Büdchenliebe

“Für 50 Pfennig Saures” sprach ich zaghaft in die Fensteröffnung hinein und reichte eine Mark herüber. Adi sammelte missmutig zehn saure Zungen in eine Papiertüte und reichte sie mir. Das Wechselgeld schleuderte er mit einem gezielten Schwung in die mit Zeitungen bedeckte Auslage…

Eine Erinnerung, die ca. 45 Jahre zurückreicht. Ich bin mir sicher, ihr habt ähnliche Geschichten, die ihr mit einem ganz bestimmten Büdchen verbindet. Habt beim Büdchen erste Erfahrungen mit dem “Einkaufen” gemacht. Gelernt,  mit Geld umzugehen. So ganz pragmatisch! Gleichzeitig war das Büdchen auch ein Ort voller Verheißungen. Das Warenangebot – ein kindliches Schlaraffenland. Und auch so manch Erwachsener wusste, dass es am Büdchen mehr als nur die Dinge des täglichen Bedarfs gibt.

Vor Kurzem besuchte ich einen feinen Büdchenabend im Buchladen Neusser Straße und lernte den fabelhaften Stefan Matthiessen kennen, der mit dem Foto-Projekt Am Büdche unterwegs ist. Erinnerungen poppten auf und jetzt möchte ich gerne von meiner Büdchenliebe erzählen.

“Beim Adi” – so hieß das Büdchen meiner Kindheit. Und es lag exakt auf halber Strecke meines Schulwegs. So übel gelaunt der Besitzer mir auch all die Jahre erschien, die ich bei ihm einkaufte. Er hatte bestimmt ein gutes Herz. Denn man konnte bei ihm anschreiben! Wenn man gerade sehr dringenden Kischo-Bedarf hatte zum Beispiel. Später schickten wir an langweiligen Sonntagnachmittagen immer die “Kleinen” etwas beim Adi einkaufen. Brav trabten meine jüngeren Geschwister dann mit einer Liste zum Büdchen. Es war das Privileg der Älteren, diese zu diktieren!

Eine Generation später gab es den Kiosk immer noch. Adi hatte ihn an seinen Sohn weitergegeben. Und meine Tochter kaufte jetzt bei ihm ein. Der Junior schien aber nicht so der geborene Büdchenbesitzer und irgendwann waren immer andere Gesichter hinter der Fensteröffnung zu sehen. Sie sahen sehr nach Studenten der nahen Sporthochschule aus. Das Angebot des Büdchens wurde ein bisschen schicker und die Fensteröffnung wurde vergrößert. Braunsfeld ist jetzt ein beliebtes Viertel für junge, gut situierte Familien. Immer wenn ich in die Gegend fahre, denke ich an Adi zurück. Und an die unnachahmliche Handbewegung, mit der er das Wechselgeld herausgab.

Büdchen am Lenauplatz

Was dem Kölner sein Büdchen ist, das ist andernorts die Bude, Trinkhalle, das Milchhäuschen. Es gibt unzählige Bezeichnungen. Aber gemeinsam ist diesen Orten die soziale Struktur. Nachbarschaftshilfe und Kommunikationsbörse – wichtige Eckpfeiler eines jeden Büdchens. Es gibt übrigens schon seit 10 Jahren einen Verein für dieses Lebensgefühl! Den 1. Kioskclub in Dortmund (irgendwie ist die Website da gerade kaputt…). Die haben unlängst einen fantastischen Tag der Trinkhallen veranstaltet. Können wir so etwas bitte auch für Köln machen?!!!

Für Kölner ist das Büdchen eine unverzichtbare Konstante im Veedel. Man hat sein Stammbüdchen. Zumindest noch. Denn die Entwicklungen zeigen, dass sich diese kleine Nische zwischen Lebensmitteleinzelhandel und Eckkneipe auch durchaus im Überlebenskampf befindet. Schon immer war das Büdchengeschäft nur mit einem großen Maß an Selbstausbeutung machbar. Und nicht von ungefähr waren das meistens nur als Familienbetrieb möglich.

Als ich mich vor Jahren mit der Entwicklung einer Kölner Büdchentour beschäftigt habe, lernte ich nicht nur die Geschichten einiger Kölner Büdchenbetreiber kennen, sondern war auch ganz fasziniert von den Hintergründen der historischen Entwicklung einer deutschen Kioskkultur. Das spannende Buch von Elisabeth Naumann habe ich dazu verschlungen. Es sei jedem Fan wärmstens empfohlen. Man erfährt von der Entstehung der Kioske im orientalischen Raum, lernt eine Menge über die “Kurorte des kleinen Mannes” und kann soziologische Studien zum Essen und Trinken in der Öffentlichkeit verfolgen. Ein Standardwerk! Darin fand ich auch ein herrlich schräges Gedicht von Hans Magnus Enzensberger, das von drei ältlichen Schwestern in ihrer Bretterbude erzählt.

Büdchen am Neumarkt

Jedes Büdchen stellt einen eigenen Mikrokosmos dar. Das Verkaufsangebot ist ein Spiegel der Menschen, die dazugehören. Es soll angeblich 500 Büdchen in Köln geben, vielleicht sind es aber auch mehr. Also: es sind mindestens 500 Geschichten, die erzählt werden wollen. Eigentlich ein schönes Projekt. Ich versuche es heute mal mit einem Akrostichon als Verneigung vor dem Büdchen.

B edarf
Ü berlebenswichtiger
D inge
C harmantester
H ausmarken
E ndloser
N arrationen

Übrigens: Saure Zungen sind nicht mehr mein Lieblings-Süßkram. Ich hab jetzt Konfektstangen lieber. Und immer schon die Lakritzschnecken!!

buedchen3

 

 

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2 Comments

  1. Hallo Kulturtussi, ich möchte hier noch meine Zeichnung eines sehr besonderen und schönen Kiosk besteuern, den ich in Helsinki gezeichnet habe. Der Link führt zu meiner Flickr-Seite: https://www.flickr.com/photos/manfredschloesser/5929437673/in/set-72157627062906919
    Dazu meine Aufzeichnungen: “The final destination of our sailing trip from Stockholm was Helsinki. The weather was subtropical and we found this Kiosk in the old Art Deco district. The bartender Wesq told me that this Kiosk was builtt in the 1950s and is the only one with a beer licence. And he is proud of it. He told me also Helsinki ranks on position 19 of the most expensive places of the planet.”

    • Hallo Manfred,
      tolles Bild. Und sehr spannende Geschichte, dass der Kiosk eine Bierlizenz hat. Das ist ja sicher eine Goldgrube für dortige Verhältnisse.

      Herzlichst
      Anke

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