Kleine Auszeit

Endlich ein Sonntag, an dem mich kein auswärtiger Termin ruft. Herrlich lange ausschlafen, ein bisschen in der Küche rumprusseln … ach ja, die Bügelwäsche wartet auch schon länger. Das Wetter draußen ist so gemischt. Im Hinterkopf meldet sich eine Stimme. Da war doch diese Führung auf Schloss Türnich. Direkt hier um die Ecke. Kann man mit dem Fahrrad hin. Feine Idee. Nur schnell noch … ein paar gefühlte Augenblicke später ist der Zeiger an der Uhr schon wieder so weit vorgerückt. Wieso verrint freie Zeit immer so schnell? Mist. Na dann doch eben schnell mit dem Auto hin, damit das noch klappt. Ich will gerne vom Grafen von Hoensbroech persönlich durch die schönen Anlagen des Schlosses geführt werden. Kutschiere also durch unsere grüne Lunge hier um den Braunkohle-Tagebau herum und parke pünktlich in einer Seitenstraße vor dem Schloss. Alles so kleine 60er-Jahre-Bungalows hier in Türnich, die sich nahe an das herrschaftliche drängen. Sehr gut bürgerlich alles.  Die Schloss-Anlage kenne ich schon von diversen Besuchen. Jetzt will ich mehr wissen. Aber: Schade, schade, Schokolade 😉 Der Graf kommt nicht, die Führung ist abgesagt. Okay, war das Gehetze also umsonst. Das hat mich aber nur kurz geärgert. Denn ich schalte im nächsten Moment auf Entschleunigung um und genieße eine kleine Auszeit.

Erst mal einen Cappucino und ein herrliches Stück Aprikosenkuchen! Das Café ist neu und alles bio. Heute kann man super draussen sitzen. In den ehemaligen Pferdeställen ist ein gemütliches Café eingerichtet. Ich muss ein bisschen schmunzeln über die liebevolle Deko. Aber ich mag das, dass hier nicht alles so durchgestylt ist.

Erst einmal eine Runde drehen. Mich zieht es zum Herrenhaus, das sichtbar in Restaurierungsarbeiten steckt. Ein Lustschloss aus dem 18. Jahrhundert, das den Platz einer mittelalterlichen Wasserburg übernommen hat. Wenn das wieder zugänglich gemacht wird, wird das bestimmt ein Kleinod. Der Eingang zum Schloss ist mit einer kleinen Grotte akzentuiert. Vielleicht ein Hinweis auf die landschaftliche Erbauung, die man hier zu finden glaubte. In der Vorburg leben die heutigen Besitzer, die sich redlich bemühen, die Anlage zu erhalten. Auf der Homepage las ich spannende Dinge über die Beschaffenheit des Untergrunds, der wohl immer wieder für Überraschungen sorgt. Bei dem Wärterhäuschen am Eingang kann man das auch erahnen. Wenn man so umherstreift, hat man den Eindruck, alles ist in einer Art Dornröschen-Schlaf und harrt der Erweckung.

 

Es zieht mich in die Umgebung und ich streife auf kleinen Wegen durch den Park. Eine etwas hochnäsige lange Allee lasse ich gleich links liegen – obwohl sie durchaus beeindruckt. Ich folge aber einem der zahlreichen Trampelpfade, die einen so richtig tief in die Botanik führen. Auch hier warten Entdeckungen  auf mich! Bewusst gestaltet oder durch die Regie der Natur. Beides finde ich hier! Der Anblick mächtiger Bäume begeistert mich immer wieder. Ob die wohl noch aus den Anfägen des Parks stammen, der bis in das 18. Jahrhundert hineinreicht? Man setzt hier bewusst auch auf Totholz, in dem ich Insekten wuseln sehe.

Die Idee dahinter ist, dass man – sozusagen in etwas idealisierter Weise – naturnahe oder naturgemäße Bilder durch entsprechende Pflanzungen und Raumgestaltungen aufbaut. Das Betrachten dieser Bilder führt dann dazu, dass auch innere seelische Bilder entstehen. Diese Wechselwirkung wiederum hat einen heilsamen Aspekt, und das ist der eigentliche Grundgedanke, der hinter dem Landschaftspark steht – zumindest im goetheschen Sinne.”

Schloss Türnich – ein Kraftort? Normalerweise stehe ich solch esoterischem Tenor etwas kritisch gegenüber. Aber ich habe hier eine besondere Atmosphäre gespürt. Wie ich es von den Ausflügen meiner Kindheit her kenne. Da waren wir oft das ganze Wochenende im Wald. Und je dichter ich in den Landschaftpark eintauche, umso mehr nimmt mich die Natur in ihre Arme. Ich bleibe stehen und atme tief durch. Obwohl Gewitter in der Luft liegt, riecht es sommerlich. Ein Soundteppich aus Vogelgezwitscher und Bienengesumme lullt mich ein. Ich hätte stundenlang hier ausharren können. Die Steinsetzungen von Marko Pogacnik, die einem hier und da auflauern, mag ich hingegen nicht so sehr. Für mich reicht die Kraft der Natur völlig aus. Und so bin ich so richtig tiefenentspannt nach diesem kleinen Ausflug. Ich nehme mir fest vor, beim nächsten Mal mit dem Fahrrad zu kommen. Vielleicht gibt es dann ja nochmal die Gelegenheit, ein bisschen hinter die Fassaden zu schauen.

Wenn ihr möchtet, könnt ihr zu den Bildern auch gleich in den entsprechenden Sound reinhören.

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