Louise Bourgeois – Grand Dame der Kunst

Ich habe das Gefühl, dass mein Leben mich mehr kontrolliert als ich mein Leben. Kann ich nach dieser Wahnsinns-Bemerkung bitte eine Cola haben?”
Zuletzt hat sie die Journalisten, jungen Künstler und interessanten Zeitgenossen nicht mehr sonntags zu solch skurrilen Gesprächen einladen können. Da war sie schon zu schwach. Aber gearbeitet hat sie immer noch. Nun ist Louise Bourgeois am 31. Mai im sagenhaften Alter von 98 in ihrem New Yorker Haus gestorben.


Mit 27 war die Französin ihrem Mann, dem weltberühmten Ethnologen Robert Goldwater nach Amerika gefolgt. Um ihm dort zunächst einmal eine gute Ehefrau und den drei gemeinsamen Söhnen eine gute Mutter zu sein. Aber schon in den frühen vierziger Jahren stahl sie sich immer wieder auf das Dach des New Yorker Hauses, um dort eine Art Freiluft-Atelier zu unterhalten. Hier entstanden ihre frühen „Personages“ – stelenartige Holzskulpturen, die sie an ihre zurückgelassene Familie in Frankreich erinnerten.
Erste zaghafte Erfolge stellten sich für Louise Bourgeois Mitte der sechziger Jahre ein, als sie mit neuen Materialien wie Plastik und Latex experimentierte und Vorstöße wagte in psychologisch motivierte Regionen voller sexueller Konnotationen und körpernaher Haptik. Gemeinsam mit Künstlern wie Eva Hesse oder Bruce Naumann lieferte sie einen interessanten Gegenentwurf zu der allseits beliebten Minimal Art jener Tage. Das wohl berühmteste Stück aus dieser Zeit ist „Fillette“, ein überdimensionaler Penis. Diesen trug sie auf einem Foto, das Robert Mapplethorpe 1982 von ihr machte, derart nonchalant unter dem Arm als sei es eine Clutch von Chanel. Das MoMA, das ihr im selben Jahr eine große Einzelausstellung ausrichtete – übrigens die erste für eine Künstlerin überhaupt -, getraute sich nicht, dieses Foto in Gänze zu zeigen und so sieht man im Katalog nur das lächelnde Gesicht der Künstlerin. Die Ausstellung jedenfalls wurde ein durchschlagender Erfolg und machte die damals Mitte Vierzigjährige auf einmal zum internationalen Star. Und fast scheint es, als startete sie als reife Frau erst richtig durch mit ihrer Karriere und ganz sicher lässt sich sagen, dass sie mit zunehmendem Alter immer besser geworden ist.
Ab den neunziger Jahren schuf sie ihre legendären Spinnen-Skulpturen – die „Mamans“. Riesenhafte Monumente, mit welchen sie an ihre schützende, webende und liebende Mutter erinnern wollte. Diese hatte sie im zarten Alter von 18 Jahren verloren, was für sie ein umso herberer Verlust gewesen sein muss, als ihr despotischer Vater – ein notorischer Fremdgeher und Choleriker – sie von Kindsbeinen an schikaniert hatte. Er habe pausenlos geredet. „Ich hatte nie Gelegenheit, etwas zu sagen. Da habe ich angefangen, aus Brot kleine Sachen zu formen. Diese Figuren waren meine ersten Skulpturen.“
Angst und Schmerz sind für die Künstlerin Impulse, die sie in ihren ästhetischen Konzepten zu verarbeiten versucht. Besonders eindrucksvoll gelingt ihr das in den sogenannten „Cells“, unheimliche und abenteuerliche Environments, in denen die Betrachter sich auf die Spurensuche psychischer Befindlichkeiten nicht nur der Künstlerin sondern auch ihrer selbst begeben können.
Ich leide unter Schlaflosigkeit. Das ist sehr quälend. Ich lebe mit der Schlaflosigkeit und ich nehme keine Schlaftabletten“, berichtete die Künstlerin noch 2005. “Ich arbeite an den Zeichnungen nachts im Bett, auf Kissen gestützt. Vielleicht mit ein bisschen Musik, oder ich höre einfach den Geräuschen auf der Straße zu. Meine Zeichnungen bewahre ich sorgfältig auf. Sie entspannen mich und helfen mir einzuschlafen.” Nun ist sie für immer eingeschlafen und wir erinnern uns dieser außergewöhnlichen Jahrhundertkünstlerin.
Bei Ketterer Kunst wird dieser Tage die Plastik „Give or Take II“ aus der Sammlung Evelyn Weiss versteigert. Der Schätzpreis liegt bei 10.000,00 Euro. Ich möchte darauf wetten, dass er um ein Vielfaches übertroffen wird. Bei Ketterer übrigens „lebt und arbeitet“ Louise Bourgeois noch in New York – eigentlich sollte man das nicht unbedingt korrigieren, oder?

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