Martin Kippenberger in Düsseldorf

Er hat in Hamburg studiert, in Berlin sein legendäres Künstlerbüro eröffnet und die Kölner Szene der 80er und 90er Jahre maßgeblich bestimmt: Martin Kippenberger, der nun in Düsseldorf gezeigt wird, wo ihn sicher viele Mitstreiter aus dem Umfeld der Kunstakademie noch in guter persönlicher Erinnerung haben werden.
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Die Zeichnungen auf Hotelpapier sind in sehr naher, fast intimer Form das, was sein Oeuvre eigentlich ausmacht. Kommentierungen des Alltäglichen, Nachdenken über die Bedingungen der Kunstszene und Fundstücke genial kombiniert. Man fragt sich, ob es das Hotel „Nie zu Hause“ wirklich gibt, wie weit die Eingriffe des Künstlers, seine Manipulation zwecks Ironisierung, eigentlich gehen und stellt erstaunt fest, wo er überall Station gemacht hat und kreativ war. Sie haben auf der einen Seite etwas von lapidaren Telefonkritzeleien. Sind aber feinsinnig und lyrisch in aufnotierten Gedankengängen und spontanen Assoziationen.
In der Ausstellung „Martin Kippenberger“, die noch bis einschließlich 10. September 2006 im Ständehaus in Düsseldorf zu sehen ist, hört man hier und da spontanes Lachen. Ja, der „Heavy Burschi“ hat vor allem bei seinen vielen Bildtiteln den Faktor „Humor“ mit eingerechnet. Auch seine Performances, sein Auftreten waren stets geprägt von einer Lustigkeit („Hallöchen, hallöchen, hier spricht der Onkel), hinter der allerdings auch das tragische Leben eines der letzten Bohemiens steckte (1997 starb er an den Folgen seiner Trinksucht).
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Die Düsseldorfer Ausstellung ist eine Zusammenarbeit mit der Tate Modern, die letztendlich die Präsentation maßgeblich bestimmt hat. Empfangen wird man von der monumentalen Installation „The Happy End of Franz Kafkas ‚Amerika’“, die Kippenberger 1994 erstmals im Museum Boymanns van Beuningen in Rotterdam gezeigt hat. Seltsam aktuell mutet die Installation auf einem stilisierten Fußballfeld mit Tribünen an, ist doch die deutschlandweite WM-Begeisterung gerade erst verhallt. Kippenberger als Installationskünstler, baut Möbel, arrangiert Fundstücke, jubelt Dias durch Projektoren und lässt Endlostonbänder quäken. Natürlich, die literarische Anspielung ist wichtig: Kafka schrieb einen unvollendet gebliebenen Roman, in welchem Kippenberger sich von der Vision massenhafter Bewerbungsgespräche für einen Zirkus inspirieren ließ. Das Ganze gerät dann zu einer Art Metapher des Kulturbetriebs.
liebermaler.jpgSo eingestimmt steigt man zur Sonderausstellungsfläche von K21 herunter und streift durch weitere Installationen und klassisch gehängte Bilder. Besonders hübsch sind die gleich rechts an der Trennwand, wenn man herunter kommt! Ach so, die hat er gar nicht selber gemalt … „Lieber Maler, male mir….“ ist nur ein weiteres Konzept, bei dem Kippenberger sicher auch die Erwartungen des Betrachters an einen Künstler thematisiert. Gab es nicht auch zu ihm Aussprüche wie „Der konnte ja malen!!“, die aber eher meinten, dass man ihn vielleicht doch ernst nehmen könnte als Künstler.
Die Ausstellung bietet einen Überblick über sein Werk, zeigt wichtige Arbeiten und leistet allein mit der geballten Zusammenstellung einen wichtigen Beitrag zur Rezeption seiner Kunst. Vor drei Jahren zu seinem 50. Geburtstag gab es bereits im ZKM in Karlsruhe eine große Werkschau und immer mehr kristallisiert sich Kippenbergers Bedeutung für die Entwicklung der neueren Kunst heraus. Interessant ist bei der jetzigen Ausstellung vor allem der Aspekt der Sicht von außen. Durch eine gewisse Form der Distanz sieht man vielleicht eher das, was über die Anekdoten der Kunstszene hinaus Bedeutung hat. Seine teils radikale punkige Art hat sicher auch die Young British Artists beeinflusst und aus diesem Grunde ist die Kippenberger-Schau in der Tate sicher auch diesem Aspekt gewidmet.
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Sozialkistentransporter, eine Arbeit, die auch einige Zeit im Museum Ludwig ausgestellt gewesen ist, zeigt die Komplexität der Kippenberger-Arbeiten. Man kann bei Dada, Marcel Duchamp anfangen, gelangt über die Pop Art hin zu einer Kunst, die neben Ironisierung und Zitaten auch eine ganz bestimmte Stimmung transportieren. Und das ist vielleicht auch ganz wörtlich gemeint. PASTA, die deutsche Sehnsucht nach dem Land, wo die Zitronen blühen, die Wirklichkeit der Gastarbeiter – hier lassen sich feine Assoziationsketten spinnen.
Ich muss gestehen, zunächst habe ich in der Ausstellung eine ausführliche Didaktik vermisst. All das Wissen um Entstehungsgeschichten seiner Werke schien mir doch zu wenig kommuniziert. Zum Beispiel die Installation der weißen Bilder, wie sind die Zusammenhänge, wer hat die Bilder in wessen Auftrag gemalt.
Dann fiel mir jedoch immer mehr auf, wie sehr sich all die Arbeiten aufeinander beziehen, immer wieder bestimmte Dinge reflektieren (Malerei, Werbung, Alltag, Künstlerpersönlichkeit, Prozesse). Man sollte sich auf diese Botschaften einlassen und tatsächlich Kippenberger entdecken, von dem man schon tausend und drei Geschichten gehört hat, eine lustiger als die andere. Der aber vielleicht manchmal zu sehr hinter diesen Geschichten versteckt ist.
So fand ich doch abschließend den Ausstellungsbesuch erhellend, erfreulich und gut gelungen. Absolut empfehlenswert.

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2 Comments

  1. Und dann unbedingt den sehr kurzweiligen “Kippenberger”-Film anschauen, der gerade in guten Kinos läuft.

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