Dritter Beitrag zur Kunstvermittlung für Menschen mit Demenz

Die Serie zur Kunstvermittlung für Menschen mit Demenz geht weiter und ich bin richtig glücklich über diesen Themenschwerpunkt. Ich habe schon viel positives Feedback zu dem geballten Experten-Wissen erhalten. Wie angekündigt, hat sich auch das Städel Museum an der Reihe beteiligt. Im Interview mit Chantal Eschenfelder (Leitung Bildung und Vermittlung) gibt es noch einmal weitere Perspektiven auf das Thema. Auch hier geht es um die Zusammenarbeit mit der medizinischen Forschung.

Seit wann beschäftigt ihr euch mit der Zielgruppe „Menschen mit Demenz“ und was war der Impuls dafür, dies zu tun?

Chantal Eschenfelder: Das Städel Museum versteht sich als Ort für alle gesellschaftlichen Aspekte des Lebens. Dazu gehört selbstverständlich auch die Entwicklung von Angeboten für Besucher mit körperlichen und kognitiven wie psychischen Einschränkungen. Neben Formaten für gehörlose oder sehbehinderte Besucher führen wir bereits seit 2007 mit „Kunst zum Leben“ ein erfolgreiches Projekt mit Krebspatienten durch – in Kooperation mit der Stiftung „Leben mit Krebs“.

Mit dem Thema Demenz haben wir uns natürlich auch schon länger auseinandergesetzt. Aber im Gegensatz zu den genannten Zielgruppen schien uns das Krankheitsbild von Demenzpatienten zu komplex, um auf eigene Faust und ohne professionelle Begleitung ein entsprechendes Programm zu entwickeln. Die Gelegenheit, diese Aufgabe konkret anzugehen, ergab sich, als 2013 Demenzforscher der Goethe-Universität Frankfurt aus dem Arbeitsbereich Altersmedizin am Institut für Allgemeinmedizin auf uns zukamen.

Im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Pantel und nach dem Vorbild eines ähnlich gelagerten Projektes im MoMA in New York wollte die Goethe-Universität – mit dem Städel Museum als Projektpartner – den positiven Effekt nachweisen, den die Auseinandersetzung mit Kunst für Demenzpatienten und ihre betreuenden Angehörigen mit sich bringt. (Hier gibt es einen aktuellen Radiobeitrag dazu.)

2014 begannen wir mit der Durchführung des Pilotprojekts ARTEMIS (Art Encounters: Museum Intervention Study), das speziell konzipierte thematische Kunstführungen in Kleingruppen sowie anschließende kreative Atelierarbeit kombiniert und im Rahmen einer randomisiert-kontrollierten Interventionsstudie analysiert. Die Begegnung mit Kunstwerken setzt eine Auseinandersetzung mit der eigenen Gefühls- und Empfindungswelt in Gang. Die Studie untersucht dabei die zu erwartenden positiven Auswirkungen auf das psychosoziale Wohlbefinden, das Kommunikationsverhalten und Selbstbewusstsein der Betroffenen sowie eine Verbesserung von deren Beziehung zu ihren Bezugspersonen, die sie im Rahmen der Studie im Museum begleiten.

Das Beitragsbild zeigt das Kunstwerk eines ARTEMIS-Projektteilnehmers aus einem der Workshops. (Foto: Arthur Schall, Goethe-Universität Frankfurt am Main).

Ich gehe hier mal davon aus, dass es sich bei den Nutzern der Angebote um Betroffene mit maximal mittelschwerer Demenz handelt. Welche Begriffe beschreiben diese Besucher mit besonderen Bedürfnissen am besten?

Chantal Eschenfelder: Es fällt schwer, das so pauschal zu benennen, denn die Ausprägungen der Demenzerkrankung schwanken bei den Teilnehmern, je nach Tagesform, sehr stark. Darüber hinaus ist nicht jede Verhaltensweise auf die Erkrankung zurückzuführen, sondern hängt auch stark von der jeweiligen Persönlichkeit ab. Einige Teilnehmer diskutieren besonders lebhaft, andere hören lieber zu. Auf den ersten Blick sind sie ganz gewöhnliche Museumsbesucher. Vielen würde es jedoch schwerfallen, sich an Dinge wie ihr Geburtsdatum zu erinnern, oder an das, was sie vielleicht kurz zuvor gegessen haben. Orientierungsschwierigkeiten oder eine anfängliche Irritationsphase als Reaktion auf neue Eindrücke sind auch nicht selten. Und manche der Teilnehmer müssen stets aufs Neue wieder einander vorgestellt werden, was aber einer wachsenden Vertrautheit der Gruppenmitglieder untereinander nicht im Wege zu stehen scheint.

Ein wesentlicher Faktor im Hinblick auf eine Verbesserung der Lebensqualität, der oft übersehen wird, ist das Verhältnis zwischen den Patienten und ihren Angehörigen, das durch die Begleitumstände der Erkrankung oft angespannt ist. Hier setzt ARTEMIS einen besonderen Schwerpunkt, indem das Programm immer ein Tandem aus Patient und Begleitperson bildet, die mit Führung und anschließender Atelierarbeit gemeinsam etwas Positives erleben können.

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ARTEMIS-Projektteilnehmer bei der kreativen Arbeit mit Kunstvermittlern in den Atelierräumen des Städel Museums. Foto: Arthur Schall, Goethe-Universität Frankfurt am Main

In der Regel wird ja im Zusammenhang mit der Demenz viel von Dingen geredet, die nicht mehr gehen und die problematisch sind. Wenn man mal eine andere Perspektive auf das Thema einnimmt, kommen da auch positive Dinge ans Licht? Wie zum Beispiel eine gesteigerte Emotionalität, die ja vor allem im Hinblick auf die Kunstbetrachtung Vorteile bringen kann. Was habt ihr für Erfahrungen gemacht?

Chantal Eschenfelder: Menschen mit Demenzerkrankung zeigen häufiger spontane Gefühlsreaktionen, die mitunter auch weniger gefiltert ausfallen als bei anderen. Aber genau das ist ja das Schöne bei dem Thema Kunstbegegnung: dass auf einer nonverbalen Ebene Gefühlsreaktionen erzeugt werden, die dann als Eindrücke formuliert und sprachlich in einen lebendigen Austausch innerhalb der Gruppe umgesetzt werden. Das stimuliert nicht nur das Erinnerungsvermögen der Patienten, sondern ist auch für die Begleitpersonen eine große Bereicherung.

Im Laufe einer solch lebhaften Diskussion verschwimmen die Unterschiede zwischen Patienten und Begleitpersonen – Inklusion im besten Sinne. Beeindruckend ist die „Macht der Bilder“ – nicht nur die Wirkung der Kunstwerke im Museum, sondern auch die der im anschließenden Workshop selbst geschaffenen Arbeiten, die trotz gleicher Ausgangsmaterialien immer wieder andere Geschichten erzählen.

So ist es beispielsweise für alle Teilnehmer ein bewegendes Erlebnis, wenn das nach dem Vorbild von Yves Kleins „Blauem Schwammrelief“ selbst geschaffene Bild aus dunklen Steinen und in tiefblauer Farbe getränkten Schwämmen in einem Patienten plötzlich Erinnerungen an die Trümmer seiner zerbombten Heimatstadt weckt und seine Tochter diese Assoziation aus ihrer Kenntnis alter Familienfotos bestätigen kann.

Hat die Arbeit mit den Menschen mit Demenz auch die Sicht auf die Kunstvermittlung allgemein beeinflusst?

Chantal Eschenfelder: Weniger beeinflusst als vielmehr bestätigt. Es ist immer wieder überwältigend, Kunst als Impulsgeber, als Auslöser von emotionalen Prozessen zu erleben. Das Kunsterlebnis führt automatisch zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit sich selbst und der Welt, es schärft alle Sinne und bringt Menschen am Ende miteinander ins Gespräch. Dieses Phänomen ist ja in der Kunstvermittlung eine bekannte Tatsache, die schon lange Zeit in vielen Projekten, auch mit sozialpädagogischen Zielen, genutzt wird – etwa in der Arbeit mit Jugendlichen, denen aufgrund von kulturellen und sprachlichen Barrieren eine gesellschaftliche Teilhabe nicht gelingt.

Projekte wie ARTEMIS zeigen, dass dieses Potential der Kunstbegegnung gerade auch im Hinblick auf die gesundheitlichen und sozialen Implikationen einer älter werdenden Gesellschaft bisher noch nicht ansatzweise ausgeschöpft ist.

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Foto: Arthur Schall, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Mich interessieren die entscheidenden Aspekte der Kunstwerke, wenn das Angebot entwickelt wird. Welche Parameter müssen erfüllt sein?

Chantal Eschenfelder: Im ARTEMIS-Projekt haben unsere Kunstvermittler gemeinsam mit den Kollegen von der Uniklinik geeignete Werke ausgesucht und Themen definiert, die jeweils in einem Zyklus von sechs Terminen behandelt werden. Bei der Auswahl der Themen wie beispielsweise „Familie“, „Die Farbe Blau“, „Frankfurt“, „Stillleben“, “Landschaft” oder „abstrakt“ stand ein Bezug zur Lebenswirklichkeit der Teilnehmer im Vordergrund.

Die Werke sollten geeignet sein, Assoziationen auszulösen, ein Gespräch in Gang zu setzen und Erinnerungen zu stimulieren. Dafür eignen sich eigentlich fast alle Werke. Nur besonders brutale oder emotional aufwühlende Darstellungen, wie etwa Rembrandts Gemälde „Die Blendung Simsons“, haben wir bewusst ausgeklammert.

Das Zusammenfassen von Werken unter thematischen Aspekten war sinnvoll, um jedem Termin auch einen Rahmen zu geben und visuelle Vielfalt wie auch verschiedene inhaltliche Ausprägungen eines Themas zu demonstrieren, um damit das Gespräch und die anschließende praktische Arbeit zu strukturieren. Die Kunstvermittler beschränken ihre Rolle dabei auf die eines Moderators, der die Diskussion anregt und lenkt, ohne dabei konkrete Vermittlungsziele zu verfolgen. Das unterscheidet dieses Programm von anderen Vermittlungsangeboten im Museum.

Teilhabe ist ein zentraler Begriff, wenn es um Menschen mit Demenz geht. Was kann darüber hinaus noch ein wichtiger Gedanke in diesem Zusammenhang sein?

Chantal Eschenfelder: Viele Projekte, die gesellschaftliche Teilhabe zum Ziel haben und mit Rücksicht auf die besonderen Bedürfnisse einer speziellen Zielgruppe ausgerichtet sind, leiden an dem Widerspruch, dass sie indirekt doch wieder zu einer Ausgrenzung führen, weil die Teilnehmer – in diesem Fall Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen – unter sich bleiben. Die Erfahrungen aus dem ARTEMIS-Projekt zeigen, dass es nicht nur allgemein um eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, sondern vor allem ganz konkret um die Verbesserung der Lebensqualität von Demenzpatienten geht.

Dass das Programm nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für ihre Begleitpersonen angeboten wird, ist hierbei ein ganz wesentlicher Faktor. Der gemeinsame Museumsbesuch führt – wie bei einer Reise – zu neuen Eindrücken und einer anschließenden schöpferischen Arbeit. So wird etwas gemeinsam erlebt, das weitgehend frei ist von dem im häuslichen Alltag oft spannungsreichen Ungleichgewicht zwischen den gesundheitlich eingeschränkten Patienten und ihren sie pflegenden Bezugspersonen.

Welche strukturellen Voraussetzungen sind notwendig, um Programme für Menschen mit Demenz im Museum zu ermöglichen?

Chantal Eschenfelder: Ganz zentral für die Arbeit mit Demenzpatienten ist geschultes Personal und eine Beschränkung der Gruppengröße. Noch bevor wir mit ARTEMIS gestartet sind, wurden die für das Projekt ausgewählten Kunstvermittler von den Kollegen der Uniklinik speziell im Umgang mit den Besonderheiten dieser Erkrankung geschult.

Auch die Themen und Inhalte des Programms sind, wie schon erwähnt, interdisziplinär erarbeitet worden. Das ist unserer Erfahrung nach ein ganz wesentlicher Faktor für den Erfolg eines solchen Angebots. Zudem muss ausreichend Personal zur Verfügung stehen, damit die Gruppengröße von maximal fünf Patienten und fünf Begleitpersonen nicht überschritten wird. Das ist natürlich kostenintensiv. Aber nur so kann auch die Qualität eines solchen Programms gewährleistet werden. Wir sind deshalb der Familie Schambach-Stiftung besonders dankbar dafür, dass sie dieses Projekt mit dem Fokus auf der wissenschaftlichen Analyse seines Nutzens für die Patienten so umfassend gefördert hat.

Vielen Dank, liebe Chantal für den Einblick in eure Arbeit am Städel Museum. Ich finde die Schilderung geeigneter Angebote von Kunstvermittlung für Menschen mit Demenz sehr wichtig und hoffe, dass das weitere Kreise zieht.

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