Der Trick mit der Didaktik

Was. Wozu. Warum.

Das sind die drei Grundfragen, wenn es um die Didaktik geht, die Theorie und Praxis des Lernens und Lehrens. Von dieser Lehre gibt es drölfzilliarden verschiedene Ansätze und Methoden. Das soll jetzt hier nicht Gegenstand des Beitrags sein. Für mich interessant sind die Möglichkeiten im Zusammenhang mit meinen Aufgaben als Kunstvermittlerin. Denn seit den späten 90er Jahren betrachtet man Didaktik nicht mehr nur allein im schulischen Kontext. Es geht vielmehr um lernförderliche Umgebungen, die sich aus einer Kombination von Fachwissen, Bewegungen der Gesellschaft und Bedürfnissen der Lernenden ergeben.

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Alles so schön bunt hier. Ein Weg durch die Vielfalt – oder der Trick mit der Didaktik!

 

Lernförderliche Umgebung ist ein sehr offener Begriff, den man mit verschiedenen Ansätzen füllen kann. Lernen und Fördern sind zwei sehr schöne Parameter, an denen man das ausrichten sollte, was man Vermittlungsarbeit nennt. Für mich ergibt sich daraus der Anspruch, etwas zu bewirken und die Teilnehmer an meinen Veranstaltungen mit mehr nach Hause zu schicken, als sie gekommen sind. Das muss nicht immer ein spezifisches Wissen sein. Auch eine interessante Erfahrung, eine Emotion ist erstrebenswert.

Ich möchte hier ein paar Gedanken zur Didaktik in der Kunstvermittlung aufschreiben, die wir gerne diskutieren können.

Kommunikation

Mit einer kommunikationsorientierten Umgebung erreiche ich die Teilnehmer, kann sie zu einem kooperativen Miteinander anregen und die Interaktion ermöglichen. Offene Fragen sind immer eine gute Idee. Über sprachliche Impulse lassen sich vor allem zu Beginn und zum Ende von Veranstaltungen schöne Zäsuren herstellen. Besonders wenn es um thematischen Ausrichtungen gehen. Ich mag in diesem Zusammenhang ja auch Zitate sehr.

Selbstorganisation von Wissen

Da ich Kunstvermittlung immer auch als Prozess verstehe, bereite ich für die meisten Veranstaltungen etwas vor, was die Teilnehmer zu Entdeckungen und Äußerungen aus ihrer Sicht anregen kann. Viele Methoden des kreativen Schreibens kann man wunderbar dafür nutzen. Es regt die Teilnehmer zur individuellen Auseinandersetzung mit den Inhalten an. Wichtig ist hier nur, dass man in der Lage ist, die entstandenen Texte entsprechend wieder an die Objekte anzubinden, die man vermitteln möchte.

Für solche Ansätze favorisiere ich folgendes planerisches Dreieck: Zielgruppenanalyse – Inhalt – Zeitbudget. Die Frage der zu vermittelnden Inhalte ist ebenso wichtig wie die Frage, welche Bedürfnisse die Teilnehmer mitbringen. Auch der Zeitfaktor spielt bei der Planung eine wichtige Rolle. Wer kennt das nicht: da ist man übervoll mit tausend tollen Geschichten, hat aber nur eine knappe Stunde Zeit. Da muss man sich in Verzicht üben. Das ist nicht ganz einfach.

Didaktische Reduktion

Dass Intelligenz den Blick für das Wesentliche trübt, wie Saint-Exupéry es einst behauptete, möchte ich nicht gerade sagen. Ich sehe aber die Gefahr, dass man sich an komplexer Sachverhalte hängt, die ein bildungsbürgerliches Ideal verkörpern – auch wenn der Anlass für solch ausführlichen Betrachtungen keinen Raum bietet. Entweder, weil die Zeit einfach zu kurz ist. Oder weil die Teilnehmer völlig andere Bedürfnisse haben. Was ja durchaus legitim ist. Hier hat gute Kunstvermittlung die Aufgabe, sich zu überlegen, welcher Bestandteil des großen Ganzen an die spezielle Situation angepasst werden kann. Und ich bin mir sicher, es lässt sich immer etwas finden. Und sei es noch so winzig 😉

Die Belange der Kunst sollen natürlich auch nicht außer Acht gelassen werden. Blinden Aktionismus mag ich auch nicht unterstützen. Deswegen erfordert es eine gewisse Übung, bei neuen Konzepten herauszufiltern, welchen Aspekt der Kunst man nutzen kann. Was könnte von allgemeiner Bedeutung sein? Was ist exemplarisch für diesen Künstler oder für eine gwisse Zeit? Ich finde es wunderbar, wenn die Teilnehmer später auch ohne Anleitung Parallelen ziehen können.

Ich bin ein Fan von niederschwelligen Angeboten und gebe mich auch schon mal damit zufrieden, mit kleinen Kindern eingeübt zu haben, wie man Kunst respektvoll gegenübertritt. Oder mit einer Gruppe Jugendlicher das eine Moment in der Kunstbetrachtung gefunden zu haben, was sich mit ihrer Lebenswirklichkeit verbinden lässt. Dass ich dann nicht vermitteln konnte, welche Rolle Ernst Ludwig Kirchner im deutschen Expressionismus spielte oder warum nach dem zweiten Weltkrieg die abstrakte Kunst auf dem Vormarsch gewesen ist – geschenkt! Und wer mal ausprobiert, was für wundervolle Texte in der Begegnung mit Kunst entstehen können, der wird verschmerzen, dass die Künstlerdaten erstmal kein Thema waren.

Es geht keinesfalls um Trivialisierung, sondern um kreative Prespektiven auf die Kunst. Und um individuelle Wahrnehmung. Schön, wenn dieser konstruktivistische Ansatz sich mehr und mehr auch in der Kunstvermittlung durchsetzt. Ich sammele hier sehr gerne Beispiele dafür.

Web 2.0

Können wir uns darauf verständigen, dass sich das Web 2.0 der Partizipation und der Zugänglichkeit für alle verschrieben hat? Da steckt sehr viel Potential für die Kunstvermittlung. Bislang beobachte ich noch eine gepflegte Zurückhaltung der Kunstvermittler, sich da zu beteiligen. Das finde ich persönlich sehr schade. Aber ich kann es natürlich bis zu einem gewissen Grad auch verstehen. Manchmal verliert man sich in den diffusen Ängsten und Vorurteilen gegenüber dem, was im Netz so gepostet wird. Man hat aber die Chance, dem oberflächlichem Getue, das es selbstverständlich in den sozialen Netzwerken gibt, etwas entgegen zu setzen.

Das Netz ist ein neuer Raum, in dem man sich erst mal orientieren muss. Aber dann greifen da eigentlich ganz ähnliche Muster wie auch in der analogen Kunstvermittlung. Ich kann also nur an die Pädagogen appellieren, sich mal mit den PR-Leuten oder der Marketing-Abteilung zusammen zu überlegen, welche Vermittlungsstrategie für das Netz gut funktionieren könnte. Von dem, was ich oben zur analogen Kunstvermittlung geschrieben habe, kann man Vieles auf die digitale Welt übertragen. Natürlich, man muss ein paar Mechanismen des Netzes erkennen, muss sich darauf einlassen, dass unterschiedliche Kanäle unterschiedliche Kommunikationsstrukturen haben. Und sich anschauen, wer da so ist im Netz. Wenn man hier ein bisschen Zeit investiert, dann kann man das Web 2.0 wunderbar auch für die Vermittlungsarbeit nutzen.

Ich sammele hier mal ein paar Aktionen, die ich gerne zur Diskussion stellen will. Wer weiß noch mehr Projekte?

artigo
Ein wunderbarer spielerischer Ansatz zur Kunstvermittlung.

#myRembrandt
Wunderbares und ja auch schon mit dem Virenschleuderpreis ausgezeichnetes Projekt der Pinakotheken in München.

Rubens, Du & Ich
Schönes Schülerprojekt des Wallraf-Richartz-Museums

Digitorial zur Helene Schjerfbeck Ausstellung in der Frankfurter Schirn
Sich vor der Ausstellung informieren, die gesammelten Infos weiterteilen können – ein aufwendig aber toll gemachtes Programm.

Tate Yourself online
Idee für eine Online-Präsentation von Schülerarbeiten.

Van Gogh Stories
Super gemachte Hintergrund-Geschichten zu Vincent van Gogh.

Rijksstudio
Spannende Idee des Rijksmuseums, die Daten der Kunstwerke für alle zugänglich zu machen. So dass man damit ganz frei und kreativ umgehen kann.

 

 

 

 

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2 Comments

  1. Wir haben ein schönes Projekt zu ergänzen: Re-Act! in der Kunsthalle München brach mit den elitären Vorstellungen des Museums – DJs legten Elektromusik auf und das Foyer wurde zum Dancefloor. Dabei geriet die Kunst aber nicht in den Hintergrund. Studenten der Akademie der Bildenden Künste führten Besucher durch die Ausstellung und brachten alte Meister einer jungen Zielgruppe auf interaktive Art und Weise näher und ermutigten zum Dialog.

    http://www.kunsthalle-muc.de/kh/re-act/

    Viele Grüße,
    Susanna und Sarah

  2. Das ist ein prima Ansatz, um die vielbeschworene junge Generation ins Museum zu holen. Und zwar nicht im schulischen Zusammenhang, wo sie ja “müssen”. So etwas gibt es hier im Museum Ludwig auch. Da machen dann die kunstdialoge ihre Vermittlungsangebote und es gibt auch oft eine Party in Kombination. Schön finde ich – wenn ich das richtig gelesen habe – das es bei der Kunsthalle München eine regelrechte Partyreihe ist. Meiner Meinung nach ist eine verlässliche Regelmäßigkeit auch ein Erfolgsfaktor von solchen Geschichten.
    Was die Vermittlung angeht, so würde ich mir noch mehr so etwas in Richtung Museum Hack wünschen
    http://www.museumhack.com/
    Die sind auch mit radikal anderen Methoden unterwegs. Find ich super.
    Lieben Gruß
    Anke

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