Die Künstler im Kaffeehaus

In den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts hatte Manet die Impressionisten veranlasst, sich in den Kaffeehäusern zu treffen, von denen das „Café Guerbois“ und das „Café del la Nouvelle-Athènes“ zu den beliebtesten Treffpunkten dieses Kreises wurden. Diese Entwicklung blieb kein Einzelfall und man kann in der Folge für fast jede Künstlervereinigung das entsprechende Stammlokal benennen.

In jeder Großstadt gab es Kaffeehäuser, die im aktuellen Kunstbetrieb eine Rolle spielten. In Berlin entstand in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg eine Kaffeehauskultur, die entscheidenden Einfluss auf die Kunst und Literatur genommen hat. Die einzelnen Kaffeehäuser, das „Romanische Café“, das „Café Josty“, das „Café des Westens“ und andere mehr, waren Mittelpunkt der kulturellen Ereignisse in jener Zeit. Keines der zahlreichen Lokale kam jedoch der Bedeutung des am Kurfürstendamm gelegenen „Café des Westens“ gleich, das wegen der unterschiedlichsten schillernden Persönlichkeiten unter seinen Besuchern „Café Größenwahn“ genannt wurde. Als Begegnungsstätte für Künstler wie Schriftsteller trug es wesentlich zur Entstehung des spezifischen bildkünstlerisch-literarischen Expressionismus in Berlin bei. Keine literaturwissenschaftliche oder kunsthistorische Arbeit über diesen Abschnitt deutscher Kulturgeschichte kommt ohne die Darstellung der Begegnungen im „Café Größenwahn“ aus.

 

Hier entstand ein Literatenstammtisch, an dem Kurt Hiller die jungen Schriftsteller um sich herum versammelte, die den literarischen Expressionismus begründet und entscheidend geprägt haben: Georg Heym, Jakob von Hoddis, Ernst Blass und Carl Einstein.
Für sie bedeutete das Kaffeehaus mehr als nur ein Treffpunkt neben anderen. Sie erhoben es zum wichtigsten Kommunikationszentrum der Zeit, das darüber hinaus eine entscheidende Bedeutung erlangte für die Identität des Künstlers. Ernst Blass hatte diese Auffassung in einem Zeitungsessay formuliert:

„Im Café, da war noch die Seele etwas wert. Ja es war eine Erziehung zum Künstler in dieser Institution. Es war auch ein Zufluchtsort und ein unparlamentarisches Parlament. Auch der Furchtsame, Schweigsame lernte das Reden und den Ausdruck. Man lernte sich auf das zu besinnen, was einem wirklich am Herzen lag. Es war eine Erziehung zur Gefühlswahrheit.“

Das wichtigste Element der engen Beziehung der Künstler zum Kaffeehaus war eine weitgehende Vermischung von Kunstbetrieb und Alltäglichem. John Höxter hat in seinem Buch „So lebten wir. 25 Jahre Berliner Boheme“ eine Schilderung dieses Kaffeehauslebens gegeben. Während der Literatenstammtisch sich Gedanken über die „Fortgeschrittene Lyrik“ machte, wurden von Höxter nebenbei auch „Hausschlüsselfragen mit Hoddis“ geordnet, mit dem er eine Wohnung teilte; am Nebentisch führen „Karl Kraus und Theodor Loos (…) ihre neueste Entdeckung, den Maler Oskar Kokoschka, den Berlinern vor“ und „der Maler Max Oppenheimer (Mopp) aus Prag ist hier der neue Mann, der sich vorläufig durch Anekdotenerzählen bekannt, beleibt und geschätzt zu machen versucht“; der russische Hofrat Dr. von Rosenberg verlieh sein Geld an den „abgebrannten“ Erich Mühsam, und der „liebenswürdige, immer so bleich Ober“ Anton überreichte Höxter den Auftrag der Redaktion der „Deutschen Theater-Zeitung“, eine Kritik oder eine Karikatur zum Gastspiel der Comédie Francais anzufertigen. Wie Höxter, so haben viele Künstler und Literaten das „Café des Westens“ in ihren Lebenserinnerungen und Essays verewigt. Dieses Kaffeehaus war für einige Jahre das Zentrum der expressionistischen Bewegung. Die Atmosphäre, die in diesem, von der Ausstattung her ganz unscheinbaren Lokal herrschte, wurde von vielen als die Quintessenz des Lebensgefühls jener Künstler und Schriftsteller des Expressionismus angesehen. Ernst Blass versuchte, sie zu benennen:

„In der Luft lag Van Gogh, Nietzsche, auch Freud, Wedekind. Gesucht wurde der postrationale Dionysos.“

Seit 1910 lässt sich das „Café des Westens“ mit einigem Recht als das Redaktionsbüro der Zeitschrift „Der Sturm“ bezeichnen, die von Herwarth Walden in jenem Jahr als Organ der neuen Kunstauffassung gegründet wurde. Fas jeden Abend saß er an seinem Stammtisch mit vielen Mitarbeitern zusammen und knüpfte Kontakte zu den Künstlern, die in der Zeitung präsentiert werden sollten. „Dort erschienen Dinge, die uns angingen und anregten. Kaffeehausextrakte, in zwangfreien, marktfreien Nächten empfangen.“ (Ernst Blass)

Die meisten der Lyriker, die im „Café des Westens“ verkehrten, schrieben für die Zeitung „Die Aktion“, die nach der Vorstellung des Gründers Franz Pfemfert ein Sprachrohr der expressionistischen Kunst sein sollte. Im Heft 4 der „Aktion“ von 1914 veröffentlichte Iwan Goll ein Gedicht mit dem Titel „Café“, in dem er die Bedeutung des Kaffeehauses für sich thematisiert:

„Alle Mitmenschen der Stadt
waren nur staubige, blasse Laternen.
Wuchernd mit fremdem Licht –
Nur hier fand ich Freunde

(…)

Die Verarbeitung der Thematik „Kaffeehaus“ blieb nicht auf den literarischen Bereich beschränkt. Schon blad erschienen Grafiken, die dasselbe Motiv aufnahmen. Pfemfert bevorzugte hierbei die Originaldrucke für seine Zeitung und regte die Künstler an, ihm für weitere Ausgaben Material zu verschaffen. Das Kaffeehaus, zunächst nur Ort des Austauschens zwischen Literaten, Künstlern und Zeitungsredakteuren, wurde in den literarischen und grafischen Beiträgen zur „Aktion“ immer direkter in das künstlerische Schaffen einbezogen. Die Literatur hatte das Motiv zuerst entdeckt und über die Zusammenarbeit in der Zeitung an die bildende Kunst weitergegeben. Die Motivation zur Darstellung des Kaffeehauses lag in erster Linie an einer sehr engen persönlichen Bindung der Künstler an das Kaffeehaus. Die in ihrem Ausdruck zu phantasievoller Übertreibung neigende Schriftstellerin Else Lasker-Schüler hat in ihrer Beschreibung das „Café des Westens“ in eine romantische Gegenwelt zur Realität verwandelt und es als „nächtliche Heimat (…), (unsere) Oase, (unser) Zigeunerwagen, (unser) Zelt, darin wir ausruhen nach dem alltäglichen schmerzvollen Kampf“ besungen. In ähnlicher Weise hat auch der Maler Ludwig Meidner das Kaffeehaus in seinem Prosastück „Im Nacken das Sternenmeer“ zum Mythos stilisiert:

„Du Seele der Zeit. Du schwingende Glocke des Diesseits. Du Schule hoher Geister. Du beschwingter Kämpfer Rendez-vous. Du tumultöse Arche der Dichter. Du Halle, Dom, Luftschiff, Vulkan, Käfig, Gruft und Kluft, Dungloch und Stunde der Beter (…) du Lebendiges, du Caféhaus (…) treibst aus meinem kupferrotem Dasein die Gebärden des Spleens, Winde der Weltlust, Katafalke der Sehnsucht heraus zu schmetternder Lust.“

Für einen Künstler wie Meidner war die individuelle, gefühlsbetonte Beziehung zum Sujet die Voraussetzung für die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Kaffeehaus, und auch bei den anderen Expressionisten war das persönliche Erfahren die Grundlegende Motivation für die Kaffeehausszenen in ihrer Kunst. Der zweite, aber wesentliche Aspekt hinsichtlich der Bedeutung dieses Themas ergibt sich aus der Rolle des Kaffeehauses innerhalb der aktuellen Entwicklung der expressionistischen Bewegung. So beeinflussen einerseits die Künstler in ihren Versammlungen die spezifische Atmosphäre des Kaffeehauses, welche denn in entgegen gesetzter Richtung Auswirkungen auf die Kunst zeitigt, in der sie als ein wichtiges Motiv verarbeitet wird. Die Behandlung dieses Motivs in der Malerei und Grafik zeigt im Expressionismus wesentlich andere Züge als zur Zeit der Impressionisten. Sie knüpft im Wesentlichen an die Arbeiten zweier Künstler an, die generell für die Entstehung der expressionistischen Kunst von entscheidender Bedeutung sin: Vincent Van Gogh und Edvard Munch!

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2 Comments

  1. Gibt es vielleicht eine genaue Quellennachweis zum Essay von Ernst Blass? Sprich Name der Zeitschrift und Seitenangaben des Essays?

    • Hallo Alex,
      voilà
      Blass, Ernst: Das alte Café des Westens. In: Paul Raabe (HJRSg.): Expressionismus. Aufzeichnungen und Erinnerungen der Zeitgenossen. 1963
      S. 38 oder 40 – je nachdem, welches Zitat du meinst.

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