Hallo Vermittlung – eine Konferenz mit viel Diskussionsstoff

Es war ja klar, dass eine Veranstaltung von Kunstvermittlern für Kunstvermittler auch mit interaktiven Elementen daherkommen würde. Im Falle von Hallo Vermittlung funktionierte das in kleinen Diskussionsrunden um jeweils ein bis vier Fragestellungen sehr gut. Es ging darum, Erfahrungen und auch Zukunftsvisionen zu besprechen. Am Ende kam dann die Frage, was man gelernt habe in diesen zwei Tagen. Ich war allerdings so voll mit meinen Eindrücken, dass ich darauf nicht spontan antworten konnte (und man ja eh keine Romane schreiben sollte). Aber das ist eine fabelhafte Vorlage für einen Blogpost! Hier kann ich dann auch ein wenig ausholen 🙂 Also, was habe ich gelernt bei der Konferenz “Hallo Vermittlung”?

Erstens: Es hängt immer an Personen.

Hamburg hat einen bemerkenswerten Kultursenator, von dessen Eröffnungsrede ich mir die Idee vom fluiden Kulturbegriff gerne für ein Weiterdenken mitnehme. Verkürzt bedeutet dieses Fluide auch, dass man sich neuen Anforderungen stellen muss. Das nichts bleibt, wie es ist. So, wie ich Carsten Brosda verstanden habe, meinte er das auch ganz explizit im Zusammenhang mit dem Digitalen.

Die Körber-Stiftung ist in vielen Feldern tätig und die Kultur ist ein Schwerpunkt, der den Menschen dort offensichtlich besonders wichtig ist. Und so war die Stiftung nicht nur als Geldgeber und Mitveranstalter präsent, sondern nahm mit Anja Paehlke und Kai-Michael Hartig auch hör- und sichtbar an der Konferenz teil. (Kenne ich auch anders!) Mir hat sich besonders eingeprägt, dass sich ob der fabelhaften Präsentation der Schülermanager (dazu später mehr) Anja Paehlke spontan bereit erklärte, für Unterstützung zu sorgen, falls sich in den Museen so ein Modell auch etablieren könnte. Ich hoffe sehr, dass das auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Werde da gerne nochmal nachhören, ob da was geplant wird.

Es muss immer jemand erstmal eine Idee haben und dann auch dranbleiben, sie umzusetzen. Der Impuls zu „Hallo Vermittlung“ kam aus den Reihen der Kulturellen Bildung der Deichtorhallen. Birgit Hübner war beteiligt und Nana Kintz und Constanze Claus haben die Konferenz auf das Feinste organisiert. Dass diese innerhalb kürzester Zeit ausgebucht war, zeigt, wie groß der Bedarf an fachlichem Austausch auf den Gebiet der Kunstvermittlung ist. Auch nachdem ja bereits in Düsseldorf beim Symposium “Wem gehört das Museum?” ebenfalls die Kunstvermittler zusammenkamen.  An dieser Stelle möchte ich mich auch noch einmal explizit dafür bedanken, dass ich mich in Hamburg als Bloggerin akkreditieren konnte.  Es ist super, dass es Audio- und Videomitschnitte von der Konferenz gibt. Aber wenn man es über die sozialen Netzwerke streuen kann, erreicht es noch einmal einen größeren Kreis. Und ich hatte schon jede Menge aufmerksame Mitleserinnen und Mitleser meiner Tweets während der Tagung.

Die Jugend, die Jugend.

Sagenhaft, diese Performance der beiden Schülermanager, die aus der Tonhalle Zürich nach Hamburg kamen. Dieses Konzept hatte Ilona Schmiel bereits für das Beethovenfest erfunden und dann mit in die Schweiz genommen. Mittlerweile hat sich da ein sehr vielversprechendes Modell entwickelt, das vormacht, wie man junge Menschen für Kultur begeistern kann. Die Schülermanager dürfen eigene Events gestalten und haben vor allem Zugang zu allen Akteuren und Inhalten der Tonhalle. Das ist bestimmt eine Herausforderung. Aber wenn man das ernsthaft lebt, kommt ein großartiger Output dabei rum, wie Philipp und Sian erfolgreich beweisen konnten.

Ein besonders interessanter Moment: als aus dem Publikum die Frage an die beiden auf dem Podium kam, wie sie es z.B. fänden, wenn Mozarts Requiem gerappt würde. Da antworteten die ganz souverän. Sowas könnte man machen, es müsse aber schon gut sein. Und sie plädierten sehr dafür, dass man sich später aber unbedingt auch mit dem Original beschäftigen müsse. Beide waren natürlich mit allen Anwesenden einig, dass es nichts Peinlicheres geben könne, als schlecht gemachte und aufgesetzte „junge“ Versionen von klassischer Musik. Übrigens kann man die Schülermanager auch buchen. Wenn man z.B. als Institution vorhat, ein innovatives Format für junge Leute zu entwickeln. Dann helfen sie, damit es gut wird! Das finde ich großartig!

Fabelhaftes Catering auf der Konferenz “Hallo Vermittlung” und ein schönes Symbolbild für den Perspektivwechsel, auch mal Ungewöhnliches miteinander kombinieren!

Zweitens: Es gibt so viele spannende Projekte –  Vernetzung ist super.

Natürlich erarbeitet jede/jeder vor Ort ein eigenes maßgeschneidertes Programm für die Vermittlungsarbeit. (Ich bin mir übrigens unsicher, wie ich die Idee des  lab bode finden soll, bei dem ja Vermittlungsformate in Form von Prototypen entwickelt werden, die übertragbar sein sollen.) Dennoch stellt man immer wieder fest, dass der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen neue Impulse bringt. Und wer, wenn nicht die Vermittlungsexperten sind perfekt im Anpassen toller Ideen auf die eigenen Anforderungen. Mir ging es nicht nur einmal so, dass ich dachte: Mensch, das klingt spannend, ist aber bislang an mir vorbeigegangen.

Die Erfahrungen mit Programmen für Menschen mit Demenz, wie sie durch Sibylle Kastner und Michael Ganß vorgestellt wurden, sollten zum Beispiel noch viel breiter gestreut werden. Denn das ist tatsächlich eine große Herausforderung, die auf die Kunstvermittlung zukommt. Über kurz oder lang wird man sich dieser Aufgabe allein schon wegen der demografischen Veränderungen stellen müssen. Gut, wenn man dann das Rad nicht neu erfinden muss. Denn nicht nur am Lehmbruck-Museum sondern auch in anderen Häusern ist da schon vorgearbeitet worden. Ich habe hier schon mehrere Interviews dazu geführt.

Das Rad komplett neu erfinden muss man allerdings bei der Kunstvermittlung im digitalen Raum. Wobei – so ganz stimmt das nicht. Denn ich sehe da eigentlich dieselben Notwendigkeiten wie im analogen Raum. Und es gibt sie doch, die guten Ansätze. (Sehr vermisst habe ich einen Beitrag vom Städel auf der Konferenz!)  Janine Burger vom ZKM Karlsruhe hat mich in ihrem Kommentar unten ja berichtigt und darauf hingewiesen, dass die von mir vermisste Berichterstattung über das digitale Vermittlungsprojekt mit dem Dortmunder U noch gar nicht im Netz sein kann, weil es noch nicht stattgefunden hat. Das hatte ich falsch verstanden. Wahrscheinlich bin ich auch zu neugierig auf solche Projekte, dass ich ungeduldig werde. Aber dennoch möchte ich an dieser Stelle noch einmal dazu auffordern, dass man solche Ansätze dringend mehr nach außen kommuniziert. Ich weiß, dass das Arbeit macht. Aber wenn man im digitalen Raum selbstverständlich agiert und sich vernetzt, dann wird das irgendwann einfacher. Und ich freue mich über jeden weiteren Hinweis hier in den Kommentaren darüber, was ich alles übersehen habe. Oder wenn noch andere Projekte in Planung sind: bitte gerne auch davon berichten.

Drittens: Digitalien ist für Kunstvermittler immer noch Neuland.

An dieser Stelle muss ich natürlich auf meinen kleinen Aufreger während der Konferenz zu sprechen kommen! Wer mag, kann sich den Vortrag von Prof. Ralf Lankau noch einmal auf der oben verlinkten Seite der Konferenz anhören. Mir sind besonders zwei seiner Aussagen aufgestoßen, die ich dann auch nicht unwidersprochen stehen lassen wollte. Er sagte, dass ein Lernen am Bildschirm nicht möglich sei. Und er ist der Überzeugung, dass man verhaltensgestörte Kinder heranzüchtet, wenn man ihnen erlaubt, sich an einen Bildschirm zu setzen. Obwohl er sich selber direkt als Advocatus diabolis bezeichnete, fürchte ich, er meinte schon ernst, was er dort vortrug. Und ich hatte den Eindruck, dass viele der Anwesenden ihm beipflichteten.

Es folgt eine Leseempfehlung für alle, die sich vorwagen wollen.

Was für ein Glück, dass der von mir sehr geschätzte Pädagoge André Spang gerade einen Blogbeitrag verfasst hat, in welchem er noch einmal ausführlich die Chancen der Digitalisierung auflistet. Ich lege diesen Beitrag allen Kunstvermittlern sehr ans Herz, auch wenn er auf Schule und Lehrer ausgerichtet ist. Im Beitrag enthalten ist eine – wie ich finde – äußerst gelungene Infografik, die 10 Punkte auflistet, warum Lehrerinnen und Lehrer sich aktiv mit der Digitalisierung auseinandersetzen sollten. Punkt 1: Die Digitalisierung betrifft uns alle. (Das war ziemlich genau das, was ich in meinem Kommentar zum Vortrag von Prof. Lankau in den Raum stellte.) Auch spannend ist Punkt 4: Wenn Schule sich der Digitalisierung verweigert, dann überlässt sie die Kinder den Tech-Konzernen.  Natürlich lässt sich das nicht eins zu eins auf Kunstvermittlung übertragen. Es macht aber deutlich, wie weit der Vortrag von Herrn Lankau von einem innovativen Bildungsverständnis entfernt war. Was ich in diesem Zusammenhang als Aufgabe für mich von der Konferenz mitnehme: ich muss mehr zum Thema Kunstvermittlung im digitalen Raum bloggen.

Der Wandel zum offenen Museum ist ein Prozess, der den Diskurs benötigt.

Viertens: Es hängt alles am Gelde.

Leider ist die Kulturbranche geprägt von einem weitreichenden Mangeldenken. Es gibt einfach immer zu wenig Geld. Manchmal ist das Geld vielleicht auch ungerecht verteilt. Ich finde es schade, wenn sich die einzelnen Akteure der Kultur in Konkurrenz zueinander verstehen. Das Argument, dass man irgendwann keine Kunst mehr zu vermitteln habe, wenn das ganze Geld in Vermittlungsprojekte gepumpt würde, ist mir schon mehrfach begegnet. Klar, das ist eine Rechnung, die man aufmachen kann, wenn man den Kuchen der Fördermittel sieht und da plötzlich relativ große Stücke in eine Richtung wandern. Und wenn jetzt noch Ressourcen für das Digitale freigeschaufelt werden sollen – auweia.

Allerdings muss man vielleicht in Zukunft ganzheitlicher denken und nicht in voneinander getrennten Ressorts. Der 360-Grad-Blick wird ja allenthalben gefordert. Das gilt natürlich auch für die inneren Strukturen. Und ganz besonders für den “educational turn”. Allein, der viel beschworene Wandel, er braucht Zeit. Und ich bin überzeugt davon, dass solche Konferenzen wie “Hallo Vermittlung” – und hoffentlich noch viele weitere dieser Art – den Diskurs in Schwung bringen und damit auch zum Wandel beitragen.

Es gibt viel zu tun, packen wir es an!

Und weil dies hier nur meine Sicht auf die Konferenz ist, empfehle ich denausführlichen Bericht, den Melanie von Bismarck drüben bei der Körber-Stiftung veröffentlicht hat.

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11 Comments

  1. Liebe Anke von Heyl, danke für den Post! Ich hoffe auch, dass es noch weitere Veranstaltungen dieser und ähnlicher Art geben wird; der Diskussionsbedarf ist ganz offensichtlich groß. Herzliche Grüße!

    • Liebe Nana Kintz,

      ich bin gespannt, was sich noch so tut. An Inhalten mangelt es ja nicht. Einstweilen lade ich auch gerne ein, hier in den Kommentaren weiterzudiskutieren.

      Viele Grüße
      Anke

  2. Vielen Dank liebe Anke für deinen interessanten Tagungsbericht über Kunstvermittlung. Deinem Fazit: Analog und Digital schließen sich nicht aus! stimme ich unbedingt zu! Social Media gehört längst zu meiner Kommunikation im Alltag dazu. Ich freue mich, dass ich immer wieder neue Facetten kennenlerne. Warum sollte ich diese Art der Kommunikation im Museum ausklammern? Rembrandt hat sicher große Freude daran, einmal mit mir das Gesicht zu tauschen! Ich hab mit Gruppen Snapchat im Kunstmuseum ausprobiert und wollte schon längst mal drüber bloggen. Das sollte ich wirklich mal tun.
    Herzliche Grüße aus Stuttgart von einer analog-digitalen leidenschaftlichen Kunstvermittlerin Andrea

    • Liebe Andrea,

      ich folge dir auch immer sehr gerne auf allen Kanälen. Au ja, bitte berichte mal von deinen Erfahrungen mit Snapchat im Kunstmuseum.

      Herzlichst
      Anke

  3. Liebe Anke, vielen Dank für Deinen schönen Artikel! Ich habe nur eine kleine Anmerkung – Unser “Urban Blind Date”-Projekt , das wir im Rahmen von smARTplaces, u.a. mit dem Dortmunder U durchführen, hat noch nicht begonnen! Wir sind gerade in der Startphase 😉 Aus diesem Grund gibt es auch noch nichts zu sehen. Vermutlich kannst Du in den nächsten Monaten erste Ergebnisse auf Instagram finden. Ganz herzliche Grüße aus dem ZKM, Janine

    • Liebe Janine,

      oh, dann hatte ich das falsch verstanden. Danke für den Hinweis. Und ich bin dann mal doppelt aufmerksam und schon ganz gespannt, was ihr da macht. Super, wenn ihr dann darüber berichtet.

      Herzlichst
      Anke

  4. Liebe Anke von Heyl,
    danke für den schönen Post! Auch ich finde, dass Kunstvermittlung im digitalen Raum mehr Aufmerksamkeit benötigt und nicht ausgeschlossen werden darf. Ich setze mich auch in meiner Doktorarbeit damit auseinander-mit dem Schwerpunkt auf Kindern und Jugendlichen. Eine tolle Quelle für aktuelle Beispiele finde ich den Newsletter von Pausanio (ist aber nicht immer nur für Kunstvermittlung). Außerdem wird bald der Blog https://aktuellkulturell.wordpress.com/ anlaufen, auf dem ich auch einiges zu dem Bereich posten werde. Vielleicht schaust du ja in einigen Tagen mal vorbei…
    Beste Grüße aus München, Anja

    • Liebe Anja,

      das klingt toll, ich freue mich über mehr Kunstvermittlerinnen im Netz und vor allem über mehr Austausch. An deiner Doktorarbeit bin ich sehr interessiert. Wirst du da mal ein paar Einblicke auf dem Blog gewähren? Ich habe es auf jeden Fall schon mal abonniert und bin ganz gespannt …

      Herzlichst
      Anke

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