Die multikulturelle Stadt

Eine Stadt wird durch die Summe der Menschen charakterisiert, die in ihr leben, arbeiten, denken und planen. Immer wieder begegnen uns Kreative, die urbane Themen beackern. Wir freuen uns darüber, wenn wir einen solchen Menschen vorstellen dürfen. Heute ist das Markus Thulin. Er ist Stadtführer, Lehrer, Krankenpfleger und Doktorand. Ungewöhnlich! Aber hat nicht der lineare Berufsweg eh ausgedient? Markus ist einer der vielen Menschen, die nie vorhatten, in Köln zu wohnen! Er stammt aus Thüringen, lebte erst im Ruhrgebiet und ist dann hier hängengeblieben. Sieht aus, als ob er die Stadt nun lieben gelernt hätte. Er lebt mit seiner bolivianischen Frau und Tochter in Weidenpesch.

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Nach einer Ausbildung zum Krankenpfleger studierte er Geschichte und Romanistik. Eine ungewöhnliche Kombi, die jetzt zu einem spannenden Dissertationsthema geführt hat: Markus Thulin forscht über die chilenische Krankepflege zur Zeit der Pinochet-Diktatur. Seit fast sieben Jahren macht er zudem Stadtführungen in Köln  – die perfekte Abwechslung zu den ruhigen Stunden am Schreibtisch. Sein geschichtliches Interesse bringt er besonders gern Jugendlichen näher. Mit einigen Schülern der Hauptschule, wo er ein Jahr das Fach Geschichte/Politik unterrichtet hat, organisiert er zur Zeit ein Schulfest mit ehemaligen Profisportlern. Im Mai kommt eine für die gymniasale Oberstufe konzipierte Inszenierung von „Kabale und Liebe“ zur Aufführung, deren Produktion er betreut. Extrem vielseitig also, der Mann. Und diese Vielseitigkeit spiegelt sich auch in seinem Projekt multikultureller Stadtführungen.

Anke: Köln gilt als multikulturelle Stadt schlechthin. Wo spürt man das am deutlichsten?

Markus: Meine Frau ist Bolivianerin. Viele unserer Freunde in Köln kommen auch aus Südamerika und ziehen wie wir ihre Kinder zweisprachig auf. Als ich 2011/2012 als Geschichtslehrer in einer Kölner Hauptschule arbeitete, stand ich vor Schulklassen, in denen mehr als 50% der Schüler neben Deutsch auch Türkisch, Italienisch oder Serbokroatisch sprachen.

Anke: Wie bist Du auf die Idee gekommen, eine Führung zum Thema Islam in Köln Ehrenfeld zu machen?

M: Zuerst hatte ich einen Stadtrundgang durch die Kölner Altstadt auf den Spuren des Judentums ausgearbeitet. Mein Vater, ein evangelischer Pfarrer, nahm an einem der öffentlichen Termine teil und fragte mich im Anschluss,  ob ich nicht auch einen Rundgang auf den Spuren des Islam organisieren könne. Damals hatte er gerade damit begonnen, Arabisch zu lernen.

A: Für deine Führung  hast du sicher im Vorfeld viel recherchiert und organisiert. War es schwierig, mit den unterschiedlichen Vertretern der muslimischen Gemeinden in Kontakt zu kommen?

M: Als ich für die erste Recherche Köln Ehrenfeld durchwanderte, entdeckte ich die wunderschöne bosnische Moschee. Ich trat auf den Vorplatz und sofort kam mir der Imam entgegen. Er zeigte mir den Gebetsraum und erzählte von seiner Gemeinde – ohne Berührungsängste, ohne offizielle Vorstellungsrunde. Ähnlich verlief es mit den anderen muslimischen Gemeinden, Organisationen oder Vereinen.

A: Sprechen wir mal über die Stadt der Zukunft. Was wäre aus deiner Sicht wünschenswert für ein gewinnbringendes Nebeneinander in der multikulturellen Gesellschaft?

M: Das Idealbild ist für mich der Kindergarten meiner Tochter. Ihre besten Freunde haben familiäre Wurzeln in der Türkei, in Frankreich und in Rumänien. Sie gehen ohne Vorbehalte aufeinander zu. Natürlich kann man das nicht 1 zu 1 auf das Leben der Erwachsenen übertragen. Aber dieses Zusammenleben sollte uns ein Vorbild sein. Aus meiner Erfahrung als Stadtführer kann ich jedoch sagen, dass es schon ein großer Schritt ist, wenn man nicht nur urlaubsbedingt die Hagia Sophia in Istanbul, sondern auch einmal die Moschee in der direkten Nachbarschaft besucht.

A:  Zum Abschluss haben wir hier noch die Liste der divercityguides-Fragen, die ab jetzt jeder beantworten muss, den wir auf unserem Blog vorstellen. Los geht’s …

1.    Meine Lieblingsecke tagsüber ist… der Eisenmarkt

2.     Meine Lieblingsecke nachts ist… unter dem Bogen 2 (Trankgasse 20) – wenn gute Musik läuft

3.    Die Stadt ist am Schönsten in… der Nähe des Rheins

4.    Einen Spaziergang mache ich immer gerne in… der Nähe des Rheins

5.     Zum Entspannen bin ich gerne in… folgenden Schwimmbädern: Agrippabad, Chorweilerbad

6.    Mein Lieblingsgebäude ist…das Praetorium (unterirdisch, stark zerstört, trotzdem gewaltig)

7.    Mein Lieblingskulturort ist… der Friedhof Melaten

8.    Mein Geheimtipp ist… die Gedenkstätte für die ehemalige jüdische Schule Jawne (Albertusstraße 26, zwischen Friesenplatz und Appellhofplatz)

9.    Ich sitze gerne ein paar Minuten in…der Kühlkammer des Kaufhauses Globetrotter

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