Kunst-Genuss in Frankreich

Frankreich. Das Land des berühmten “Savoir-vivre”. Mein Beitrag zur Blogparade von Tanja folgt den ganz frischen Eindrücken, die ich aus meinem Urlaub mitgebracht habe. Und es ist ein Kulturt(r)ip(p), der sich auch auf eine besondere Variante der Kultur bezieht. Nämlich auf die Genuss-Kultur. Für mich in so vielen Projekten sowieso zu einer Einheit mit der Kunst verbunden. Deswegen erzähle ich euch vom Beginn unserer Reise in den Süden Frankreichs. Und wie wir es uns so richtig gut gehen ließen.

Frankreich ist ganz schön groß! Das merkt man, wenn man bis ganz nach unten in den Süden will. In unserem Falle in die Region Midi-Pyrénées. Das schafft man von Köln (bzw. Frechen) nicht in einem Tag und so schaute ich auf die Karte, wo auf der Hälfte der gut 1200 km ich gerne anhalten würde. Bourges! Na klar, da wollte ich immer schon mal hin. Es gibt dort eine Kathedrale, die jedes Kunsthistorikerinnenherz höher schlagen lässt. Doch dazu später mehr.

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Es musste eine Unterkunft gefunden werden. Und da wir das unglaubliche Glück hatten, den Urlaub bei Verwandten zu genießen, durfte die auch mal ein bisschen höherpreisig sein. In einem Reiseführer wurden wir dann fündig und unsere Wahl fiel auf das Städtchen Issoudun etwa 40 Kilometer von Bourges entfernt in der Provinz Berry gelegen. Das Städtchen zeichnet sich durch ein hübsches Mittelalter-Flair mit Belfried und einem anscheinend sehenswürdigen Tour Blanche aus. Man ist stolz darauf, dass Balzac hier einige Aufenthalte verbrachte und das Städtchen in seinem Roman La Raboullieuse beschrieb. Er logierte damals in der Auberge de la Cognette. Und ratet, wo wir abgestiegen sind …

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La Cognette

Zum Hotel gehört auch ein Restaurant, das ein paar Straßenecken entfernt liegt. Und das hat sogar einen Michelin-Stern. Wir kamen recht spät an und mussten uns sputen, da man nur noch bis 21.00 Uhr reservieren konnte. Mit ein wenig Sorge, dass wir nicht passend gekleidet sein würden, huschten wir durch die Gassen – immer der Beschilderung nach. Oh Gott, wie peinlich, wenn wir da so abgehetzt ankommen. (Ich gehe nicht oft in Spitzen-Restaurants essen. Ehrlicherweise auch, weil es mir oft zu anstrengend ist, so piekfein zu sein.) Aber wir wurden so ausnehmend freundlich in Emfpang genommen, dass ich sofort tiefenentspannt war.

Obwohl die Räume des Restaurants sehr edel und gediegen eingerichtet waren (ich liebe silbernes Gerät auf dem Tisch), saßen einige Herrschaften in T-Shirts da. Die Atmosphäre war insgesamt sehr familiär und locker. Auch auf unsere mangelhaften Französisch-Kenntnisse reagierte man total entspannt und die Restaurant-Leiterin sammelte mit ihren Übersetzungen ins Englische Sympathiepunkte. Auch als dem Gatten nichts so richtig auf der Karte ins Auge sprang, war ein einfaches Steak als Alternative überhaupt kein Problem. Mit den köstlichsten Pfifferlingen, die man sich nur vorstellen kann!

Gastlichkeit

Es braucht nicht viel, um ein perfekter Gastgeber zu sein. Oft sind es Kleinigkeiten, die mich begeistern können. Das Personal des Restaurants war insgesamt äußerst professionell. Aber mit dieser Selbstverständlichkeit, dass sogar das Fegen des Tisches vor dem Dessert (mit kleinem zierlichen Schaber) überhaupt nicht exaltiert wirkte.

Ich weiß, dass der Gruß aus der Kücher und das Amuse geule in der gehobenen Gastronomie Standard sind. Aber so ein leckeres Spargelsüppchen, diese feine Lachsterrine und diese besondere kleine Blutwurst auf Apfelmus, die uns nach zwei kleinen Blätterteigplätzchen gereicht wurden – einfach köstlich. Übrigens gab es zum Nachtisch noch einmal eine Art Abschiedsgruß aus der Küche mit einem leichten Sorbet, fluffigen Cremchen und einem Stückchen Kuchen.

Ich war ein bisschen zurückhaltend mit dem Fotografieren. Aber bereue es jetzt zutiefst, dass ich euch nicht den Käsewagen fotografisch dokumentiert habe. Er stammte bestimmt aus der Zeit Balzacs. Aus edlem Holz mit Messingbeschlägen. Im oberen Teil befand sich eine kleine Auslage, von der man dann eine Glasscheibe nach oben kippte und die Käsevarianten servierte. Mein Herz ging auf. Am liebsten würde ich sämtliche Flohmärkte Frankreichs nach so einem Teil abklappern.

Das Essen war übrigens dezidiert regional. Ich hatte ein Hünchen mit einer Rotweinsoße …. mhhhhhhhh. Dazu wurde ein samtiges Mousse aus den berühmten grünen Linsen der Region gereicht. Zum Niederknien. Hier erklärt der reizende Chefkoch persönlich das Rezept.

Selbstverständlich war auch der Sommelier nicht enttäuscht, dass wir nicht eine ganze Flasche trinken wollten und servierte mir formvollendet ein Glas köstlichsten Rotweins aus Reuilly, das nach dem Aperitif (ein besonders fruchtiger Kir-Royal) nicht enttäuschte. (Auch wenn das nickelig klingen mag: Die Rechnung war überhaupt nicht astronomisch. Wie man das vielleicht von deutschen Sterne-Restaurants kennt!)

Der Abend war der perfekte Start in den Urlaub und wir verbrachten nach einem kleinen Spaziergang durch das Städtchen eine entspannte Nacht. Und obwohl das französische Frühstück gerne spartanisch daherkommt – im La Cognette wurde mir mit Frische und regionalen Produkten eine Freude gemacht. Und leckerer Kaffee aus einer schönen Porzellankanne – mehr brauche ich nicht!

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Die Kathedrale von Bourges

Aber nun zum eigentlichen Grund für den Zwischenstopp auf unserer Reise. Die stolze Kathedrale von Bourges. Tja, mit Gotik kennt man sich als Kölnerin ja aus! Rund hundert Jahre früher als die Kölner war man hier in Bourges mit dem Chor fertig (1214) und es ging auch insgesamt sehr viel flotter als beim Dom, der ja bekanntermaßen 600 Jahre einfach nicht weitergebaut wurde.

Das merkt man der Kathedrale in Bourges auch an. Sie ist stilistisch kompakt und auch diverse Zerstörungsversuche (Hugenotten, Revolution)  brachten zwar erhebliche Verluste – vor allem an Köpfen von Figuren am Bauschmuck. Aber letztendlich ist die Schönheit geblieben.

Uns hat es auf den Nordturm gezogen und wir sind – verrückt – bei sengender Hitze die kleine Wendeltreppe nach oben gestiegen. (Ich habe eine halbe Stunde lang nicht aufgehört, zu schwitzen!) Von oben hat man einen fantastischen Blick in das weite und erstaunlich flache Umland. Auch das zierliche Strebewerk (irgendwie kam es mir sehr schlank vor im Gegensatz zu Köln) sah von oben bezaubernd aus. Wie ich zumindest auf den Fotos sehen konnte, die der Mann gemacht hat. Ich traute mich nicht an die Brüstung. Schon irre, dass die das so ohne Gitter lassen!

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Bereits im Turm fielen mir zahlreiche Reliefs und kleine Figuren in den Wendel-Kehrungen auf. Anscheinend reizte auch der sehr weiche Stein der Kathedrale seit vielen Jahren, ja vielleicht sogar Jahrhunderten zum Verewigen. I was here – so machte man das vor der Selfie-Ära!

Das Innere der Kathedrale erinnerte mich schon sehr an meinen geliebten Kölner Dom. Auch wenn sie – und das ist ungewöhnlich – ohne Querhaus auskommt und die Fenster im Verglich zu Köln im Langhaus etwas kleiner ausfallen. Sind ja eben auch original Mittelalter! Richtig ausgeflippt vor Begeisterung bin ich allerdings bei der Westfassade! Die wird im 14. Jahrhundert von Jean de Berry in Auftrag gegeben. Der mit dem Stundenbuch! Und wer jenes kennt, der wundert sich nicht über die Detailverliebtheit der aus dem Stein gemeißelten Bilderwelten. Der Bildhauer Guy de Dammarin hat sie geschaffen. Der berühmte Flamboyant-Stil – ich war hingerissen. Vergleichstechnisch denke ich aber eher an ein Spitzendeckchen  als dass ich die Assoziation von Flammen hätte – aber einerlei: welch ein Bilderreichtum. Mein Lieblingsmotiv: winzige Vögelchen, die an Weintrauben naschen. Ich hätte die Fassade stundenlang bestaunen können.

Bourges ist ein nettes Städtchen, durch das wir noch schlenderten, bevor es dann weiterging in die Nähe von Tarbes. Die folgenden Tage waren dann vor allem dem Genuss der Natur gewidmet. Und dem Umherstreifen auf lokalen Märkten. Ein herrlicher Urlaub, der nicht der letzte in Frankreich bleiben soll. Glücklicherweise ist das Land ja groß und es gibt so viel zu sehen.

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6 Comments

  1. Liebe Anke,

    komme erst heute dazu, deinen wunderschönen Kunst-Genuss zu lesen – sooo schöööön!

    Das sagt die Frankreich Verliebte, die von Frankfurt aus jedes Jahr mehrfach dorthin fuhr. Natürlich kenne ich Bourges und die Kathedrale als Mediävistin sowieso – ich fuhr hier und im Burgund auf dem Motorrad als Sozi die Vorlesungen meines Profs ab. Und ja, ich liebe es dort in ein-Sterne-Restaurants zu gehen, da sie im Vergleich zu Deutschland preislich human sind, einen prima Service haben und sich tatsächlich nicht daran stören, wenn man dort in Motorradkluft aufschlägt. Die Franzosen sind Motorradfahrern eh sehr aufgeschlossen.

    Ein herrlicher Lesegenuss – merci dafür!

    Herzlich,
    Tanja

  2. Liebe Tanja,
    obwohl ich kein Motorrad fahre, kann ich mir das toll vorstellen, damit durch die Landschaft zu cruisen!

    Schön, dass ich dir so viel Freude machen konnte mit meinem Kulttrip!!

    Herzlichen Gruß
    Anke

  3. Hat Spaß gemacht, das zu lesen. Vermittelt, was das Genießen ausmacht. Das sag ich als Dauerurlaubende, äh, in Frankreich Lebende!
    Schöne Grüße aus dem Osten des Landes,
    Petra

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