Der Tintoretto

Tintoretto

Blogparaden sind manchmal wunderbare Spielwiesen und immer ein willkommener Impuls. Als Sabine vom Infopoint Museen & Schlösser in Bayern und Münchner Kaiserburg  bei mir anklopfte für die Blogparade perlenfischen, war ich aber ganz kurz blockiert. Das eine Museumsstück, welches mich fasziniert hat? Eins? Ich ging im Geiste alle Museen durch, zu denen ich eine enge Beziehung habe. Wo gibt es das eine Werk, das ich hier vor allen anderen bevorzugen würde. Eine Perle, die ich herausheben will und in das Licht der Blogparade stellen möchte. Mit einem Mal schob sich ein Bild in meine Gedanken. Ich zögerte, mich festzulegen. Es wäre dann so manifestiert. Und mir begegnen doch ständig neue und wahnsinnig spannende Werke. Aber wieder stand mir dieses eine vor Augen. Also gab ich nach. Bitteschön – hier ist meine Museumsperle.

Sein durchdringender Blick traf mich sofort, als ich das erste Mal den Raum betrat, in dem er hing. Oh, der Tintoretto, dachte ich. Wie venezianisch er doch daherkommt. Diese warme Farbigkeit, die hat mich schon immer an den Bildern aus der Serenissima begeistert. Und nun hier dieses Portrait im Heylshof. Klar, ich wusste, welch fabelhafte Sammlung der Ahnherr meines Mannes da in Worms zusammengebracht hat. Bei meinem ersten Besuch im Heylshof wurde ich übrigens ständig an das Wallraf erinnert. Das Museum, dessen Sammlung ich während meines Studiums quasi inhaliert hatte. Kein Wunder, denn beide Sammlungen entstammen demselben Geist bürgerlichen Kunstgenusses. Und Sophie von Heyl, die Gattin des glücklichen Sammlers, ist eine geborene von Stein – eine Bankiersfamilie aus Köln. Aber zurück zu meiner Museumsperle.

Tintoretto

Das Färberlein. Der Name ist niedlich und scheint so gar nicht zum großen Meister zu passen. Und schon gar nicht zum ernst dreinblickenden Herrn auf dem Bildnis im Heylshof, das wohl um 1580 entstanden sein muss. Jacopo Robusti passt da schon eher. Den Ehrennamen erhielt der 1518 in Venedig geborenen Maler ebenfalls über seinen Vater Giovan Batista Comin, der Textilfärber war. Nächstes Jahr ist also sein 500. Geburtstag und ich bin schon ganz gespannt auf die Ausstellung im Wallraf. Mein letzter Stand ist, dass dann meine Museumsperle auch nach Köln reisen darf.

Tintoretto lernte als junger Mann in der Werkstatt von Tizian und das sieht man. Später reiste er nach Rom und studierte Michelangelo. Er selber sprach einmal davon, dass er von Tizian die Farbe und von Michelangelo die Zeichnung in seinem Werk vereine. Über dem Eingang seiner Werkstatt soll er den Spruch “Il disegno di Michelangelo ed il colorito di Tiziano” verewigt haben. Seine Lehrjahre bei Tizian währten jedoch nur kurz und schnell wurde klar, dass sich mit Jacopo Robusti jemand in ein neues Zeitalter aufmachte. Das sieht man in seinen Porträts zwar nicht unbedingt – hier folgt er doch sehr dem Maler der venezianischen Gesellschaft, als der Tizian unübertroffen ist. Aber Tintoretto wird als Meister des Manierismus berühmt werden.

Der Blick

Der Mann auf dem Bild schaut mir direkt in die Augen. Wenn ich mich ein wenig nach links oder rechts bewege, schaut er mir nach. Ich schwöre, dass es so ist. Ich habe bei der Google-Bildersuche mal “Tintoretto Porträts” eingegeben. Und mich dann ganz schnell durch die Ergebnisse geklickt. Das ist faszinierend, weil man plötzlich merkt, wie einen all diese Porträtierten anschauen. Alle Augen sind auf den Betrachter gerichtet.

Und plötzlich überkommt einen ein Schauer. Da blickt mich jemand aus einer anderen Zeit an. Von dem ich noch nicht einmal weiß, wer er ist. Er schaut skeptisch. Mit einer leichten Melancholie. Typisch Serenissima. Oder stammt er vielleicht gar nicht aus Venedig? Der rote Samtvorhang im Hintergrund ist tizianrot. Ansonsten gibt es keinerlei Hinweise, Attribute. Nur der pure Blick mit den leicht hochgezogenen Augenbrauen. Seine Kleidung? Schwarz. Ohne Pomp. Wer trug solche Kappen? Blitzt da ein weißer Pelz aus dem Mantel?

Begegnung

Tintoretto

Ich mag solche Geheimnisse. Deswegen habe ich mich auch damals für das Studium der Kunstgeschichte entschieden. Weil es teilweise so spannend ist wie ein Krimi. Die Detektivarbeit der Experten, die Geschichten aus vergangenen Jahrhunderten ans Licht holen, fasziniert mich auch heute noch.

Je länger ich den Mann anschaue, desto mehr meine ich über ihn zu erfahren. Er war vielleicht ein geistlicher Würdenträger? Auf jeden Fall jemand mit einer Menge Lebenserfahrung. Er trägt eine gewisse Weisheit in sich. Das Leben bringt ihn aber auch dazu, mit einer gewissen Skepsis in die Welt zu blicken. Vielleicht ist er jemand, der jegliche Zurschaustellung von Reichtum und Status verurteilt? Dieses gewisse Understatement liebte auch Tizian in seinen Porträts. Und sicherlich war das ein Thema in Venedig, wo die Pracht zuhause war. Das ausschweifende Leben der Dogen und ihres Gefolges sind oft genug beschrieben worden.

Das ist das Besondere an Museumsperlen. Aus meiner Sicht sind das Bilder, die bei der Begegnung mehr als den reinen Kunstgenuss auslösen können. Es sind Kunstwerke, die man immer wieder besuchen möchte. Wie einen alten Bekannten. Denn man bringt ja selber jedes Mal eine andere Gestimmtheit mit. Dann entdeckt man wieder etwas Neues. Es macht Spaß, das Werk aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Oder sich mit weiteren Informationen zu nähern.

In diesem Sinne bin ich jetzt absolut zufrieden mit der Wahl, den Tintoretto für das #perlenfischen ausgewählt zu haben. Ich freue mich schon jetzt darauf, ihn bald wieder besuchen zu können. Vielleicht besucht ihr ihn ja auch mal? Dann grüßt ihn schön von mir.

 

 

 

 

4 Comments

  1. Liebe Anke,

    vielen lieben Dank für diese bezaubernde Museumsperle, die doch so zielsicher zu Dir fand, obwohl Dir die Entscheidung erst so schwer fiel 😉 freut mich wahnsinnig, dass Du so früh mit eingestiegen bist!!! Ich finde es wunderbar, wie viele Aspekte Du in Deinem #perlenfischen heraus arbeitest. Da ist zuallererst die Begegnung: ein jahrhundertealte Blick – festgehalten in einem Meisterwerk – der Dich fesselt. Der Künstler Tintoretto, das digitale Versinken im vergleichendem Sehen seiner Portraits. Der Sammlungsaspekt, der hier sogar Familiengeschichte miteinbezieht. Erinnerungen ans Studium und die Museums(pilger?)gänge zur Vertiefung… Schließlich weist Du uns, Deinen Lesern, die Orte, wo wir das Gemälde finden oder vielleicht in einer herausgehobenen Inszenierung & Jubiläumsausstellung besuchen können. 500 Jahre Tintoretto im Wallraff kommt definitiv auf die Reiseliste 2018!

    Herzliche Ostergrüße
    Sabine

    • Liebe Sabine,

      ich freue mich immer über Inspiration und habe euren Impuls gerne aufgenommen. Witzig, all das, was du bemerkt hast, war gar nicht bewusst geschrieben. Ich mag es nur selber gerne, wenn man etwas von allen Seiten betrachten kann. Aber jetzt, wo du es gesagt hast, finde ich auch, das slles so wunderbar passt.

      Herzliche Grüße
      Anke

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