Der Charme alternativer Ausstellungsorte

Ich stelle immer wieder fest, dass mich Ausstellungsorte faszinieren, die von sich aus schon eine Geschichte, eine gewisse Aura mitbringen. So wie zum Beispiel ein Hochbunker, in welchem sich unterschiedliche Künstler zu einer Gemeinschaftsausstellung zusammengefunden haben. Besonders überraschend fand ich auch die Begegnung mit Christian Boltanskis “Archives” in einem spießigen Ruhrpott-Wohnzimmer. Während die Gastgeber-Familie ihrem Tagewerk nachging, saß die Gruppe Kunstinteressierter auf der Eckbank und ließ sich von einer erstaunlich gut informierten Freiwilligen die Kunst von Boltanski erklären.

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Aus meiner Sicht ergeben sich ganz andere Möglichkeiten zum Dialog, wenn off spaces mit ihren verlebten Wänden und vergangenen Bedeutungen die Präsentation von Kunst zu einem Gesamterlebnis werden lassen. Oftmals entsteht in diesen Räumen dann über die Ausstrahlung und Haptik eine besondere Kontextualisierung, die das Eintauchen des Besuchers in die gezeigten Themen erst möglich macht.

Erinnern wir uns noch an die Forderung nach dem „white cube“, die der Kunstkritiker Brian O’Doherty 1976 so beschrieb: “Eine Galerie wird nach Gesetzen errichtet, die so streng sind wie diejenigen, die für eine mittelalterliche Kirche galten. Die äußere Welt darf nicht hereingelassen werden, deswegen werden Fenster normalerweise verdunkelt. Die Wände sind weiß getüncht. Die Decke wird zur Lichtquelle. Der Fußboden bleibt entweder blank poliertes Holz, so dass man jeden Schritt hört, oder aber wird mit Teppichboden belegt, so dass man geräuschlos einhergeht und die Füße sich ausruhen, während die Augen an der Wand heften …“ Ich meine, streng sagt doch schon alles. Und beobachtet man die vielen Besucher des elitären Kunstbetriebes, so ist das für die meisten Situationen auch das passende Adjektiv – ob auf Miene, Kleidung oder Stimmung bezogen.

In den 90er Jahren kamen Kuratoren wie Hans-Ulrich Obrist daher und verwandelten Küchen und Hotelzimmer in Ausstellungsorte. Eine Entwicklung, die sich auch gegen den vorherrschenden Snobismus im Ausstellungsbetrieb vor allem der Museen wenden sollte. Die Entwicklung von Ausstellungsräumen, die sich vor allem als Experimentierfelder verstehen und weniger den kommerziellen Aspekt in den Vordergrund stellen, bewegt sich sehr gerne in Zwischenräumen – als Zwischennutzer. Hier entwickeln sich in den Metropolen Orte der besonderen Art – wie zum Beispiel in Köln bei der Nutzung der städtebaulichen Katastrophe am Ebertplatz durch Bruch & Dallas zeigt. Eine Entwicklung, die Städte und Kommunen mit viel Leerstand auf vielfältige Art für sich nutzen können. Auf art-magazin.de werden regelmäßig die spannendsten off spaces Deutschlands veröffentlicht.

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Ein besonders schönes Kölner Beispiel für alternative Kunstorte ist das konterkarierend als „Museum“ bezeichnete Projekt von Kathrin Bergmann. Im „museum für verwandte kunst“ bringt sie im Souterrain eines Altbaus mitten im belgischen Viertel immer wieder Kölner Künstler zu verschiedenen Themenausstellungen zusammen. In einem angrenzenden Museumsshop werden dann Multiples und kleine Kunstwerke verkauft. Hier geht es gezielt um die Begegnung zwischen Gastgebern, Künstlern und Besuchern und die Atmosphäre ist so herzlich und einladend – und ganz anders als bei kommerziellen Ausstellungsprojekten.

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Im benachbarten Bonn wurde kürzlich in einer leeren Wohnung ein weiteres interessantes Ausstellungsprojekt an ungewöhnlichen Orten gestartet. In diesem speziellen Falle geboten es schon die außergewöhnlichen Fotografien , die in dem verfallenden Gelände der Internationalen Filmunion nahe Remagen gemacht worden sind, einen entsprechenden Ausstellungskontext herzustellen. Jetzt geht die Ausstellung in die zweite Runde und wird am kommenden Wochenende in einer spannenden Location in Remagen zu sehen sein. Den Termin sollte man sich unbedingt merken, um auf Entdeckungsreise zu gehen.

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One Comment

  1. Gestern dann konnte ich mich vor Ort von den tollen Fotos überzeugen und fand auch die “abgerockte” Location in der Remagener Fußgängerzone passend. Sicher ein toller Erfolg, bei den ganzen Interessenten die reinströmten. Und der ein oder andere Ehemalige der Calmuth, so hörte ich, konnte auch noch wertvolle Infos mitbringen. Weiter so! Das Projekt ist absolut gelungen.

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