Madeleines – Kultur und Genuss

Gestern buk ich Madeleines! Allerdings in Ermangelung einer Original-Form in Muffin-Förmchen. Und ich hab sie auch noch gefüllt. Das hatte ich mir nämlich bei Rachel Khoo abgeguckt. Wie sie in ihrer winzigen Pariser Küche auf zwei Herdplatten rumzaubert, das gefällt mir. Die Madeleines und ihre besondere Abwandlung inspirierte mich. Zumal diese kleinen Gebäckchen ja auch kulturgeschichtlich bedeutsam sind. Oft schon hab ich im Zusammenhang von Kulturvermittlung mit allen Sinnen Proust zitiert. Der beschrieb in seinem Roman “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” die blitzschnelle Verbindung von Geschmack und Erinnerung. Doch dazu später mehr. Gerne teile ich mein Rezept hier mit euch – und den Einblick in die Geschichte der Madeleines.

madeleines

Esskultur

Wie bei vielen Traditionsgerichten, so gibt es auch für die Madeleines unterschiedliche Urhebergeschichten. Alle fangen aber im Schloss zu Commercy in Lothringen an. Dort residierte der polnische Königs Stanislaus im Exil. Wahlweise werden eine pfiffige Zofe oder untereinander konkurrierende Bäcker am Hofe als Erfinder erwähnt. Stanislaus Tochter Marie machte das Gebäck am Hofe ihres Mannes Ludwig XV. bekannt. In Versailles liebte man im 18. Jahrhundert solche kleinen Schmankerl. Mit einem Schuss Rum lieferten sie zudem noch Futter für die damalige Begeisterung für alles Exotische! Ihren Siegeszug traten die Madeleines allerdings an, seit man sie im 19. Jahrhundert auf Bahnsteigen verkaufen konnte. Einst soll auch das Originalrezept aus Rache an den Hofbäckern verraten worden sein, so dass im lothringischen Commercy an jeder zweiten Haustür das Schild “Manufacture Madeleines” prangte. Die Madeleines gab es eine Zeitlang auch in Glockenform unter dem Namen “Cloche Lorrain”. Da hatte König Stanislav eine Glocke gespendet … und schon schwenkte man namenstechnisch um. Die heute oft zu findende Muschelform geht auf die Jakobspilger zurück. Wann sich das durchgesetzt hat? Das habe ich nicht finden können. Vielleicht geht das einher mit dem Verkauf an den Bahnhöfen?

Mein Rezept für leckere Madeleines:

100 g Puderzucker mit zwei Eiern schaumig schlagen. 110 g Butter zerlassen und zu der Zucker-Eier-Masse geben. Das Mark einer Vanille-Schote dazu und gut zwei Esslöffel Rum. Ich habe mal einen fantastischen Rum aus Venezuela im Rumkontor erworben. Der passte hier perfekt! 100 g Weizenmehl dann gesiebt zu der Masse, das macht den Teig feiner. Backpulver, Orangenschale und zusätzlich noch ein Päckchen Vanillezucker geben Geschmack und lassen das Gebäck schön aufgehen. Ich rührte bestimmt 5 Minuten mit dem Mixer. Und stellte dann den Teig ca. 1 Stunde kalt.  Dann kam alles in 12 Silikonförmchen, die eigentlich für Muffins vorgesehen sind. Die ungefähr bis zur Hälfte mit dem Teig füllen. Der hierfür verwendete Spritzbeutel kriegte noch seinen großen Auftritt nach dem Backen.

Bevor ich die Formen in den Ofen (180 Umluft, vorgeheizt) schob, drückte ich noch je eine Himbeere in den Teig. Beim Backen blieb ich in der Nähe und beobachtete die Küchlein. Denn die leicht goldgelbe Färbung an der Oberfläche ist das Markenzeichen der Madeleines und zeigt besser an, dass sie fertig sind, als jede Backzeit. Bei meinen Madeleines war das ungefähr nach 11 Minuten 😉

Noch warm aus dem Ofen, erhielten die Madeleines ihre Füllung. So, wie ich es bei Rachel gesehen hatte. Mit Lemon Curd! Das macht die Madeleines zu kleinen besonderen Törtchen. Das klappt mit einer langen Tülle am Spritzbeutel und drückt die Limonenmasse tief in das Gebäck.  Unfassbar lecker! Und der Lemon Curd zählt zu den tollsten kulinarischen Entdeckungen, die ich in jüngster Zeit machen konnte!

lemoncurd

Lemon Curd

Lemon Curd stellt man am besten im Wasserbad her! Zunächst rührte ich 150 g Rohr-Rohrzucker mit 100 g Butter in einem Topf schaumig, den ich dann in einen anderen, mit Wasser gefüllten einhängte. Dann gab ich drei Eier dazu. Weiter rühren, rühren, rühren. Und zum Schluss 150 ml Limonensaft. Ich erhöhte vorsichtig die Temperatur im Wasserbad. Weiter kamen noch ein paar Zitronenzesten hinzu und zum Schluss entnahm ich ein wenig von der Flüssigkeit, um sie mit ca. 2 TL Speisestärke vermischt wieder hinzuzugeben. Weiteres ausdauerndes Rühren war angesagt. Ich habe auch hier den Elektro-Quirl benutzt, andere schwören auf das Handaufschlagen. Auf jeden Fall muss die Masse unter ständigem Rühren immer sämiger werden. Bis man sie endlich – nach ein wenig Auskühlung – in Gläser füllen kann. Das Ganze hält sich ca. 1 Woche im Kühlschrank.

 Proust 

Jetzt komme ich noch mal zum Anfangsimpuls zurück. Madeleines – ein literarisch wertvolles Gebäck! Eine der wohl berühmtesten Stellen aus dem Roman “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” handelt von einem Erlebnis mit Madeleines. Es geht ja die Mär, dass selbst von denen, die ausführliche Literaturkritiken darüber verfassten, kaum einer Prousts Meisterwerk komplett gelesen hat. Ich hab es übrigens auch noch nicht geschafft! Vielleicht ist das mal ein Projekt fürs Alter! Aber mir ist dieser Roman immer wieder begegnet. Zum Beispiel während eines Auftrags als Kunstvermittlerin, als ich vor vielen Jahren die Sammlung Rainer Speck im Museum Ludwig begleitete. Speck ist ausgewiesener Proust-Kenner und Präsident der Proust-Gesellschaft. Und er ist auch dafür verantwortlich, dass ein Stadtwald-Pfad, auf dem ich seit meiner Jugend unzählige Male wandelte, mittlerweile Marcel-Proust-Promenande heißt! An diesen Weg habe ich zahlreiche Erinnerungen! Und so ist ja auch eines der Phänomene, die Proust behandelt, das der Erinnerung!

Besonders die sehr detailreichen Beschreibungen werden aus dem Meisterwerk immer wieder ans Licht geholt. Prousts Naturdarstellungen gelten mehr als Lyrik denn als Prosa. Stilistisch ist das Opus eine wahre Fundgrube für Literaturwissenschaftler. Rezeptionen der unterschiedlichsten Art haben sich des Romans angenommen. Mir gefällt besonders die des Comic-Zeichner Stéphane Heuet. Er hat sich schon vor Jahren daran gemacht, das Werk zu illustrieren. Wie ich finde, ist ihm da ein guter Strich gelungen.  Auch meine Lieblingsszene hat er hervorragend getroffen!

Und das ist sie, die legendäre Stelle, an der Proust beschreibt, was passiert, als sein Ich-Erzähler in eines dieser “dicken ovalen Sandtörtchen” beißt, “die man ‘Madeleine’ nennt und die aussehen, als habe man als Form dafür die gefächerte Schale einer St.-Jakobs-Muschel benutzt.” Und dann passiert etwas, das ihm in der gleichen Sekunde den trüben Tag vergessen lässt. “Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt.”

Der Geschmack der Madeleine hatte sich mit dem des gleichzeitig genossenen Tees vermischt und in ihm eine Erinnerung ausgelöst. “Und dann mit einem Male war die Erinnerung da. Der Geschmack war der jener Madeleine, die mir am Sonntagmorgen in Combray (…) sobald ich ihr in ihrem Zimmer guten Morgen sagte, meine Tante Léonie anbot, nachdem sie sie in ihren schwarzen oder Lindenblütentee getaucht hatte.”

Lindenblütentee also! Der gehört noch zu den Original-Madeleines in die Tasse. Eine schöne Verbindung von Literatur und Genuss, die man ruhig einmal zelebrieren sollte. Bis dahin genieße ich jedoch meine Spezial-Version mit Himbeere und Lemon Curd.

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8 Comments

  1. Danke für den tollen Beitrag!

    Lustigerweise verbinde ich genau wie Proust Madeleines mit Kindheitserinnerungen. Jedes Mal dass ich eine bestimmte Art von Madeleines esse, bin ich in die Vergangenheit transportiert und erinnere mich, wie ich auf dem Balcon meiner Großeltern spielte. Für den “Goûter” gab es oft diese leckere Madeleines. Meine erste “Proust-Erfahrung” habe ich mit 16 in der Kantine meines Gymnasiums in Lyon gemacht. 10 Minuten lang war ich nicht mehr ansprechbar. Ah! Madeleines!

    PS: Und nach der Arbeit gehe ich welche kaufen… 😉

    • Sandra, ich mache auch noch mal welche. Dann bekommst du auch ein zwei drei ab 🙂
      Was für eine berührende Schilderung. Nach der Proust-Erfahrung 10 Minuten nicht ansprechbar. Wie tief warst du da wohl versunken! Herrlich!!

  2. Liebe Anke,

    das ist ja mal ein schöner geschichtlicher Einblick. Gefällt mir gut, die Mischung aus Genuss und Kultur. Und übrigens: Ich kann Dir eine Madeleine-Form besorgen ;-))).

  3. Oh, der arme Monsieur Proust! Immer diese Madeleines ( obwohl ich die mag )! Übrigens waren es gar keine Madeleines, sondern ursprünglich Toastbrot, was die Erinnerung evozierte. Aber die M. haben eben auch eine sexuelle Konnotation und sind von daher von Monsieur gewählt worden…
    Es gibt noch viel mehr solcher Erinnerungsauslöser im Werk wie ein lockerer Stein im Eingang des Palais der Guermantes, der an den Markusdom in Venedig erinnert, Serviettenstoffe, der Geruch in einer öffentlichen Toilette usw. Aber die sind nie so ein Allgemeinplatz geworden…
    Ich habe das Werk übrigens auch noch nie gelesen, lebe aber seit 37 Jahren mit einem Proustianer und kann frei nach Alain de Botton sagen, das Proust mein Leben verändert hat 😉
    LG
    Astrid

  4. eine Erklährung für die Muschelform:
    ursprünglich wurde die Madelein in Muschelschalen, die am Hof vom Essen übrig blieben, gebacken

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