Esskultur in der Antike

Kulturtussi und Genuss. Gehört doch wirklich zusammen, oder? Und zwar nicht nur der Genuss von Kunst und Kultur. Sondern auch der von gutem Essen. Allerdings bin ich auch der Meinung, Kulinarik ist ein wichtiger Bestandteil der Kultur. Die Kategorie Genuss möchte diesem Aspekt nun mehr Rechnung tragen.

Hier geht es um die Esskultur. Früher und heute. Den Anfang macht folgerichtig die antike Lebensart. Hier gehe ich der Frage nach, wie man damals gegessen und getrunken haben mag.

römischesGastmahl

Die Germanen waren nicht gerade als Feinschmecker bekannt, und so pflegte man in alten Zeiten ein eher schlichtes Dasein mit einfacher Küche und wenig Tischmanieren in ganz Germanien. Ganz Germanien? Oh nein, da, wo sich die Römer mit ihren Legionen niedergelassen hatten, wurde auch die römische Lebensart zelebriert. Mit allem gebührenden Luxus, zu dem auch das Kulinarische gehörte. In der Colonia Claudius Ara Agrippinensium (der Kolonie des Claudius am Altar der Agrippinenser), wie Köln damals genannt wurde, ließen es sich die Exil-Römer gut gehen.

Sie bauten prachtvolle Villen, statteten diese mit unglaublichen Fußbodenmosaiken aus und luden nicht selten zu einem prachtvollen convivium (Bankett). Auf den Tisch kamen dann knusprige Wildschweinbraten (gerne mit Honig verfeinert) oder meeresfrische Austern von der Nordseeküste. Gemüse und Salat wurden ebenso in die Provinzen importiert wie Hülsenfrüchte und die bei Kaiser Tiberius so beliebten Gurken. Auch verfeinerten die Römer die Speisen mit allerlei Gewürzen, die bislang bei den Germanen eher unbekannt waren. Das beliebteste unter ihnen war der kostbare Pfeffer aus Indien. Kaum eine Speise kam ohne ihn aus und auch in den „mulsum“, den mit Honig gewürzten kalten Weißwein, tat man gerne eine Spur davon.

All dies konnten die Archäologen aus Bodenfunden für die Rheinprovinz feststellen. Ebenfalls Kenntnis über die Essgewohnheiten der Antike erlangte man über „tituli picti“ – Beschriftungen und Stempel auf den vielen Amphoren aus Bodenfunden. Dort ist vermerkt, was einst aus den südländischen Teilen des Römischen Reiches in die CCAA gebracht wurde. Allen voran das unverzichtbare Olivenöl. Doch auch Grabfunde zeugen von der Esskultur der Römer. Entsprechend ihrem Glauben, dass man den Toten ausreichend Speise mit auf die Reise ins Jenseits geben solle, finden sich hier nicht nur zahlreiche Behältnisse für Lebensmittel. Auch auf den vielen Grabreliefs sind Darstellungen eines Gastmahles üblich.

In der Zeit von ca. 90 n. Chr. bis in die Mitte des 3. Jahrhunderts pflegte man also die römischen Gewohnheiten in Köln. Danach wurde es mit den Frankenüberfällen zunehmend ungemütlicher und im 4. Jahrhundert zog sich die römische Armee vollends zurück. Es gibt in Köln nur wenige Bauten über dem Erdboden, die von der Pracht und dem Lebensstil der Römer zeugen. Einer davon ist der Römerturm an der Ecke Magnusstraße / St.-Apern-Straße. Der mit Mosaiken verzierte Turm hatte sich in der mittelalterlichen Latrine eines Frauenklosters erhalten. Latrinenfunde sind übrigens auch sehr aufschlussreich, wenn man auf Lebensmittel rückschließen möchte, welche die Menschen früher gegessen haben.

Im Römisch-Germanischen Museum finden sich nun zwei Exponate, die für unsere Speise-Geschichte von besonderer Bedeutung sind. Das eine ist das legendäre Dionysos-Mosaik. Es war einst der Fußboden eines äußerst prächtigen Speisesaales in einer Villa. Im Zentrum der aufwendigen Arbeit ist ein Bild mit dem Gott Dionysos abgebildet. Er steht für den Genuss schlechthin. Doch auch die weiteren Mosaik-Details verweisen auf luxuriöse Speisen. An einer Ecke sind zum Beispiel die oben schon erwähnten Austern zu erkennen. Das Mosaik wurde 1941 bei Arbeiten zu einem Bunker nahe dem Kölner Dom gefunden. Das Museum wurde später um diesen kostbaren Fund herum geplant. Nur einmal noch durfte in der Neuzeit auf dem Fußboden wie in alten Zeiten gespeist werden – während des G8-Gipfels 1999 in Köln. Als die Mächtigen der Welt sich hier trafen, sprangen die Verantwortlichen des Römisch-Germanischen Museums über ihren Schatten und erlaubten ein exklusives Dinner auf dem kostbaren Ausstellungsstück.

Das zweite weltberühmte kulinarische Exponat des Museums ist ein Trinkglas. Nicht irgendeins. Nein, das kostbarste, das man sich nur vorstellen kann. Das Diatretglas ist mit einem filigranen Netz überfangen, das aus einem Rohling herausgefräst wurde und in seiner Kunstfertigkeit wohl kaum zu überbieten ist. Es trägt den schönen Spruch „Trinke, lebe schön immerdar“. Die Kölner Glasmanufakturen der Antike waren berühmt, und wer als Gastgeber glänzen wollte, der leistete sich für besonders wichtige Gäste ein solches Glas.

Die Römer brachten neben vielen exotischen Speisen auch den Wein aus südlicheren Gefilden nach Köln und veränderten die Trinkgewohnheiten. Wie gesagt, die Germanen hatten nicht unbedingt durch eine verfeinerte Esskultur geglänzt. Tacitus schreibt in seiner Abhandlung „Germanica“ darüber:
Als Getränk dient ihnen ein Saft aus Gerste oder (Getreide), der zu einem weinähnlichen Gebräu vergoren ist; die dem Rhein- und Donauufer am nächsten wohnenden Stämme kaufen auch Wein. Die Speisen sind einfach. Wildwachsendes Obst, frisches Wild oder geronnene Milch. Ohne besondere Zubereitung, ohne Gewürze vertreiben sie den Hunger. Durst gegenüber zeigen sie nicht die gleiche Mäßigung. Wenn man ihrem Hang zum Trinken entgegenkommt, indem man ihnen hinstellt, soviel sie wollen, wird man nicht weniger leicht diesen Fehler als mit Waffen besiegen.  (zitiert nach: J. Meurers-Balke/Tünde Kaszab-Olschewski, Hrsg.: Grenzenlose Gaumenfreuden. Römische Küche in einer germanischen Provinz. Mainz 2010)

Wer Lust auf eine kleine Zeitreise in die Antike hat, der kann nicht nur im Römisch-Germanischen Museum Trinkgefäße bewundern, sondern auch ein – an den heutigen Gaumen angepasstes – Rezept aus dem legendären „de re coquinaria“ ausprobieren. Die im 4. Jahrhundert nach Christus gesammelten Anleitungen sind zum Teil viel älter und wurden wahrscheinlich von einem reichen Feinschmecker namens M. Gavius Apicius zusammengetragen. Eine lautet:
Ius in tinno elixo: piper, ligusticum, thymum, condimenta mortaria, cepa (m), caeotam, mel, acetum, liquamen et oleum et sinape (Soße für gekochten Thunfisch: Pfeffer, Liebstöckel, Thymian, Mörsergewürz (wahrscheinlich Minze, Raute, Koriander, Fenchel, dies alles frisch), Zwiebel, Datteln, Honig, Essig, Liquamen (salzige Fischsoße) und Öl und Senf).

Sehr frei übertragen auf die heutigen Essgewohnheiten schlage ich folgende Salatvariation vor:
Man nehme
o    1 Dose Thunfisch (in Wasser)
o    50 gr. TK-Kräuter „italienisch“
o    8 Datteln, gehackt
Das Ganze vermengen, mit Olivenöl, Essig, Pfeffer und Salz abschmecken und schon haben Sie das römische Köln auf der Zunge. Dazu empfehle ich eiskalten Weißwein mit einem Tropfen Honig pro Glas und einer Umdrehung aus der Pfeffermühle darüber. Besonders stilecht serviert, wer silberne Becher zur Verfügung hat.
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5 Comments

  1. Ein sehr informativer Beitrag. Dazu passt sehr schön die aktuelle Ausstellung im Lindenau-Museum Altenburg: 16. März bis 9. Juni 2013. Dionysos, Gott des Weines – Hüter des Theaters.
    Bernhard August von Lindenaus bedeutende Sammlung antiker griechischer Gefäße wird in der aktuellen Sonderausstellung in ein neues Licht gerückt und durch wunderbare Leihgaben aus einer der größten und wichtigsten Antikensammlungen der Welt ergänzt, derjenigen in Berlin. Der jüngste der griechischen Götter – Dionysos – steht für Fruchtbarkeit, Ekstase, orgiastische Feste, aber auch Totenkult und Mysterien.
    Mehr Informationen: http://www.lindenau-museum.de. Ein Besuch lohnt dort.

  2. Hochinteressant! Den Salat werde ich mal zubereiten.
    Ich frage mich nur, wie meeresfrisch waren die Austern noch, wenn sie in Köln ankamen?

    • Och, da hatte man in der Antique diese berühmt berüchtigte Fischsauce – liquamen – ordentlich davon druff und dann passte das schon!

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