Geburtstagskind Gerhard Richter

Zum 70. gabe es eine fesche Retrospektive im Museum of Modern Art (das adelt wirklich!!) und zum 75. Geburtstag in diesem Jahr wird ihm die Ehre zuteil, ein wirkliches Jahrhundertwerk abliefern zu dürfen: das Kölner Domfenster!
Kein Zweifel, Gerhard Richter gehört definitiv zu den wichtigsten zeitgenössischen Künstlern. 2004 wird er im Capital Magazin zum weltweit bedeutendsten Künstler gewählt.
Wer ist Gerhard Richter, wo kommt er her, was sind die Eckpunkte seiner Kunst?

Nachdem er in der ehemaligen DDR als Meisterschüler dem Regime durchaus nicht unangenehm war und sogar einige Staatsaufträge erhalten hatte, floh er 1961 in den Westen und setzte sein Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie fort, an der er später (bis 1993) wieder als Lehrer tätig war. Er kam aus dem sozialistischen Realismus und begann nach dem Wechsel in den Westen, diesen auf ironische Art und Weise zu verarbeiten, was ihm und einigen Mitstreitern die Bezeichnung “Kapitalistischer Realismus” einbrachte. In Wirklichkeit setzen die jungen Künstler die Impulse um, die sie von der Pop Art aus England und Amerika erhalten hatten und zeigten ihre Alltagswelt auf ähnliche Weise.

Alfa Romeo, 1962
Doch schon bald entwickelte Richter einen eigenen Stil, der sich vor allem den ästhetischen Bedingungen der Bildwelt auseinandersetzte. Er beschäftigte sich intensiv mit der Fotografie und schuf in seiner Malerei eine ganz neue Wertigkeit von Bild und Abbild. Bis heute faszinieren seine Gemälde, die auf den ersten Blick die Ästhetik eines genauen Fotos zeigen. Der Blick des Betrachters wird jedoch ganz bewusst gelenkt und von Anfang an irritiert eine leichte Unschärfe die “Fotorealität”.

Drei Kerzen, 1982
Seinen Werken haftet eine stille Überzeitlichkeit an, sie sind nicht für den Augenblick gemalt, sondern erfordern mehrmaliges und längeres Hinsehen. Ganz besonders reizvoll sind einige Werke, in denen Anklänge an die Malerei früherer Jahrhunderte zu spüren ist. Bei manchen Bildern spürt man einen leichten vermeerschen Schmelz und den Charme alter Interieurbilder herüberleuchten.

Lesende, 1994
Ganz eindeutig ist Richter ein Mitglied der sogenannten “verlorenen Generation” gewesen ist. Und so setzt er sich in seiner Kunst auch immer wieder intensiv mit den “Bildern” des Naziregimes auseinander, die nicht nur einmal auch eng mit seiner Biographie verbunden sind.

Onkel Rudi, 1965
Jedoch gerade an Richters Zurückhaltung, was die biographischen Hintergründe angeht, zeigt sich, wie stark sein Drang zum Objektiven, zum Überzeitlichen in seiner Kunst ist. Er nutzt zwar Vorlagen privater Bilder, in den Bildtiteln taucht die Beziehung zum Sujet auch oft noch explizit auf, aber in der Gestaltung der Komposition und in der Wahl der bildnerischen Mittel ist es ganz offensichtlich, dass es ihm um etwas anderes geht. Die Bilder von Gerhard Richter enthalten eine eigene Realität, die allerdings die Wirklichkeit reflektiert und in einem neuen Kontext wiederspiegelt. Das regt zum Nachdenken über die Dingwelt an und ist ein durchaus philosophischer Ansatz.
Deshalb sei dieser großartige Künstler hier an seinem Ehrentage besonders gewürdigt und die Kulturtussi wünscht sich noch jede Menger solcher Anregungen zum “Philosophieren” von ihm.

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3 Comments

  1. Können Sie mir evtl. mitteilen, in welchem Museum die “Lesende” ausgestellt ist?
    Vielen Dank!!
    K. Albrecht

  2. Können Sie mir sagen, wo die “Lesende” von Gerhard Richter ausgestellt ist?
    Mit freundliichen Grüßen!!
    K. Albrecht

  3. Eine Version des Bildes gibt es im San Francisco Museum of Modern Art. Dort findet man auch eine recht interessanten Link, der sich mit der Vermittlung von Gerhard Richters Kunst beschäftigt, der übrigens heute zum Ehrenbürger der Stadt Köln gekürt wird. Eine Ehrung, die ihm offensichtlich mehr zusagt, als die seiner Geburtsstadt Dresden!

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