meine Tochter geboren. Da habe ich geheiratet. Ich bin in die Stadt eingeschrieben.

1981, als Heinrich Böll auf der Demo im Bonner Hofgarten sprach, hatte ich gerade mein Studium begonnen. Ich war dann ein oder zwei Jahre später auf der Kundgebung und erinnere mich noch sehr gut an die Atmosphäre damals. Heinrich Böll war mir damals als moralische Instanz übrigens präsenter denn als Autor. Entweder erinnere ich mich nicht mehr oder wir haben tatsächlich weder im Deutsch Leistungskurs an der Schule noch später in meinen Germanistik-Seminaren mit ihm zu tun gehabt. Aber was er zum Zustand Deutschlands zu sagen hatte, das begleitete mich. Er sprach die Dinge an. Zum Beispiel die Geschehnisse um die Räumung der besetzten Startbahn West. Oder er zerpflückte Worte wie „zwielichtige Gestalten“ – so hatte Helmut Schmidt damals die Teilnehmer an den Friedensdemos bezeichnet. Böll verwies auf die „zwielichtigen Gestalten“, die in höchste Regierungsämter gekommen seien. Das hat mich damals unglaublich beeindruckt. Und zu schweren Zankereien mit meinem Vater veranlasst.

Der 100. Geburtstag von Böll hat mich motiviert, mich seiner Literatur neu zu nähern. Ich habe unsere Bibliothek durchforstet und sogar einige Originalausgaben erstanden. Vor einigen Jahren habe ich an einem Weihnachtsabend der Familie seine Weihnachtsgeschichte vorgelesen, die werde ich jetzt noch einmal hervorholen. Dr. Murkes gesammeltes Schweigen ist mein Alltime-Favorit. Aber ich will auch „Gruppenbild mit Dame“ lesen. Mal schauen, wie es mir damit ergeht. Ein bisschen ist die Beschäftigung mit Böll eine Zeitreise in meine Jugend. Aber auch in die Generation davor, von der wir ja maßgeblich geprägt worden sind.

Heute Abend bin ich im WDR und freue mich auf die Geburtstagsfeier.

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