„Gegen das Licht“ – Der große Glasmaler Georg Meistermann

„Ich finde das Bilder-Malen schwerer als das Fenster-Machen. Wenn man ein Verhältnis zur Architektur hat und eine Beziehung zu den Themen, die möglicherweise Ausgangspunkt für formale Lösungen sein können, dann hat man beim Fenster-Machen ja viele Anhaltspunkte, um zu agieren, zu handeln, überhaupt erst einmal anzufangen.“


Georg Meistermann, ein Junge aus Solingen, studiert in den Jahren 1930 bis 1933 bei Heinrich Nauen und Ewald Mataré an der Düsseldorfer Kunstakademie und gilt schon früh als äußerst talentiert. Jäh werden seine Studi-enjahre unterbrochen, als er von den Nationalsozialisten auf die Liste unerwünschter Künstler gesetzt wird. Das Verbot der Ausübungen seiner Kunst trifft ihn schwer. In den folgenden Jahren zieht er sich in seine Heimatstadt Solingen zurück, von wo er jedoch häufig zu Reisen nach Frankreich, Holland und England aufbricht. Natürlich studiert er in Frankreich die Kirchenfenster der großen Kathedralen sehr genau.
1938 erhält er den Auftrag, Glasfenster für die Kirche St. Engelbert in Solingen-Mangenberg zu entwerfen. Dies legt den Grundstein für eine außergewöhnliche Karriere als Glasmaler. Leider wird dieses frühe Zeugnis seiner künstlerischen Entwicklung im zweiten Weltkrieg zer-stört. Ebenso wie viele seiner frühen Bilder, die ihn als Anhänger der kubistischen Avantgarde ausweisen.
In der Folgezeit arbeitet er als Zeichenlehrer in Solingen und nach dem Krieg gilt er im Umkreis als einer der wichtigsten Künstler. Man widmet ihm in Wuppertal eine große Ausstellung und verleiht ihm den Hagener Osthaus-Preis. Endgültig zu einer Stimme in der kultu-rellen Stunde Null wird Meistermann aber durch den Beitritt zum 1950 neu gegründeten Deutschen Künstler-bund. Hier versammeln sich die durch den Krieg schwer traumatisierten Künstler. Deren Wille zum Neuanfang ist jedoch ungebrochen. Unter anderem heißt es in den Statuten: Der Deutsche Künstlerbund 1950 wird es als eine seiner vornehmsten Pflichten betrachten, die Freiheit der bildenden Künste wo und gegen wen auch immer zu verteidigen. Georg Meistermann wird später ab 1967 den Künstlerbund zunächst als Vorstandsmitglied, später als Vorsitzender bis 1972 leiten.
1949 hat die stetige Überzeugungsarbeit des umtriebigen Josef Haubrich endlich Erfolg. Meistermann übersiedelt nach Köln und arbeitet dort in seinem Atelier an fünf Fenstern für St. Markus in Wittlich. Sein erster größerer Auftrag und der Auftakt zu einer immerhin 70 Kirchen umfassenden Erfolgsgeschichte von Glasbildern beson-derer Güte.
Überhaupt wird Köln zu einem äußerst fruchtbaren Pflas-ter für den Solinger, der hier 1952 die Stephan-Lochner-Medaille erhält. Er knüpft zahlreiche Verbindungen und pflegt Freundschaften wie z.B. die mit dem damaligen Pressechef der Stadt, Hans Schmidt-Rost. Aus dieser engen Verbindung entsteht unter anderem ein ganz hübsches Büchlein mit dem Titel „Rund ums Museum“ für das Meistermann genial schnell hingeworfene Situationen aus den zerbombten Straßen der Kölner Innenstadt liefert. Als Georg Meistermann 1952 sein „Geschichtsfenster“ für den neuen Spanischen Bau entwirft, setzt er seinem Freund Schmidt-Rost ein Denkmal, indem er ihn zu den wichtigen Persönlichkeiten der Stadt Köln hinzufügt, die sich entlang seines abstrahierten Rheinlaufes im Fenster reihten. Damals gibt es ein wenig Unmut darüber, dass sich Schmidt-Rost neben historischen Figuren wie der Agrippina wiederfinden lässt.
Diese Querelen sind aber längst vergessen und so glänzt das 13 x 9 Meter messende Geschichtsfenster in seiner ungewöhnlichen Komposition heute im Treppenhaus des unlängst in seiner ganzen 50er-Jahre-Pracht renovierten Rathausbaus. Neben der Arbeit für die Stadtväter brilliert Meistermann auch mit einer 54 Quadratmeter messenden Glaswand im neuen Funkhaus am Wallrafplatz. Eine Arbeit, die seine Verwurzelung in der Stadt Köln manifestiert, auch wenn er zu diesem Zeitpunkt bereits als Gastdozent der Landeskunstschule Hamburg (1953), als Leiter der Klasse für freie Grafik an der Städelschule in Frankfurt (1954) und schließlich als Professor für freie Malerei an der Düsseldorfer Kunstakademie (1955) im Lande unterwegs war. Die Lehrtätigkeit nimmt Meistermann ungeheuer ernst und er wird von 1960 bis 1976 an der Kunstakademie in Karlsruhe zahlreiche junge Künstler ausbilden.
“Ich mache Propaganda für den christlichen Glauben, ich mache ganz sicher keine Propaganda für die Kirche”.
Georg Meistermann entwickelt eine besondere Liebe zur Ausstattung des sakralen Raumes. Dabei übersetzt er die Vorstellung traditioneller Lichtmetaphysik in die Sprache der Moderne.
Die Quintessenz seiner Auffassung sakraler Kirchenkunst stellt sich uns heute in dem Spätwerk Meistermanns dar, welches er für die romanische Kirche St. Gereon geschaffen hat. Das mächtige Dekagon der spätstaufischen Kirche strahlt noch heute eine Atmosphäre von klassischer Stärke aus, die Meistermann die Arbeit an seinen Glasgemälden nicht einfach macht, die ihn jedoch ohne Zweifel auch in seinen Bilderfindungen haben wird
1949 beginnt man mit dem Wiederaufbau und feiert schon bald wieder die erste Messe im Langchor der ro-manischen Kirche.
Die Wiederherstellung des zentralen Innenraumes von St. Gereon folgte einer Konzeption, die das Martyrium in den Mittelpunkt der Gestaltungsvorgaben stellte. Wilhelm Nyssen entwirf tdas theologische Gesamtprogramm für insgesamt 26 Fenster. Die Fenster der unteren Geschosse werden von Wilhelm Buschulte in einer figurativen und leicht lesbaren Bildsprache ausgestaltet.
In enger Zusammenarbeit mit der Firma Glasmalerei Gossel entstehen ab 1979 die Fenster für den Obergaden und den Ostchor von St. Gereon. Wie schon in der Farb-findung des Deckengewölbes hat Meistermann auch hier die Erscheinung des Heiligen Geistes in das Zentrum seines Zyklus gestellt. Das in der Apokalypse beschriebene Lamm steht im Osten des Dekagons im Mittelfenster, welches über einen abstrakten Lichtreflex die Idee des himmlischen Jerusalem andeutet. Das Mittelfenster im Westen ist ganz dem Heiligen Geist gewidmet und im kleinen Fenster darunter erscheinen die Heiligen Drei Könige. Die Fächerfenster des Obergadens deuten den Bereich der himmlischen Wesen an. Man muss sich schon sehr einsehen in die abstrahierende Gestaltung aber nach einer Weile lösen sich figurative Vorstellungen der Evangelisten sowie die schon aus Wittlich bekannten Apokalyptischen Reiter heraus. Das geduldige Schauen und Sich-Einlassen lohnt sich bei dem großartigen Werk Meistermanns einmal mehr, der über seine Arbeit für St. Gereon sagt: „mein religiöses Testament und die Krö-nung meiner Lebensarbeit“. 1986 entsteht das letzte von insgesamt 45 Fensterbildern für die romanische Kirche.
Bereits 1948 hat Meistermann mit einem anrührenden Glasfenster, das Katharina von Siena zeigte, die Nachkriegs-Architekten bei der Aufgabe „neues Bauen auf altem Grund“ unterstützen können. Die Böhm‘sche Kapelle „Madonna in den Trümmern“ wird zum Zeichen für den Neuanfang und Wiederaufbau und ist heute vom Komplex des Zumthor-Neubaus „Kolumba“ umschlos-sen. Ebenfalls 1948 beginnt Rudolf Schwarz mit den Rekonstruktionen der Wallfahrtskapelle in Kalk. Hier steuert Meistermann eine beeindruckendes Rundbogen-fenster in der Südfassade bei, das mit seiner zurückge-nommen Abstraktion bereits zukunftsweisend für ein die Glasmalerei im sakralen Raum ist. Als der Architekt Schwarz in den Jahren 1955 bis 1957 die Heilig Kreuz Kirche in Bottrop errichtet, ist Meistermann mit von der Partie. Hier entsteht das größte Kirchenfenster in abstrakter Glasmalerei – immerhin unglaubliche 294 Quadratmeter Glasfläche.
Die Idee abstrakter Umsetzung inhaltlicher Konzepte setzt Meistermann auch jenseits der Glasmalerei um. Besonders herausragend sei hier die Gestaltung der Chorwand von St. Karl Borromäus in Köln-Sülz. In den Jahren 1967-1968 entstehen in enger Zusammenarbeit mit dem Architekten Gottfried Böhm Der Künstler bezeichnet seine Wandmalerei als „optische Variation zu einigen Gedanken des hl. Johannes“. Es kommt ihm nicht auf die Illustration der heiligen Schrift an, sondern er sucht in seinen Gemälden die überzeitliche Umsetzung geistiger Kräfte. Diese Herangehensweise leitet ihn übri-gens auch bei der Aufgabe, die ungefähr zur selben Zeit an Meistermann herangetragen wird. Er wird aufgefordert, ein Porträt von Bundeskanzler Willy Brandt zu ma-len. Mit seinen „farbigen Notizen zur Biographie des Bundeskanzlers Brandt“ legt Georg Meistermann ein außergewöhnliches Kanzler-Bildnis vor – sich aber auch mit der Öffentlichkeit an, die sein eigenwilliges Vorge-hen nicht nachvollziehen kann. Besonders böse äußert der Schriftsteller Robert Gernhardt seine Kritik in seiner Erzählung „Der letzte Zeichner“. Er spricht Meistermann als „Abstraktem“ gänzlich die Fähigkeit zur Zeichnung ab. Erstaunlich, das selbst ein so kritischer Geist wie Gernhardt sein Kunstideal am Parameter „Ähnlichkeit“ ausrichtet.
Mehr noch als von der formalen Abstraktion lässt Meistermann sich von der Farbe leiten. Sein Credo lautet: Das Leben des Menschen ist eingehüllt in Farbe. Und Farbe wiederum ist für ihn nicht existent ohne Licht. Der Pro-zess des Malens wird gelenkt durch die Wirkung des Lichtes, das für den Künstler auch im metaphysischen Sinne Bedeutung erlangt. Das Zeichnerische seiner Li-nienführung verstärkt die Inszenierung des Lichtes.
Besonders enge Beziehungen pflegt Meistermann seit seinen frühen Nachkriegsjahren zu der Moselstadt Wittlich. Hier wird er 1949 mit der Herstellung neuer Glasmalereien für die Kirche St. Markus. Es folgt ein Auftrag für ein Programm der Treppenhausfenster des Rathauses, in dem er mit seinen apokalyptischen Reitern Aufmerksamkeit erregt. Dieses frühe Bekenntnis zum Künstler hat dieser nie vergessen und so hat er dem Provinzstädtchen seinen Nachlass vermacht, der 1994 in das Meistermann Museum überführt wurde. “Denn dort hat man wie in der südfranzösischen Provinz noch offene Augen und eine wahre Liebe für die Kunst, während die Großstädter durch das Überangebot des Kunstbetriebes verwöhnt und eher gelangweilt sind.”