Encanto. Fotoprojekt zur Kölner Oper

Wahrscheinlich weiß Anja Schlamann gar nicht, dass ich eine besondere Beziehung zum Kölner Opernhaus habe. Aber eine Info-Mail über ihr neuestes Projekt hat die Architekturfotografin genau an die Richtige geschickt. Am vergangenen Sonntag stellte Schlamann in der Kyotobar mit „Encanto“ den Riphahn-Bau im Zusammenhang einer besonderen Geschichte vor. Welchen Zauber sie in der Kölner Oper kurz vor ihrem Umbau entdeckt hat, darüber habe ich in einem Interview mit ihr gesprochen.

encanto

AvH
Anja, ich war sofort begeistert, als ich die ersten Fotos von „Encanto“ gesehen habe. Denn du hast das Geheimnis dieser besonderen Architektur in wundervollen Bildern eingefangen. Was war dein erster Gedanke, als du die Oper das erste Mal bewusst wahrgenommen hast?

AS
Ich habe länger in Dessau gearbeitet, mir sind die 20er Jahre vertraut. Dann nach Köln kommend, setzt man sich automatisch mit den 50ern auseinander. Als ausgebildete Architektin bin ich fasziniert von den geschwungenen Formen, der Leichtigkeit vieler architektonischer Elemente. man sieht die Frauen in ihren Petticouts über die Treppen tänzeln …

Ich habe mich mit Riphahn auseinandergesetzt, genausoviel mit dem Fotografen Schmölz und so war das Interesse schnell geweckt. Über eines meiner Seminare hatte ich dann die Möglichkeit, mich sowohl in den öffentlichen wie auch in den nicht-zugänglichen Bereichen aufzuhalten und ab dem Moment war die Idee geboren. Ich kann zugeben, dass mich die „hellen“, vorderen Bereiche interesseiren, aber ein noch grösseres Interesse gibt es für das Morbide, die Spuren der Nutzung, das Dunkle und nur dem Notwendigen geschuldete – also den „Bauch“ der Oper.

Fasziniert von der Logik und Einfachheit des Gebäudes – achsialsymmetrisch aufgebaut, logisch sortiert – findet man sich gut und schnell zurecht.

AvH
Du bist Architektin und Fotografin. Natürlich siehst du die baulichen Details der 50er Jahre. Erstaunlicherweise zeigst du die Kölner Oper bei „Encanto“ aber ausschließlich von innen. War dir das markante Äußere zu abgenutzt oder hat es deine Gedanken weniger beflügelt?

AS
Selbstverständlich ist die Haut, die äussere Kubatur von fantastischer Gestalt, so zum Beispiel die ebenerdigen Eingänge mit ihren vorgeschobenen Glaskörpern. Doch interessiert mich schon in vorangegangenen Serien eher das Innere. Der Abschluss, der Raum, eben die dritte Haut reizt mich. Die Beziehung vom Mensch zu seiner gebauten Umgebung. Das verstehe ich als umschliessenden Raum. Dies ist, seitdem ich fotografiere, mein Interesse. Angefangen mit der Serie Shops, die ich in Damaskus fotografieren konnte, über SIE bis jetzt Encanto.

carmen

(c) Anja Schlamann

AvH
In vielen deiner Fotoprojekte erzählst du Geschichten. Die Serie „Sie“ finde ich ganz wunderbar. Hier verbindest du Modefotografie mit besonderer Architektur – unter anderem der legendären Böhm-Kapelle in Hürth-Efferen. Bei „Encanto“ kommt dann eine fiktive Protagonistin ins Spiel. „Carmen“ – das Opernwesen schlechthin – huscht durch die Räume und fängt Stimmungen ein, offenbart das Innerste der Architektur. Wie bist du auf diese Idee einer erzählenden Figur gekommen?

AS
Mein großes Interesse gilt Menschen/ Protagonisten in Räumen und das meint, in Bezug zu diesen Räumen. Bei den Shops waren es Ladenbesitzer, die ich in ihren kleinsten Verkaufsstätten fotografiert habe, für SIE stand ich selber ganz klein und statisch in großen Räumen unterschiedlichster Bautypologie.

Die Räume in der Oper sind eher klein und kleinteilig. Aber auch hier war von Anfang an klar, dass ich mit mir als Protagonistin arbeite. Der Weg war ein langer Prozess … ich habe unterschiedlichste Varianten ausprobiert. Gottseidank hatte ich die Möglichkeit, viele Monate in der Oper arbeiten zu können. Über die Verkleidung kam die Idee der zurückgebliebenen Tänzerin, die tänzelnd sucht und irgendwie auch findet. Sie streift durch die Räume, erkundet, entdeckt. Dass ich die Regie nicht nur für die Fotografin sondern auch für die Schauspielerin führte, erschien mir dabei sehr naheliegend.

keramik

(c) Anja Schlamann

AvH
Ich durfte auch schon das ein oder andere Mal hinter die Kulissen der Kölner Oper schnuppern. Ein einmaliges Erlebnis! Du zeigst in einer Reihe von Bildern die magische Welt der Oper mit skurrilen Details wie z.B. dem Blick auf die Maskenabteilung mit auf ihren Auftritt wartenden Perücken oder Berge aufeinandergestapelter Puppen. Mein Lieblingsbild ist jedoch der Blick in die „Keramik-Abteilung“. Hier sehe ich “form-follows-function”, was ja dem 50er Jahre Design auch anhaftet. Und höre Stimmengewirr, stelle mir hektische Betriebsamkeit vor. Wie gelingt es dir, den Blick des Betrachters auf solche Geschichten zu lenken?

AS
Ich denke, dass gelingt genauso, wie du es gerade beschrieben hast: man betrachtet die Bilder und schon stellt sich die Geschichte ein, die Aufnahmen assoziieren eine Erinnerung, wir scheinen Ähnliches schon gesehen zu haben oder zumindest geahnt haben. Und das ist der zweite wesentliche Punkt: die Bilder regen die Fantasie an. Sie stoßen den Betrachter nicht auf einen Aspekt, sondern zeigen die Situation eher lakonisch, beiläufig und so bleibt ein jeder Betrachter an dem hängen, was ihn berührt oder bewegt.
Wie bei dem Phänomen, dass sich jeder von den Toten aus Wagners Ring angezogen und irritiert fühlt. Ebenso wie das Spiel auf der Bühne unsere Fantasie anregt, tue ich es mit meinen Bildern.

backstage

(c) Anja Schlamann

AvH
Im nächsten Jahr soll ja die Kölner Oper in völlig neuem Glanz wieder eröffnet werden. Glaubst du, dass der Ort ein völlig anderer sein wird, als der den du in „Encanto“ gesehen hast? Oder gibt es vielleicht architektonische Statements, die bleiben werden?

AS
Da die Kubatur und die räumliche Aufteilung natürlich nicht verändert werden (das Gebäude steht unter Denkmalschutz), wird es im Groben betrachtet kaum Neuerungen geben. Mit großem Aufwand (und Kosten) werden zum Beispiel die Holzvertäfelungen saniert und im Original wieder angebracht. Trotzdem … ich erwarte eine große Veränderung: die Spuren des 60jährigen Theaterlebens werden wegsaniert sein. Ich erwarte cleane Räume, eine Sauberkeit und oberflächliche Perfektion, die keine Patina mehr zeigt. Diese muss sich erst wieder bilden, um mich zu reizen. Wie oben beschrieben, mochte ich vor allem die Backstage-Bereiche: den Staub, die sichtbaren offensichtlich notwendigen Kabel auf den Wänden, die Verläufe der Rohre, die den Dampf in die Heizkörper gebracht haben: vieles von dieser Einfachheit wird vermutlich „unter Putz gelegt“.

AvH
Herzlichen Dank für das spannende Interview und vor allem dieses wundervolle Fotoprojekt. Ich wünsche dem Buch viel Erfolg!

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