Jörg Immendorff gestorben

1966 hatte er noch gefordert: “Hört auf zu malen” und damit die Aufmerksamkeit seines Lehrers Joseph Beuys auf sich gezogen. Provokant und immer am Puls der Zeit war Jörg Immendorff bis zuletzt. Auch sein Kokain-Prozess mit Prostituierten im heiligen Steigenberger-Hotel gilt manchen als besonders ausgefeilte Kunstaktion. Zumindest hatte der von einer schweren Krankheit gezeichnete Künstler die gesamte Nation und sämtliche Pressemeldungen im Griff. Sicher auch eine verzweifelte Aktion, mit der er sich auf der Bühne der Kunstszene halten wollte. Überhaupt durchzieht sein gesamtes Werk die Selbstreflektion und die Inszenierung auf einer imaginären Bühne.
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Immendorff, der als ausgebildeter Lehrer von Anfang an die Unterrichtung des Betrachters im schönen Beuysschen Sinne im Blick hatte, folgte seinem Lehrer in mancherlei Hinsicht. Nicht nur, dass er aufgrund provokanter Aktionen wie z.B. der anarchistischen LIDL-Aktion auch von der Düsseldorfer Kunsthochschule flog, war er doch auch als Mitglied der KPD politisch aktiv. Seine Wurzeln sind jedoch auch in den Vorbildern der expressionistischen Bewegung zu suchen. Hier begegnete ich Immendorff auch zum ersten Mal intensiver, als ich für das Thema der Kaffeehausszenen zu recherchieren begann.
Als Immendorff das Bild “Caffee Greco” von Renato Guttuso gesehen hatte, begann er seine Antwort darauf in einer Serie von Cafe Deutschland Bildern, die sich sowohl mit der Situation des geteilten Deutschland (und der persönlichen Freundschaft zu dem in der DDR geächteten Künstler A.R. Penck) beschäftigen als auch mit dem Mikrokosmos der Kunstszene in der Düsseldorfer Altstadt in den Jahren der “Jungen Wilden”.
Nach Agitprop und in Zeiten, in der die Malerei eigentlich ausgestorben ist, gilt Immendorff als einer der wenigen Vertreter der gegenständlichen Malerei. Er bezieht sich immer wieder auf altmeisterliche Traditionen, erfindet den Affen als Malerfürst-Identifikationsfigur und übernimmt Motive von z.B. Hans Baldung Grien. Als 1997 die Krankheit ALS bei ihm ausbricht, wird auch dies in zahlreichen Bildern thematisiert (“Was ist mit der Malerhand”).
Die Kunstszene verliert mit Immendorff eine der schillerndsten Figuren, die bereits in den sechziger Jahren einer neuen Richtung den Weg geebnet hat, die dann von Kippenberger und Co. zu breiter internationaler Anerkennung deutscher Kunst führte. Schöne Vorstellung, wenn er jetzt, von seinem großen Lehrer Beuys in den Malerhimmel geführt werden wird: “Komm, Jörch…”

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