Joan Miró 1893 – 1983

Fröhlicher Farben-Maler, dessen bunte Motive die Bilderrahmen in Kaufhäusern oder Postershops dekorieren? Auch das ist Miró. Joan Miró ist allerdings mehr als nur schlichter Erzähler skurriler Geschichten in lebhaften Farben und selbsamen Formen. Für einen Vortragsjob habe ich einmal genauer hingesehen. Gern teile ich meine Recherchen mit euch (leider ohne Bilder … ihr wisst schon: die Bildrechte).

Der Künstler, der als der große „Schweiger“ in der Kunstwelt bekannt war lebte seit 1940 im faschistischen Spanien. Miró litt – von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet – bis in die sechziger Jahre unter der Knute Francos. Die zwanziger und vierziger Jahre umfassen eine Phase, die als seine kreativste die surrealistische Bilderwelt erschuf. André Breton sagte einmal, Miró sei wohl der surrealistischste von ihnen allen.

Schaffensdrang

Man erfindet nichts, es ist alles da!

Miró produzierte eine ungeheure Menge an Werken während seines Lebens. Er schuf mindestens 2000 Ölgemälde, 500 Skulpturen, 400 Keramiken und 5000 Zeichnungen und Collagen. Auch druckgraphisch war er äußerst rege: Insgesamt entstanden 3500 Lithographien, Radierungen und anderen graphische Werke.

Frühe Jahre
1893 wird Joan Miró in Barcelona geboren. Der Vater ist Goldschmied und Uhrmacher und die Mutter ist die Tochter eines Kunsttischlers. Auf Drängen des Vaters besucht er eine Handelsschule. Gleichzeitig schreibt er sich an der Kunsthochschule ein. Der Wunsch des Vaters scheint zu überwiegen und man kann sich gut vorstellen, wie unwillig der junge Joan sich zur Arbeit in der Verwaltung eines Handelshauses aufmachte.

Das Schicksal brachte ihm allerdings in Gestalt einer schweren Erkrankung zum Entschluss, doch die künstlerische Laufbahn weiter zu verfolgen. Dann kam der erste Weltkrieg und er musste zum Militär. Es gelang ihm jedoch, erste Kontakte zu den Künstlerkreisen in Barcelona zu knüpfen.

Poetischer Realismus
Die Bedingungen, unter denen sich Miro zum Künstler entwickelt, sind geprägt von den avantgardistischen Strömungen der Zeit: dem Kubismus, den Fauves, auch Dada.

Miró ist sehr heimatverbunden und so bevölkern seine frühen Werke Bauern und ihre Familien, Tiere, Insekten, Bäume, Felsen und die Erde Kataloniens. Allgemeingültige primitive Formensprache gegen avantgardistische Strömung – so könnte man verkürzt die erste Phase im Werk Mirós beschreiben. Ich habe einige Lieblingsbilder dieser Periode, die ich hier kurz ansprechen will.

Bildnis E.C. Ricart, 1917
Mit Ricart teilte sich Miró ein Atelier in Barcelona. Das Porträt erzählt von der gemeinsamen künstlerischen Passion. Eine erstaunliche Kombination mal starker, mal feiner Linien. Im Vordergrund überwiegt die Abstraktion und wiegt die Farbe schwer, während der japanische Farbholzdruck im Hintergrund ein feines Liniengespinst zeigt.

Nord-Süd, 1917
Das Stilleben offenbart Mirós kulturelle Einflüsse. Es finden sich Hinweise auf Volkskunst und Literatur (vielleicht Goethes Farbenlehre?). Die französische Avantgarde wird vertreten durch die Zeitschrift „Nord Sud“, die u.a. von Guillaume Applinaire herausgegeben wurde. Ein wichtiges Organ für die jungen Dadaisten und Surrealisten.

Avantgarde

1918 hat Joan Miró seine erste Einzelausstellung in  Barcelona und 1919 begibt er sich zum ersten Mal nach Paris. Dort traf er mit Picasso zusammen, dem er ein im selben Jahr enstandendes Selbstporträt schenkte (verkaufte?). Selbstbewusst hatte sich Miró hier in einem detailreichen roten Hemd verewigt. Dass ihn der Kubismus beeinflusste, mag Picasso an diesem Bildnis besonders gefallen haben.

In den darauffolgenden Jahren folgten mehrere Paris-Aufenthalte und Miró mietete sich schließlich in der Rue Blomet ein eigenes Atelier. Dort lebte er das typische Boheme-Leben, das er später so beschrieb:

„Ich aß wenig und schlecht. Ich habe gesagt, dass mir zu jener Zeit der Hunger Halluzinationen verursachte, die mir Ideen für die Bilder gaben. Ich erinnere mich, als Arp mich einmal besuchte, dass ich mit ihm einige Radieschen teilte; das war alles, was ich hatte. Manchmal brachte mir ein katalanischer Besucher aus Barcelona eine Bauernwurst und etwas Vorräte. Es war eine Periode intensivster Arbeit. Ich füllte ganze Zeichnungshefte, die mir als Grundlage für die Bilder dienten.“

Der Bauernhof, 1921
Jetzt wird es surrealistisch 🙂 Wie auf einem mittelalterlischen Tafelbild werden verschiedene Details mit verschlüsselten Bedeutungen vereint. Das vordergründig als Landschaftsbild angelegte Bild ist voller sexueller Motive und Anspielungen.

Die Arbeit an dem Bild dauerte einige Monate, Miró brachte es von Paris nach Mont-roig del Camp und wieder zurück. Es wirkt, wie ein langer Prozess, an dessen Ende er endgültig als surrealistischer Maler hervorging.

Traummalerei

Metamorphosen, phantastischen Verwandlungen drängen die geometrische Grundordnung der kubistischen Idee in den Hintergrund und ab 1923 entwickelt Miró einen eigenen Kosmos an Wesen und Symbolen. Großen Einfluss gewannen die surrealistischen Dichter André Breton, Paul Eluard und Louis Aragon auf sein Werk, die er 1924 kennenlernte. Genau in der Phase, in der man das surrealistische Manifest veröffentlichte. Und so tauchen ab dieser Zeit auch vermehrt Worte und Sätze in Mirós Bildern auf. Poesie nimmt neuen Raum in seiner Kunst ein. Es entstehen erste Bild-Gedichte.

Königin Luise von Preussen, 1929
Dieses überraschende kleine Bild zeigt de deutlichen Einfluss der Surrealistengruppe. Die Bildidee wurde angestoßen von einer Reklame für den deutschen Dieselmotor der Firma Junkers. Die Assoziation beim Betrachten der Reklame führt zu reduzierten Formen, die entfernt an eine Frauenfigur im Korsett erinnert. Die Bildtitel-Erfindung erinnert an surrealistische Spielchen.

Kriegsjahre

Mann und Frau vor einem Kothaufen, 1936
„Ich hatte dieses unbewusste Gefühl drohenden Unheils. Kurz bevor der Regen fällt, schmerzenden Glieder und erstickende Dumpfheit. Es war mehr ein körperliches als ein seelisches Empfinden. Ich hatte die Vorahnung einer Katastrophe, die sich bald ereignen würde, aber ich wusste noch nicht, welche: Es war der Spanische Bürgerkrieg und der Zweite Weltkrieg…Warum ich den Titel gab? Zu dieser Zeit war ich von Rembrandts Worten fasziniert: Ich finde Rubine und Smaragde in einem Dunghaufen.“

Am 20. Mai 1940 kommt Miró knapp bevor die Deutschen in sein Sommerdomizil bei Rouen einmarschieren, wieder nach Paris zurück. Dor hält er sich jedoch nicht lange auf, sondern kehrt – für viele unverständlich und für die spanischen Exilanten als Verrat angesehen – nach Spanien zurück und lässt sich auf Mallorca nieder. Eigentlich wollte Miró nach Amerika; da er keine Schiffspassagen bekam, entschlossen er und seine Frau sich, nach Katalonien zurückzukehren.

Die Sternenbilder

In den Jahren 1940/41 malte Miró in Varengeville, Palma und Montroig eine Reihe kleinformatiger Guachen, die er unter dem Titel Sternbilder oder besser Konstellationen zusammenfasste. Denn „Konstellationen“ meint auch ein Ensemble von Körpern der unterschiedlichsten Art. Sterne kommen auch vor, jedoch bevölkert der Maler die Bildfläche mit den typischen Figuren: Auge, Kreis, Tisch, männliche und weibliche Geschlechtsteile.

Ziffern und Sternbilder, in eine Frau verliebt, 1941
Die Konstellationen hatten eine nachhaltige Wirkung auf die New York School. Arshile Gorky und Jackson Pollock ließen sich vom All-Over der Formen inspirieren. Auch die Anregung durch automatisches Zeichnen und der Rhythmus sich immer wiederholender Formen fielen auf fruchtbaren Boden in der amerkikanischen Nachkriegskunst.

Der späte Miró

Während der letzten drei Dekaden seines Lebens arbeitete er zunehmend an Keramiken und Skulpturen.

Mich hat die Pracht der Keramik verführt: wie Funken ist das. Und dann der Kampf mit den Elementen: mit der Erde, dem Feuer…Ich bin eine ausgesprochene Kämpfernatur. Wenn man Keramik macht, muss man das Feuer bändigen können.“

Daneben konzentriert er sich zunehmend auf die Druckgraphik und trägt so zur Verbreitung seiner Kunst bei.

Sein Spätwerk ist voller Schaffensdrang und dem Wunsch, nicht mehr “das mittelmäßige Leben eines bescheidenen kleinen Gentleman” zu führen! 1956 lässt er sich auf Mallorca nieder.

Reine Farben, starke schwarze Konturen – die Malerei des Nachkriegs-Mirós ist reduziert aber voller Kraft. Der Künstler beginnt zu experimentieren. In den Siebzigern entstehen verbrannte Bilder. Auch wenn seine Kunst schon drohte, von Epigonen zerrieben zu werden, niemand kann sich der Wirkung seiner Farben und Formen entziehen.

Miró ist auch als Künstler mit klaren oft drastischen Worten in die Kunstgeschichte eingegangen. „Die Surrealisten haben, wie man weiß, den Tod der Malerei verordnet. Ich will den Mord.“ Damit bezog er klare Position gegen eine dekorative Kunst, wie sie von der Bourgeoisie geliebt wurde.

Sprengkraft haben auch seine angeblich letzten Worte: “Scheiße auf die ganze Gesellschaft, Scheiße auf alles, was unwichtig ist”

Share

2 Comments

Kommentar verfassen