Gemeinsam Kunst genießen. Museumsprogramme für Menschen mit Demenz. Teil 1

Wenn über die Zukunft der Museen gesprochen wird, dann geht es oft um die digitalen Räume. Das ist spannend und man muss da auch sicher gute Konzepte parat haben. Gleichzeitig gilt es aber, den gesellschaftlichen Wandel in seiner ganzen Komplexität zu betrachten.

Altersdemenz ist so ein Thema, mit dem man sich in Zukunft noch mehr wird befassen müssen. Seit ich in mehreren Kreativ-Workshops mit Ehrenamtlern gearbeitet habe, die mir von ihrem Arbeitsalltag in den entsprechenden Einrichtungen erzählt haben, beschäftigt mich die Frage, wie man Menschen mit Demenz einen Zugang zur Kunst gestalten kann. Deswegen hatte ich schon länger die Idee, mich einmal umzublicken, was es auf diesem Gebiet schon an guten Ideen gibt. Und wie das so ist: wenn man erst einmal anfängt… Deswegen wird da jetzt eine Serie draus!

Vor einiger Zeit las ich das Buch “Farben im Kopf“, das zum Angebot des Bonner Kunstmuseums geschrieben wurde und das viele Praxisbeispiele enthält.  Und ich weiß, dass es in der Museumslandschaft noch eine ganze Reihe weiterer fantastischer Projekte gibt. Jetzt passte es und ich habe kurzerhand die Kolleginnen und Kollegen zu einem kleinen Interview gebeten, die hier sehr aktiv sind. Das Thema ist wahnsinnig komplex. Und es kam eine Menge spannender Input zusammen.  Also, los geht es mit den ersten beiden Kolleginnen. Das Frankfurter Städel und die Kölner Museen stehen auch schon parat und kommen dann im nächsten Beitrag an die Reihe.

Am Bonner Kunstmuseum werden unter der Leitung von Sabina Leßmann Museumsworkshops für Menschen mit demenzieller Veränderung angeboten. Das Konzept besteht aus dem Erlebnis der Kunst in der Sammlung und anschließend praktischem Arbeiten in der Werkstatt.

Und im Duisburger Lehmbruck Museum arbeitet Sybille Kastner mit ihrem Team an dem Thema. (Das wunderbare Titelbild kommt von ihr!)
Mit ihrer Arbeit auf diesem Gebiet konnte Sybille sich in ein Forschungsprojekt einbringen, zu dem kürzlich eine Publikation erschienen ist. Darüber wird sie noch etwas mehr erzählen. Und ich habe vor, die Publikation in einem gesonderten Blogbeitrag noch einmal vorzustellen.

Seit wann beschäftigt ihr euch mit der Zielgruppe „Menschen mit Demenz“ und was war der Impuls dafür, dies zu tun?

Sabina Leßmann: Wir haben im Kunstmuseum Bonn in den frühen Neunzigerjahren mit sogenannten „Seniorenprogrammen“ angefangen. Dies waren Kurse und monatliche Treffs, aber auch feste Kooperationen mit dem damaligen Bereich „Senioren der Bonner Volkshochschule“. Die damalige Vielfalt der Angebote ermutigte uns, ein Seniorenfest mit einem bunten Programm und vielen Bonner Initiativen im Museum zu veranstalten, ein solches haben wir dann 2009 noch einmal zusammen mit der Bonner Altenhilfe ausgerichtet.

Der Kollege des Sozialamts, mit dem ich das Fest organisierte, war schwerpunktmäßig für Demenzberatung zuständig. Bei der Vorbereitung stand bereits im Raum, dass die Hürden für eine Teilnahme für viele Menschen leider zu hoch sein würden. Er war sofort mit im Boot, Museumsbesuche für Menschen mit Demenz gemeinsam zu entwickeln und anzubieten. Kurz darauf bot sich die Gelegenheit, auf einer Tagung die Angebote für Menschen mit Demenz des Duisburger Lehmbruckmuseums kennenzulernen. Das hat uns sehr ermutigt, und so starteten unsere Workshops FARBEN IM KOPF – nach einer doch relativ langen Vorbereitungszeit, vielen Fortbildungen, Hospitationen und Gesprächen – gemeinsam mit der Bonner Altenhilfe im Frühjahr 2011.

Sybille Kastner: Im Lehmbruck Museum Duisburg wurde das bereits seit vielen Jahren bestehende Angebot an Führungen für Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen 2006 durch ein Konzept für die Zielgruppe der Menschen mit Demenz weiterentwickelt. Anlass war die persönliche Situation meiner Kollegin Friederike Winkler, freie Kunstvermittlerin im Lehmbruck Museum, deren Mutter an Alzheimer erkrankt war. Sie suchte eine Möglichkeit, mit ihrer Mutter gemeinsame Erfahrungen zu teilen und so den Kontakt zu ihr aufrechtzuerhalten.

Die Beobachtung, dass durch Anschauung von Kunst und durch persönliche Ansprache Erfahrungen geteilt werden können, brachte Sinn in die gemeinsamen Unternehmungen, das Gefühl, etwas Richtiges zu tun und auch die Möglichkeit, zusammen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Dann wurde auf einer von uns gemeinsam besuchten Tagung zum Thema Kultur und Alter ein Theaterprojekt mit Menschen mit Demenz vorgestellt. Das begeisterte uns, machte uns Mut und setzte letztendlich den Impuls, ein Konzept für die Kunstvermittlung für Menschen mit Demenz zu entwickeln. Im Januar 2007 fand dann die erste Führung im Lehmbruck Museum statt.

Wir haben dieses erste Konzept und unsere Erfahrungen bereits ab 2010 an viele andere Museen weitergegeben, weil wir der Ansicht waren, dass es sinnvoll ist, diese Wissen in einer Gesellschaft, die sich demografisch sehr schnell verändert zu teilen und kein exklusives Leuchtturmprojekt oder eine Marke daraus zu machen. Unter den ersten Häusern die sich für das Konzept interessierten waren die Kunsthalle Bielefeld, die Bundeskunsthalle und das Kunstmuseum in Bonn, sowie das LWL Landesmuseum für Kunst und Kultur in Münster.

Wir unterrichteten auch in der Weiterbildung Kultugeragogik in Münster. Daraus sind dann viele neue schöne Dinge mit unterschiedlichen Schwerpunkten entstanden. Sabina Leßmann beispielweise fokussiert im Kunstmuseum Bonn den Aspekt der ästhetischen Praxis, Daniel Neugebauer hat das Konzept nach Holland ins Van Abbe Museum gebracht und Jochen Schmauck- Langer in Köln ist sehr aktiv im Bereich Netzwerkarbeit und bildet Kulturbegleiter aus. Diese Vielfalt ist wichtig um Menschen mit Demenz Wahlmöglichkeiten der kulturellen Teilhabe zu bieten.

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Sybille Kastner mit einer Teilnehmerin im Lehmbruck Museum.

Im Jahr 2012 starteten wir, zwei Forscher des International Instituts for Subjectiv Experience and Research (ISER) an der Medical School Hamburg (MSH), Michael Ganß, Prof. Peter Sinapius und ich, ein wichtiges Forschungsprojekt, das eine wissenschaftliche Basis und damit hoffentlich eine noch vielfältigere kulturelle Teilhabe und größere Akzeptanz der Zielgruppe vorantreiben sollte.

Die von der MSH durchgeführte dreijährige, wissenschaftliche Studie untersuche erstmalig die Kunstvermittlung für Menschen mit Demenz unter Berücksichtigung der didaktischen Methoden, der Besonderheiten in der Kommunikation, sowie der Auswahl der Werke und ihrer Präsentation und evaluierte ein Schulungsmodell für Kunstvermittler an 11 großen Museen in Deutschland. Mit der Studie haben sich viele Türen vielleicht auch bei eher skeptischen Kollegen geöffnet und die Anzahl der Museen, die Programme für Menschen mit Demenz anbieten ist erfreulich große geworden. Die Ergebnisse sind im April 2016 in Buchform erschienen.

Im eigenen Revier arbeiten wir in engen Netzwerken zusammen: Das Angebot „RuhrKunstMuseen sinnlich erleben“ entstand im Rahmen des Bundesprogramms „Lokale Allianzen für Menschen mit Demenz“ unter der Leitung des Lehmbruck Museums. Kunstvermittler und soziale Partner arbeiten hier auf lokaler Ebene eng zusammen und tauschen sich bei der Entwicklung und Verbreitung von Museumsangeboten für Menschen mit Demenz regelmäßig ausIn 11 RuhrKunstMuseen und vier weiteren Museen der Region sind Besucher mit dementiellen Veränderungen mit ihren Angehörigen und Betreuern nun herzlich willkommen. Zum Projekt „RuhrKunstMuseen sinnlich erleben“ findet am 26. August 2016 eine internationale Konferenz im Lehmbruck Museum statt.

Auch der internationale Austausch ist uns wichtig. Auf den Impuls des Marino Marini Museums in Florenz hin begannen wir im November 2015 mit einem EU Projekt, dessen Thema der Austausch über alternative Wege der Kommunikation für Menschen mit Demenz durch die Mittel der Kunst ist. An dem Projekt nehmen neben dem Lehmbruck Museum sozialen Institutionen und Museen aus den Partnerländern Italien, Irland und Litauen teil. Die Webpräsens befindet sich derzeit im Aufbau.

Ich gehe hier mal davon aus, dass es sich bei den Nutzern der Angebote um Betroffene mit maximal mittelschwerer Demenz handelt. Welche Begriffe beschreiben diese Besucher mit besonderen Bedürfnissen am besten?

Sabina Leßmann: Wenn man es ein wenig verallgemeinern darf: Sie sind offen und neugierig, so dass sie sich von der Kunst und auch dem eigenen Malen oder Gestalten mitnehmen lassen; sie sind schutzbedürftig und vertrauensvoll. Ihre physische Belastbarkeit ist sehr begrenzt, und doch wollen sie oft ‚alles‘. Sie sind hochsensibel: für Störungen, für Willkommen Sein, für Bilder-Geschichten, für Schönheit und Freude. Ich würde sagen, sie spüren enorm die Kraft der Kunst und die Wertschätzung, die ein Museum ausstrahlt.

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Momentaufnahme aus dem Bonner Kunstmuseum.

Sybille Kastner: Zunächst einmal kann der Schweregrade einer Erkrankung für mich als Kunstvermittlerin kein Kriterium für die Nutzung eines Angebots sein. Ich entscheide auch gar nicht darüber, denn das Museum steht im Prinzip jedem offen. Menschen mit Demenz kommen, wenn sie es alleine nicht mehr können, in Begleitung. Es ist also eine Übereinkunft zwischen diesen beiden Besuchern an diesem Tag gemeinsam Kunst genießen zu wollen, die ich nicht in Frage stelle.

Meine Aufgabe als Kunstvermittlerin sehe ich darin passende Angebote für alle Besuchergruppen zu schaffen und, wo nötig, Barrieren wegzuräumen, nicht aber nach Details von Diagnosen zu fragen. Wir fragen genauso wenig nach dem Schweregrad einer Demenz wie wir nach der Schwere des Schnupfens anderer Besucher fragen würden.

Menschen, die mit Demenz leben, sind mit einer Beeinträchtigung ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit konfrontiert. Ihr Handicap besteht darin, kognitive Anforderungen stark verlangsamt und zum Teil auch gar nicht mehr erfüllen zu können. Deshalb bereiten ihnen Ansätze der Kunstvermittlung Probleme, bei denen es vorwiegend um Wissensvermittlung geht.

Man kann die Zielgruppe der Menschen mit Demenz dennoch schlecht mit wenigen Begriffen charakterisieren. Zu uns kommen zum Teil noch recht junge Menschen mit einer beginnenden Demenz, die in keiner Besuchergruppe groß auffallen würden. Eine Dame kommt beispielsweise regelmäßig alleine auf ihrem Fahrrad. Es kommen aber auch Hochbetagte oder Menschen mit einer weit fortgeschrittenen Demenz, die sich sprachlich nicht mehr artikulieren können und deren Reaktionen ich an eventuell sehr subtilen körpersprachlichen Äußerungen ablesen muss.

„Die Demenz“ gibt es nicht, sie ist so individuell wie Menschen nun mal sind.

In der Regel wird ja im Zusammenhang mit der Demenz viel von Dingen geredet, die nicht mehr gehen und die problematisch sind. Wenn man mal eine andere Perspektive auf das Thema einnimmt, kommen da auch positive Dinge ans Licht? Wie zum Beispiel eine gesteigerte Emotionalität, die ja vor allem im Hinblick auf die Kunstbetrachtung Vorteile bringen kann. Was habt ihr für Erfahrungen gemacht?

Sabina Leßmann: Alles ist sehr fragil. Ja, die Emotionalität ist groß, auch die Feinfühligkeit, wir erleben ihr Eintauchen in Gedankenwelten, in die wir nicht immer oder manchmal gar nicht folgen können. Aber, wenn auch anders gewichtet, dies kann auf Menschen ohne Demenz doch ebenso zutreffen.

Es ist eher so, dass im Museum etwas passiert, wie bei einem chemischen Prozess: die Kunst bietet Menschen mit Demenz mit ihren Befindlichkeiten und bei ihrer Suche nach einem ‚Hier und Jetzt‘ die Möglichkeit sich anzudocken. Und das Setting ‚Museum‘ mit seiner so speziellen Präsentationsform „Bild neben Bild neben Bild“, mit seiner Atmosphäre spielt eine ganz wichtige Rolle dabei.

Sybille Kastner: Es ist wahr, leider ist das Altersbild in unserer Gesellschaft und speziell das Bild von Demenz tatsächlich immer noch häufig sehr defizitär bestimmt, dabei tragen sie zu einem wichtigen Perspektivwechsel in der Kunstvermittlung bei. Gerade die besondere Perspektive der Menschen mit Demenz, ihre unkonventionelle Wahrnehmung und Deutung von Kunstwerken und ihre direkte und ehrliche Art der Kommunikation machen diese Führungen für mich immer wieder zu einem spannenden Erlebnis. Dabei spielt die Emotionalität sicherlich eine große Rolle aber nicht nur sie.

Menschen mit Demenz wir oft per se die Fähigkeit abgesprochen, sich intensiv mit Dingen auseinandersetzen zu können. Angebote werden als „niederschwellig“ bezeichnet, was oft mit geringem Anspruch gleichgesetzt wird und im schlimmsten Fall werden sie mit entsprechenden Formaten für Kinder verglichen. In unserer Studie betonte eine Vielzahl der von Demenz betroffenen Besucher jedoch, dass es für sie eine besondere Qualität der Führungssituation war, dass sie gefordert wurden und ihnen eine intensive Auseinandersetzung geboten wurde.

Auch für mich bedeutet der Vermittlungsansatz eine hohe Herausforderung: Ich muss mich in höchsten Maß offen halten für alles was kommt, ich kann mich eben nicht auf mein Wissen verlassen sondern muss bereit sein, mich auf ungewöhnliche Entdeckungen an einem Exponat einzulassen und kann so selber wieder zur Entdeckerin werden. Das ist durchaus sehr erfrischend und fördert manchmal Ebenen zutage, die ich vorher in einem Werk noch nie gesehen habe.

Menschen mit Demenz brauchen dazu eine Vermittlungsstrategie, die sinnesorientiert ist und ihnen unmittelbare Erfahrungen an den Kunstwerken ermöglicht. Die Vermittlerin muss Raum für Auseinandersetzungen schaffen, die nicht ausschließlich auf Sprache basieren. Wir sind es ja gewohnt, eine Führung besonders dann als gelungen zu empfinden, wenn wir auf unsere Impulse viel und schnelles Feedback auf sprachlich hohem Niveau bekommen. Dieses Wertesystem funktioniert hier garantiert nicht. Der Umkehrschluss, also wenig verbale Auseinandersetzung = schlechte Führung wäre fatal und frustrierend. Folglich muss ich meine Haltung hinterfragen und meine Aufmerksamkeit gegenüber dem Besucher schulen. Das kann, so glaube ich, generell keiner Kunstvermittlerin schaden.

Hat die Arbeit mit den Menschen mit Demenz auch die Sicht auf die Kunstvermittlung allgemein beeinflusst?

Sabina Leßmann: Auf jeden Fall. Zu Beginn waren Sätze wie „Macht das denn Sinn?“ oder „Passt denn das zum Image unseres Hauses?“ hier und da zu hören. Das ist wirklich Vergangenheit.

Wir haben die große Schatzkammer des Museums und seine Atmosphäre neu wahrgenommen, und damit meine ich das ganze Museumteam. Wertschätzung ist zu einem zentralen Begriff hinsichtlich unserer BesucherInnen mit ihren vielen unterschiedlichen Bedürfnissen, Wünschen oder Einschränkungen geworden. Wir haben z.B. auch geschafft, die Toilette eines unserer Werkräume behindertengerecht umzubauen. Ich bin sicher, auch in Zukunft werden noch viele kleine Wunder geschehen.

Sybille Kastner: Für mich selbst kann ich das auf jeden Fall behaupten. Führungen mit Menschen mit Demenz schulen meine Kompetenzen in Bezug auf eine aufmerksame und wertschätzende Kommunikation.

Im Lehmbruck Museum sind die Ergebnisse der Studie jedoch auch in weitere Bereiche der Kunstvermittlung eingeflossen. Frau Thümler und ich kuratieren in der Abteilung Vermittlung eigene Ausstellungen unter spezifischen didaktischen Gesichtspunkten.

Die Ausstellung „BLACKBOX – Ein Spiel mit Wahrnehmung und Deutung“ rückte 2015 die sinnliche Wahrnehmung selbst in den Vordergrund. Sie sah den Besucher nicht nur als passiven Betrachter, der etwas entgegennimmt, er hatte vielmehr die Rolle das Wissen, das in dem Kunstwerk wie in einer BLACKBOX eingeschlossen ist in eine subjektive sinnliche Erfahrung zu überführen. Auf diese Weise wird eine subjektive Wirklichkeit erzeugt, die man erst mal nicht in Frage stellen kann. Aber auch die Deutungshoheit wird so in die Hände des Besuchers gelegt, denn es geht ja um seine Sinneswahrnehmung.

Die Grundannahmen für diese Ausstellung haben wie z.T. aus der o.g. Studie abgleitet, sie sind aber grundsätzlich für die Kunstvermittlung interessant und emanzipieren den Besucher. Unsere Vermittler, auch die, die nicht mit Menschen mit Demenz arbeiten, setzten sich durch das Ausstellungskonzept mit besucherzentrierten, sinnesorientierten Vermittlungsstrategien auseinander, die für ganz unterschiedliche Besuchergruppen gute Zugänge zur Kunst schaffen können. Wissensvermittlung wurde deshalb ja nicht ausgeschlossen. Den Diskurs darüber welche Ziele wir in der Kunstvermittlung verfolgen finde ich sehr wichtig, er wird aber zu wenig geführt.

Deshalb habe ich mich besonders über eine Rahmenveranstaltungen in der Ausstellung gefreut, zu der wir Herrn Professor Ullrich einladen konnten um über mit ihm über seine Thesen zur potentiellen Banalisierung der Kunstvermittlung diskutiert haben. Es ist wichtig, darüber öffentlich und nicht hinter vorgehaltener Hand zu debattieren und genau hinzuschauen ob etwas wirklich banal ist oder aber bei genauerem Hinsehen gerade äußerst interessant und bereichernd.

Mich interessieren die entscheidenden Aspekte der Kunstwerke, wenn das Angebot entwickelt wird. Welche Parameter müssen erfüllt sein?

Sabina Leßmann: Das fragt man wohl lieber die Gäste selbst. Sie haben uns schon in Räume gezogen, von denen wir dachten, dass wir sie besser meiden: zu bunt, zu wild, zu viel Chaos. Aber natürlich startet man – aus eigener Absicherung heraus – mit Landschaften, mit narrativen und farbenfrohen Gemälden der Klassischen Moderne etc., das ist verständlich. Ich würde immer raten, Wissen über mögliche Wahrnehmungsbeeinträchtigungen und Farbkontraste im Hinterkopf zu haben und sich dann letztlich intuitiv auf die eigene Wahl zu verlassen.

Stelle Stühle vor das Kunstwerk, das dich selbst elektrisiert, es wird sich dort etwas entwickeln, du hast etwas zu verschenken, was auch als Geschenk wahrgenommen werden wird. Das sind im Kunstmuseum Bonn dann eben auch monochrome Kunstwerke oder chaotisch wirkende Räume.

Der Arm, den du dann anbietest zum gemeinsamen Durchwandern, verknüpft mit deiner Begeisterung, der ist wichtig.

Sybille Kastner: Wenn Sie die Begriffe Inklusion und Teilhabe ernst nehmen, sollten Sie auf keinen Fall ein Kunstwerk von vorneherein kategorisch ausschließen. Wie komme ich eigentlich dazu für jemanden zu entscheiden was für ihn gut ist?

Wenn ich mich von vorneherein auf bestimmte Kunstwerke festlege („das funktioniert doch immer gut“) dann verpasse ich u.U. den spannenden Moment in dem ein Besucher etwas Ungewöhnliches entdeckt, etwas womit ich nicht gerechnet habe. Ich bin fixiert auf meinen Plan und das würde mir den Boden unter den Füßen weg ziehen – ist mir selbst übrigens schon öfters passiert.

Dennoch gibt es Aspekte über die man nachdenken sollte: Ist das Kunstwerk gut sichtbar, groß genug, kontrastreich, spielgelt die Haube vielleicht usw. Da aber nicht alle Menschen mit Demenz hochaltrig sind, sind auch nicht alle gleichermaßen von Seh- oder Höreinschränkungen betroffen. Grundsätzlich ist erlaubt was interessiert – am besten Besucher und Vermittler gleichermaßen

Teilhabe ist ein zentraler Begriff, wenn es um Menschen mit Demenz geht. Was kann darüber hinaus noch ein wichtiger Gedanke in diesem Zusammenhang sein?

Sabina Leßmann: Freude, Genugtuung, Neues, Welterleben, Miteinander, Erfolgserlebnisse, Stimulation, Wahlmöglichkeit, Wertschätzung, Herausforderung, Abwechslung, Freiheit. Aber „Teilhabe“ meint ja alles dies potentiell zur Verfügung zu haben. Wichtig erscheint mir die Selbstverständlichkeit dieser Teilhabe.

Sybille Kastner: Der Alltag von Menschen mit Demenz ist meist geprägt von Angeboten die Betreuungscharakter haben. Nur selten geht es um wirklichen Dialog oder ein sich gegenseitig bereicherndes Miteinander. Damit, dass sie einen Beitrag zu unserem gesellschaftlichen Leben leisten können und wollen wird erst recht nicht gerechnet.

Eine Demenz bedeutet jedoch keine Einschränkung für eine gemeinsame Auseinandersetzung mit Kunst. In einer gelungenen Vermittlungssituation sind die Sichtweisen eines jeden gleichermaßen berechtigt und gefragt. Wir sollten Menschen mit Demenz in Zukunft jedoch nicht nur in Führungen einbeziehen, sondern bereits bei der Planung und Konzeption von Angeboten, sowie bei Schulungen von Kunstvermittlerinnen und Vermittlern. Hier können Betroffene mit einer beginnenden Demenz sehr wertvolle Berater sein.

Auch wird immer wieder nach Effekten bezüglich einer kognitiven Verbesserung gefragt. Dieser Blick ist meines Erachtens bedauerlich. Wenn ich ins Museum gehe, tue ich das doch auch nicht, weil ich mir einen Effekt auf meine Gehirnleistung erhoffe, sondern aus Lebensfreude oder weil ich einfach etwas Schönes, mich Bereicherndes erleben möchte.

Welche strukturellen Voraussetzungen sind notwendig, um Programme für Menschen mit Demenz im Museum zu ermöglichen?

Sabina Leßmann: Ein gutes Team. Diese Projekte sollte niemand alleine stemmen müssen, sie wachsen durch ein Miteinander im Museum mit vielen Beteiligten, Organisierenden, AnsprechpartnerInnen und Begleitenden. Offenheit und Austausch sind enorm wichtig.

Und natürlich ist ein solides finanzielles Fundament unverzichtbar. Ein gutes Netzwerk mit Einrichtungen, Trägern, engagierten Menschen stützt und sorgt für Kontinuität. Und ich behaupte mal, vieles Andere wächst dann von selbst.

Sybille Kastner: Ich glaube, dass harte Fakten wie die bauliche Barrierefreiheit für Zielgruppen, die auf Rollstühle oder Rollatoren angewiesen sind wirklich ein sehr großes Problem sein können.

Ansonsten vertrete ich den Standpunkt, dass die meisten strukturellen Voraussetzungen zum Aufbau eines Vermittlungsformats für Menschen mit Demenz in den Museen bereits vorhanden sind. Schließlich handelt es sich hier um etwas das so Ungewöhnliches ja nicht ist. Die allermeisten Museen haben heutzutage Erfahrungen mit Angeboten für Menschen mit besonderen Bedürfnissen, wie etwa Menschen mit Seh-, oder Höreinschränkungen.

Ich finde es wichtig, das gesamte Museumsteam mit ins Boot zu holen und mit sozialen Partnern aus der Region zusammen zu arbeiten. Vermittler können sich gut vorbereiten indem sie in Schulungen Strategien lernen, die ihnen helfen mit Unsicherheiten gegenüber er Zielgruppe umzugehen. Vielleicht gibt es vor Ort auch eine Selbsthilfegruppe für Frühbetroffene. Damit hätten Sie die besten Berater an Ihrer Seite.

 

Wunderbar. Ganz herzlichen Dank, liebe Sabina und liebe Sybille. Ihr habt mich schon sehr begeistert mit eurem Engagement!

Nun folgt bald der zweite Teil meiner kleinen Runde durch die Programme für Menschen mit Demenz. Bleibt also dran! Gerne sammele ich hier in den Kommentaren auch Fragen oder eigene Erfahrungen mit dem Thema. Es wäre super, wenn das Vorbild auch weiter Schule macht.

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11 Comments

  1. Liebe Anke,
    vielen Dank für diesen Beitrag!
    In mir schlagen die Gedanken Purzelbäume… wenn ihr Puls wieder normal ist 😉 , melde ich mich ausführlicher.
    LG,
    Sabine

  2. Liebe Anke,
    das ist ein interessantes Thema, vielen Dank für den Artikel! Mich selbst – wobei ich die Banalitätsdiskussion noch frisch im Kopf habe – fesselt nicht so sehr die Frage: “Wie kann man alle Persönlichkeitsgruppen, also auch Demenzkranke, am Museum teilhaben lassen?”, sondern ich frage mich eher: “Was kann gerade die Kunst für Demenzkranke an Anregung, Bereicherung, Inspiration bieten, was andere Dinge nicht können?” Da hat das Gespräch mit den beiden Museumspädagoginnen schon spannende Hinweise gegeben; ich freue mich auf die weiteren Folgen Deiner Serie!
    Eine schöne Woche,
    Maria

    • Liebe Maria,

      das ist ja auch meine Perspektive! Ich werde mir jetzt mal genauer ansehen, was die Forschung herausgefunden hat. Ich weiß, dass das Städel auch auf diesem Gebiet evaluiert bzw. mit der medizinischen Forschung zusammenarbeitet. Da werden wir dann sicher auch noch mehr Input erhalten.

      Viele Grüße
      Anke

  3. Liebe Anke,

    ein wunderbarer Artikel – für mich in mehrfacher Art! Einmal ganz persönlich, weil wir uns familiär mit diesem Thema auseinandersetzen mussten und ja, ich gestehe, daran habe ich nicht gedacht. Reize über Kunst auszulösen. Das werde ich beim nächsten Mal – ich hoffe, dass das in der Familie nicht so schnell wieder auftritt – anders machen. Denn auch wir konnten im KleinKlein feststellen, dass Aktivierung über Sinnesreize funktionieren kann. Wenn ich noch daran denke, als die Demenz auftrat und angenommen wurde, die Menschen im Fernseher sprächen direkt zum Dementen (aus seiner Sicht), was für eine Chance bietet da nun die Kunstvermittlung – toll!

    Gerade das Museum als sozialer Mediakit für die Gesellschaft, für ihre positiven wie negativen Facetten, finde ich sehr wichtig! Hier können Museen viel bewirken. Nur müssen ihnen dazu auch die Mittel zur Hand gegeben werden, in Form von Weiterbildung, Geld, Personal, aber auch, und das finde ich elementar, die Möglichkeit sowie den Willen die eigene Rolle in der Gesellschaft zu überdenken. Sammeln, bewahren, erforschen ist eine wichtige Facette, die andere ist für mich der Bezug zu den Menschen, zu der Gesellschaft, für die Museen integrativ wirken können.

    Gesellschaftspolitische Unterstützung ist gefordert, aber auch das Umdenken des Museums mehr auf die Menschen und ihre Bedürfnisse einzugehen. Das hat dann für mich nichts mit einer Verflachung des Niveaus à la Banalisierungsdiskurs zu tun, sondern mit der gelebten Aufwertung von Kunst und Kultur als wichtigen, integrativen und ethisch bildenden, ernst gemeinten Austausch. Wissenschaft und Vermittlung sind keine Antipoden, sondern können sich bereichern, so wie es von den von euch genannten Museen gelebt wird.

    Jetzt noch eine ganz pragmatische Frage, wer finanziert solche Programme? Und wäre es nicht angebracht, das weiter auszurollen? Können über diese Sinnesreize der Prozess der fortschreitenden Demenz verlangsamt werden?

    Gedanken über Gedanken! Merci für die Inspiration und danke für die Einblicke hier!

    Herzlich,
    Tanja

    • Liebe Tanja,

      ich denke, es wird sich in Zukunft auch immer mehr herauskristallisieren, dass man für solche und andere Programme extra Gelder benötigt. Das wird kein Haus aus dem laufenden Etat bezahlen können. Aber ich bin mir sicher, dass es für solche Programme viele Möglichkeiten gibt, Fördergelder zu beantragen. Vor allem, wenn es auch noch mit der Forschung kombiniert wird.
      Ich freue mich auf jeden Fall, dass es doch so viele tolle Angebote gibt und vor allem so viel persönliches Engagement, diese Dinge anzuleiern. Denn wie so oft, sind es meistens einzelne Vorstöße, die solche Sachen ans Laufen bringen.

      Herzliche Grüße
      Anke

    • Liebe Tanka Praske,

      die Finanzierung von solchen Programmen scheint zunächst ein Hindernis zu sein und oft ist die Frage danach die erste, die gestellt wird. Sie sollte aber aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden:

      Wenn ich als von Demenz betroffener Besucher Eintritt zahle, wie alle anderen auch, kann das auch bedeuten, dass ich mich auch wie ein normaler Besucher fühlen darf, also „für voll genommen“ werde. Ob ich finanziell dazu in der Lage bin oder nicht, hat nichts mit einer Demenz zu tun (Besuchern die den Museumsbesuch nicht zahlen können, sollte dies natürlich trotzdem ermöglicht werden). Außerdem können Angebote für Menschen mit Demenz so konzipiert werden, dass sie die Unkosten decken und sich selber tragen. Warum auch nicht? Senioreneinrichtungen sind angehalten, kulturelle Teilhabe zu ermöglichen und haben in der Regel ein Budget dafür. Man sollte außerdem gut überlegen, was es hinsichtlich der Nachhaltigkeit bedeutet, kostenfreie Angebote zu machen, denn nach dem Ende einer Förderung hat man ein Problem. Zum Aufbau eines Angebots ist es sicher sinnvoll Geld in die Hand zu nehmen für Schulungen, Supervision, für einen Flyer und ausreichende Zeit für kollegialen Austausch. Die sozialen Partner vor Ort können hier unter Umständen gut unterstützen.

      LG Sybille Kastner

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