Ist Illustration Kunst?

Wunderbar, dieser Beitrag schließt ja quasi nahtlos an den vorherigen an! Um es direkt mal vorweg zu nehmen: Ich meine JA! Illustration kann Kunst sein. Aber nicht etwa, weil Kunst von Können kommt und uns das Handwerkliche bei der Illustration schwer begeistern kann. In einer netten Runde habe ich letzte Woche über Kunst und Illustration diskutiert. Anlass gab das  Illustratoren-Festival. Das ist eine im Zweijahresrhythmus stattfindende Veranstaltung, die in diesem Jahr mit einem prall gefüllten Begleitprogramm am Start war.

Über die Diskussion und was sonst noch auf dem Festival zu sehen war.

Schon im Vorfeld der Illu 16 hatte ich die Ehre (aber auch die Qual), aus einer Fülle von Einreichungen diejenigen zu bestimmen, die dann am Ende ihre Arbeiten in den Räumen der Michael Horbach Stiftung präsentieren durften. Hier zeigte sich schon der Anspruch, den die Organisatoren des Festivals erhoben. Illustration ist mehr als Auftragsarbeit und kann durchaus als ein eigenes künstlerisch wertvolles Genre gesehen werden.

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Idee und Experiment – diese beiden Kriterien haben bei meiner Auswahl eine Rolle gespielt. Der ursprüngliche Sinn des griechischen Wortes idéa liegt übrigens in der Gestalt, dem Erscheinungsbild dessen, was gesehen wird. Und das meint so viel mehr als naturalistisch genaues darstellen. Ich kann zwar viel Bewunderung für perfekte Wiedergabe von Dingen aufbringen. Aber mich packt es erst, wenn mehr dahinter steckt. Wenn da eine Flamme die Begeisterung entzündet wird. Und ich Futter für meine Gedankenwelt erhalten kann.

Ein paar meiner Favoriten

Ich picke hier mal ein paar Teilnehmerinnen und Teilnehmer heraus, die mich überzeugt haben. Zum Beispiel Daniel Balzer. Oder die als Duo arbeitenden AM. Julia Ruhlandt hat mir gut gefallen. In die Arbeiten von Maren Schneider habe ich mich gerne eingesehen. Sonja Lehnen-Friedrich fand ich toll. Ich mag das, wenn mit verschiedenen Bildebenen gespielt wird! Mich überzeugt nicht so sehr ein fertiges Reinzeichnen als vielmehr das Herumspielen mit zeichnerischen Ansätzen. Aber Illustration muss ja nicht zwingend Zeichnung sein. Es gibt unter den Teilnehmern eine ganze Menge spannende Experimente – auch mit verschiedenen Techniken und Materialien. Blättert ruhig mal durch.

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Zurück zur Eingangsfrage. Ob Illustration Kunst ist. Ich saß mit Pauline Liesen, der Direktorin des Troisdorfer Bilderbuchmuseums (Burg Wissem, da muss ich unbedingt mal hin!) und dem Illustrator Daniel Schreiber in einer Podiumsdiskussion zusammen, die von Klaus Althoff moderiert wurde. Eigentlich waren wir uns ja alle einig. Auch darin, dass wir uns nicht mit der ausufernden Diskussion über das, was Kunst sei, beschäftigen würden.

Natürlich kreiste unser Gespräch auch um das Thema Qualität. Und ein nicht unentscheidender Einwurf kam von Pauline Liesen. Sie sieht auch ein mangelndes Selbstbewusstsein der Illustratorenszene. Und appellierte an die anwesenden Illustratoren, die eigene Arbeit als Kunst ein- und damit wertzuschätzen.

Ich fand es spannend, darüber nachzudenken, welchen Stellenwert das Genre Illustration besonders in Deutschland hat. In meiner Vorbereitung auf die Diskussion hatte ich gelesen, dass beispielsweise in Frankreich die Karrikaturisten und Illustratoren auf eine andere Historie zurückblicken können. Die Bedeutung vor allem der Karrikatur in der französischen Revolution spielt hier eine zentrale Rolle. Wobei Illustration natürlich nicht gleich Karrikatur ist. Aber es gibt Überschneidungen und so wächst dann eine Szene ganz anders heran. In den USA gibt es seit 1901 eine Society of Illustrators. So etwas wirkt sich auch auf das Selbstverständnis der Illustratoren aus. Im Angelsächsischen wird übrigens ganz selbstverständlich von  Artists gesprochen.

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Mir hat auch Daniel Schreibers Einwand zu denken gegeben, dass mit “Kunst” ja auch eine bestimmtes Label gemeint sei. Es geht dabei auch um Status. Kunst ist kulturell wertvoll. Damit kommt man in Galerien und Museen. Illustration wird oft als kommerziell angesehen. Das ist dann zum Beispiel nicht förderungswürdig. (Da verstehe ich zum Beispiel das Kulturamt der Stadt nicht, die das Festival nicht unterstützt hat.) In Zeiten, in denen sich die verschiedenen künstlerischen Genres mischen, finde ich es absolut angebracht, auch beim Thema Illustration genauer hinzuschauen und den künstlerischen Impuls zu würdigen. Leider führt das Mangeldenken in der Kulturszene (ja, die Ressourcen sind hier einfach zu knapp) zu einem Konkurrenzdenken und oftmals geht es dann darum, den eigenen Platz zu verteidigen. Dass sich beide Szenen mischen (bildende Kunst und Illustration) kommt ja vor allem im Bereich literarischer Illustrationen ständig vor!

In jedem Fall hat das Publikum entschieden, dass Illustration mehr zu bieten hat. Ein durchschlagender Besuchererfolg spricht Bände.

Sehr lustig fand ich, dass es bei unserer Diskussion plötzlich um Social Media ging. Ich hatte schnell ein Foto vom Podium gepostet. Der Moderator griff das auf und spielte es den anderen zu. Ich kenne das ja schon aus der bildenden Kunst und kann mir vorstellen, dass Illustratoren diese merkwürdige Scheu vor den sozialen Netzwerken auch haben. (Warum das so ist, das können wir ja mal an anderer Stelle besprechen.)

Gerade, wo es um die Frage des Selbstverständnisses geht und möglicherweise auch darum, Fördertöpfe anzuzapfen, ist das mit den Social Media aber gar keine schlechte Idee! Und ich nahm mir zum Schluss unserer Diskussion noch heraus, ein Plädoyer für eine aktive Präsenz im Netz loszuwerden. Vor allem sollte man einen Blick über den Tellerrand in andere Communities wagen. Zum Beispiel mit der Teilnahme an #PaintMuseum – das ist ja eigentlich eine Steilvorlage für Illustratoren. Ich bin gespannt, vielleicht zeigen sich einige von ihnen beim IMT.

P.S. Alle Fotos (c) Illustratoren-Festival

 

 

 

7 Comments

  1. Ich sekundiere! Das Community-Übergreifende wünsche ich mir nämlich auch sehr. #PaintMuseum bietet sich bestens an für ein spielerisches Fingerhakeln.

    Apropos Social Media: Einer meiner Lieblinge der #illu16 war ja (neben Sonja Lehnen-Friedrich) Markus Köninger. Der hatte mein Posting bei Instagram unter dem Hashtag gesehen, sich in einem Kommentar gefreut, ich mich zurückgefreut und nun folgen wir einander. Das sind kleine Effekte, die aber Nähe schaffen – und wer weiß: Wenn mich mal jemand nach einem interessanten Illustrator fragt, wüsste ich sofort einen Namen und auch, wie und wo man denjenigen unkompliziert ansprechen kann.

    Ohne Social Media hätte ich im übrigen gar nichts vom Illustratoren-Festival mitbekommen. Wie auch nicht von der QVED (http://www.qved.de/) damals, die mich in Sachen Verständnis von der Macht und dem Vermögen von Illustration sehr bereichert hatte. Im nächsten Jahr bin ich wieder dort.

  2. Das ist super, dass du eine Reaktion auf Instagram bekommen hast. Und ja, Vernetzung und Weitersagen und miteinander interagieren – das ist für alle Beteiligten so gewinnbringend. Auch wenn mein Kontakt mit dem Illustratoren-Festival tatsächlich über eine lange analoge Freundschaft zustande kam 🙂

  3. Da lobenswerterweise die gesteigerte Wertschätzung durch Vernetzung und Organisation erwähnt wird in bezug auf die amerikanische Society of Illustrators möchte ich gerne darauf hinweisen: Das gibt es in Deutschland auch und es heisst Illustratoren Organisation e.V. (www.io-home.org).

    • Lieber Tim Weiffenbach,
      vielen Dank für die Ergänzung. Die amerikan. Organisation hatte ich vor allem wegen der Gründung 1901 erwähnt. So lange gibt es die Illustratoren Organisation noch nicht in Deutschland, oder?
      Man kann sicher noch einige andere Illustratoren-Vereinigungen finden und ich bin dankbar, wenn sich hier in den Kommentaren noch jede Menge Hinweise sammeln würden.

      Viele Grüße
      Anke

  4. Liebe Anke, liebe Mitlesende, Guten Abend zusammen,

    erst einmal wieder vielen Dank für Anregungen, Tipps, die allgemeine Inspiration und das virtuelle Teilnehmenlassen an dieser interessanten Unternehmung!

    Mir kamen beim Lesen wieder so viele Gedanken auf einmal, dass ich sie kaum sortiert kriege, aber ich versuche es und lasse sicher auch manches unter den Tisch fallen, aber sei’s heute drum 🙂 .

    “Ich kann zwar viel Bewunderung für perfekte Wiedergabe von Dingen aufbringen. Aber mich packt es erst, wenn mehr dahinter steckt. Wenn da eine Flamme der Begeisterung entzündet wird. Und ich Futter für meine Gedankenwelt erhalten kann.”
    Das teile ich uneingeschränkt. Dabei ist mir bewusst, dass das, was mich “entzündet”, einen anderen kalt lassen kann und umgekehrt. Das “entzündet werden” ist durchaus “gut” – jedenfalls begrüße ich es bei mir jedesmal sehr! -, aber das NICHT “entzündet werden” eben nicht “schlecht”! Da passen dann zwei Dinge (zu diesem Zeitpunkt) einfach nicht zusammen. So dass mein Fazit wieder einmal ist: Mir steht die Beurteilung nicht zu, ob “mehr dahinter steckt”, wenn ich sie über meine Person hinaus treffen will. Wenn ich “entzündet” werde, ist das einfach eine glückliche Fügung zwischen dem kreativen “Angebot” und meiner inneren “Suche”, wenn man so sagen will.

    Wenn “Auftragsarbeit” mit Eigenem gefüllt werden kann, hat sie auf jeden Fall ein “mehr”; ich glaube, das steht außer Frage. Auch da gibt es kein generelles “Schlecht”.

    “… die eigene Arbeit als Kunst ein- und damit wertzuschätzen” hängt für meine Begriffe eng zusammen mit der “ausufernden Diskussion über das, was Kunst sei”. Einerseits erkennt man diese Diskussion als müßig und möchte sie vermeiden, andererseits gibt es wohl noch nicht genug starke Stimmen, die sagen, WARUM es müßig ist, nicht genug Stimmen, die den Qualitätsbegriff immer wieder neu enttarnen helfen. Kunst ist auf keinen Fall ein “Qualitätssiegel”, sondern Ausdruck, Transformation, Dialog. Das, was Daniel Schreiber da wohl gesagt hat (und die fehlende Unterstützung durch die Kulturverantwortlichen der Stadt), unterstreicht genau das: Menschen hieven Dinge und/oder Personen durch ihre Position und durch ihr persönliches Füllen dieser Position in diese bestimmten Status. Irgendwann verselbstständigt sich das oder hat sich verselbstständigt und die, die diese Status hinterfragen, gelten auf einmal als merkwürdig…

    Es gehört enorm was dazu, wenn man eine (kunst)gesellschaftlich (noch) nicht anerkannte Kunstform als solche etablieren möchte: Mut, Durchhaltewillen und -vermögen, und unter Umständen immer wieder Diskussionen. “Ausufernde Diskussionen über das, was Kunst sei.”

    Herzliche Grüße und Gute Nacht,
    Sabine

    • Liebe Sabine,

      hab vielen Dank für deine Gedanken zum Thema. Ja, Diskussion und Dialog ist entscheidend. Und auch die Tatsache, dass man nicht irgendwas festschreiben kann und dann gilt das für alles und alle. Dass Fließende, das sich im Diskurs verändernde, das ist es doch, was Sinn macht. Und deswegen war es auch ein schöner Impuls, die Diskussion auf dem Festival zu haben. Mir hat es gefallen, dass sich die Macher auch mal auf eine Meta-Ebene begeben wollten. Und über das, was sie da tun, zu reflektieren. Aus diesem Grund habe ich das Ganze auch noch einmal verbloggt. Damit dann durch eventuelle Kommentare weitergedacht wird. Herzlichen Dank dafür.

      Viele Grüße
      Anke

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